14. Gegen Ferdinand Lassalle (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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14. Gegen Ferdinand Lassalle.

Wie sich doch die Zeiten ändern und die Menschen im Verlauf der Zeiten! Als ich zuerst am 7. Juni 1863 Herrn August Bebel kennen lernte, war er noch ein Paulus und nicht der spätere Saulus. Wir fanden uns damals zuerst zusammen zu gemeinsamen Kundgebungen gegen Ferdinand Lassalle und seine sozialdemokratischen Agitationen. Es war auf dem ersten Vereinstag der Arbeiterbildungsvereine, der am 7. und 8. Juni 1863 in Frankfurt a. M. stattfand.

Bebel war Vertreter eines Leipziger, ich Vertreter eines Düsseldorfer Arbeitervereins. Bebel war 23 Jahre alt und Drechslergeselle, ich 24 Jahre alt und Regierungsreferendar. Redegewandt war Bebel nach meinen Erinnerungen schon damals, obwohl er ebensowenig wie ich auf jenem Kongreß besonders in den Vordergrund getreten ist. Einen bitteren Fanatismus habe ich an Bebel [96] erst später bemerkt, als er nach 1870 die zweijährige Festungshaft verbüßt hatte, zu der er, meines Erachtens ungerechter Weise, wegen Vorbereitung zum Hochverrat verurteilt worden war.

Damals hatte Lassalle kurz vorher im März durch das „Offene Antwortschreiben“ seine Agitationen begonnen. Ich hatte diesem Vorgehen trotz meiner Examenarbeiten in Düsseldorf sogleich große Aufmerksamkeit gewidmet und bereits am 30. April im Handels- und Gewerbeverein und am 3. Mai 1863 im Handwerkerverein Vorträge gegen Ferdinand Lassalle gehalten, welche bald darauf als Broschüre unter meinem Namen im Druck erschienen unter dem Titel: „Die wirtschaftlichen Bestrebungen von Schulze-Delitzsch im Gegensatz zu den sozialdemokratischen Irrlehren von Lassalle“, Düsseldorf, Verlag von Theodor Stahl.

Den damals gegen die Sozialdemokratie begonnenen Kampf habe ich, von denselben Anschauungen ausgehend, nunmehr bald 30 Jahre hindurch geführt, zuletzt litterarisch in meinen Broschüren aus den Jahren 1890 und 1891 über „Die Irrlehren der Sozialdemokratie“ und die „Sozialdemokratischen Zukunftsbilder“. Die Sozialdemokratie selbst hat inzwischen manche Wandlungen erfahren und dasjenige, was damals Lassalle gepredigt und was 28 Jahre hindurch von der gesammten Sozialdemokratie mit Fana-[97]-tismus als Evangelium verehrt und gelehrt worden ist, das „eherne Lohngesetz“ und das Allheilmittel der Produktivgenossenschaften mit Staatskredit ist 1891 im Erfurter Programm preisgegeben worden als „durchaus verwerflich und demoralisirend“, wie es Karl Marx schon 1875 bezeichnet hatte.

Die Vorträge gegen Lassalle im Düsseldorfer Handwerkerverein veranlaßten in demselben meine Wahl zu dem oben erwähnten Vereinstag nach Frankfurt a. M. Hier fanden sich damals die Delegirten von 54 Arbeiterbildungsvereinen zusammen und sprachen sich in Resolutionen aus über die Ziele der Fortbildung der Arbeiter, für die Beseitigung der Hemmnisse der Arbeit durch Gewerbefreiheit und Freizügigkeit, für die Gründung von Invalidenkassen auf dem Boden der Selbsthilfe und für die kräftige Förderung des Genossenschaftswesens nach Schulze-Delitzsch. Mit Hochs auf Schulze-Delitzsch wurde der Vereinstag geschlossen, nachdem ein deutscher Verband der Arbeiterbildungsvereine mit einem ständigen Ausschuß gegründet worden war. — Ich erinnere mich insbesondere noch der begeisterten Aufnahme, welche wir Delegirten bei den Offenbacher Arbeitern auf einem Ausfluge dorthin fanden. Zu den Leitern des Verbandstages gehörten insbesondere auch die Gebrüder Wirth und Herr Leopold Sonnemann.

Erst in den folgenden Jahren hat sich Herr [98] Bebel mehr und mehr zum Sozialismus bekehrt. Es entstanden späterhin Spaltungen in dem damals gegründeten Verband der Arbeitervereine. Der Verband löste sich 1867 in verschiedene Gruppen auf. Eine süddeutsche Gruppe bildete den Kern der 1868 begründeten Volkspartei, während andere Arbeitervereine unter Führung von Bebel und Liebknecht 1869 als die sogenannten „Eisenacher“ eine besondere sozialdemokratische Partei bildeten. Die letzteren haben sich bekanntlich 1875 mit den Lassalleanern zu der heutigen sozialdemokratischen Partei vereinigt.

Ich brachte damals von Frankfurt a. M. nach Düsseldorf eine Summe neuer Anregungen mit und wandte mich, soweit mir die Examenarbeiten dazu irgend Zeit ließen, fortan mit großem Eifer der praktischen Förderung der Arbeiterbildungsvereine und des Genossenschaftswesens zu. Bis ich späterhin durch die parlamentarische und durch die eigentlich politische Thätigkeit mehr und mehr abgezogen wurde, habe ich in den unmittelbar folgenden Jahren einen großen Teil meiner freien Zeit jenen Bestrebungen zugewandt und dabei für mich persönlich manche praktischen Erfahrungen in wirtschaftlicher, sozialer und politischer Beziehung eingeheimst, insbesondere aus dem unmit[t]elbaren persönlichen Verkehr mit Handwerkern und Arbeitern in Versammlungen und Vorstandssitzungen. [99]

Im Düsseldorfer Handwerkerverein hielt ich 1863 und 1864 in dem bescheidenen Lokal, Ecke Flinger- und Akademiestraße, eine große Reihe von Vorträgen aus dem Bereich meines Wissens über öffentliche Dinge, insbesondere nach dem Muster der damaligen Berliner Vorträge von Schulze-Delitzsch über Gegenstände aus der Volkswirtschaftslehre, Arbeitsteilung, Arbeitslohn, Kapital, Rente und dergl.

Im August 1863 gründete ich einen Konsumverein in Düsseldorf nach Schulze-Delitzsch. Nach einem Vortrag von mir über die Erfolge der bekannten Pioniere von Rochedale in England traten 53 Mitglieder, zumeist Arbeiter und Handwerker, zur Gründung eines Vereins zusammen. Bis Oktober war die Mitgliederzahl soweit gewachsen, daß wir in der Bilkerstraße einen eigenen Laden eröffnen konnten. Bis zu meinem Fortgang von Düsseldorf Ende 1864 habe ich die Geschäfte dieses Vereins persönlich geleitet, mich an dem Wareneinkauf beteiligt, den Verkauf unmittelbar beaufsichtigt und dabei soviel vom Kleinhandel, von den Praktiken der Verkäufer, den schlechten Gewohnheiten und Vorurteilen der Käufer, der Verderblichkeit des Borgens und Anschreibens gelernt, daß ich, wenn der sozialdemokratische Zukunftsstaat demnächst eingerichtet werden sollte, und ich, wie vorauszusehen, bei Beseitigung jedes selbständigen [100] Schriftstellertums keine Verwendung in meinem eigentlichen Beruf mehr finden würde, immerhin noch als Verkäufer oder Austeiler in der Kolonialwaarenbranche zu brauchen sein würde.

Der Düsseldorfer Verein hatte im ersten Jahre seines Bestehens über 30000 Mk. Umsatz. Der Verein fand insbesondere unter den Beamten der Post- und Steuerverwaltung eine gute Aufnahme. Sogar die Menageverwaltungen der Truppenteile schlossen sich dem Verein an, während die Mahl- und Schlachtsteuerverhältnisse für die Ausbreitung des Vereins unter den Arbeitern ein Hindernis bildeten.

Unter meiner Mitwirkung schlossen sich die Konsumvereine vom Niederrhein und aus Westfalen[,] zumeist Vereine von Fabrikarbeitern, eng zusammen und hielten 1863 und 1864 Vereinstage ab in Barmen, Düsseldorf und Duisburg.

Beschrieben habe ich diese ganze Bewegung und Thätigkeit unter meinem Namen damals in dem „Arbeiterfreund“, dem Organ des Centralvereins in Preußen für das Wohl der arbeitenden Klassen, zweiter Jahrgang, 4. Heft. (Die Konsumverein am Niederrhein und in Westfalen“, von Eugen Richter, Düsseldorf im September 1864).

Meine durch die Konsumvereine vermittelten Verbindungen mit Arbeiterkreisen am Niederrhein bewiesen mir auch, wie wenig Boden die da-[101]-maligen Agitationen von Ferdinand Lassalle am Niederrhein unter den Arbeitern fanden. Es waren nur ganz kleine Zirkel von einigen Dutzend Personen, welche sich hier und dort zu Lassalle hielten. Durch allerlei sensationelle Mache und marktschreierisches Wesen suchte man freilich für die Versammlungen von Ferdinand Lassalle Neugierige anzulocken. Zu den Literaten, welche damals in die Posaune für den Wunderdoktor Lassalle stießen, gehörte auch Paul Lindau, zu jener Zeit Redakteur der „Düsseldorfer Zeitung“.

Ich habe Ferdinand Lassalle in Düsseldorf wiederholt persönlich gesehen, auch seine letzte Verteidigungsrede vor Gericht in Düsseldorf im Sommer 1864 mit angehört. Niemals später bin ich im öffentlichen Leben einer so durch und durch geckenhaften, eitlen Persönlichkeit wieder begegnet, bei welcher die Arbeiterfreundlichkeit derart angenommene Maske war im Widerspruch mit dem ganzen Kern seines Wesens. Hätte nicht schon am 31. Juli 1864 aus Anlaß des bekannten Liebesabenteuers die Kugel des Herrn v. Racowicz Lassalles Leben ein Ziel gesetzt, so würde nach meiner Ueberzeugung Lassalle alsbald schon selbst auch mit dem nächsten Kreise seiner Anhänger in Zwiespalt geraten und von denselben verlassen worden sein.

Gerade in der letzten Zeit seines öffentlichen Auftretens kokettirte Lassalle in jeder Weise mit [102] der Protektion seiner Bestrebungen durch den Ministerpräsidenten v. Bismarck und den König von Preußen. Heute wissen wir, daß Lassalle in seinen Berufungen auf Bismarck gar nicht so Unrecht hatte. Bismarck suchte eben Lassalle auszunutzen, um der Fortschrittspartei, mit der gerade damals die Verfassungskämpfe geführt wurden, durch eine Arbeiterbewegung in den Rücken und in die Flanken zu fallen.

Schon damals begann man in Regierungskreisen unsicher zu werden, wie man sich gegenüber Lassalle zu verhalten habe. Man würde auch sehr irren, wenn man glauben wollte, daß mein damaliges Auftreten gegen Lassalle in Wort und Schrift etwa dazu angethan gewesen wäre, mich in diesen Kreisen zu empfehlen. Ich war mir im Gegenteil bewußt, daß die Wirkung eher eine entgegengesetzte sein werde, und meine späteren Erfahrungen haben es vollauf bestätigt, daß gerade diese Thätigkeit in Handwerkervereinen und Konsumvereinen mir mehr verübelt worden ist als die „Magdeburger Spukgeschichte“ und die Broschüre über die „Freiheit des Schankgewerbes“.

Ich aber habe bei dieser Seite meiner Thätigkeit in Arbeitervereinen und Konsumvereinen damals weit mehr für das spätere Leben gelernt, als bei allen Examenarbeiten jener Zeit zusammen genommen. [103]

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