Liebknecht: Deutschland soll Rußland Halt gebieten

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Neue Freie Presse, Wien, 31. Januar 1878

In Dresden hat vor drei Tagen eine von 2000 Personen besuchte Volksversammlung stattgefunden, in welcher der socialistische Reichstags-Abgeordnete Liebknecht über die orientalische Frage sprach. Der Redner erklärte, er halte den gegenwärtigen Krieg auf der Balkan-Halbinsel für die Folge des Krieges von 1870/71. Die Haltung, welche Rußland damals bewiesen, berechtige es nun zu der Forderung, daß sich Deutschland neutral halte, neutral allerdings in einer Weise, die den bisherigen Begriffen von Neutralität nicht entspreche. Deutschland verhindere Oesterreich, seine Interessen zu wahren, und Oesterreich habe wichtigere Interessen als selbst England an dem Ausgange des Krieges. Nach Plevna, als sich die russische Macht als unbedeutend im Verhältnisse zur Macht Deutschlands erwiesen, hätte Deutschland Rußland Halt gebieten müssen. Die Folgen der deutschen Politik in der Orient-Frage würden sich bald genug zeigen. Deutschland habe seine Aufgabe verkannt. Liebknecht’s Rede wurde lebhaft applaudirt.

Anmerkung

Wilhelm Liebknecht war, bevor er sich zum Marxismus bekehrte, Demokrat. Wie auch bei anderen Gelegenheiten fällt er in unter Demokraten verbreitete Positionen zurück, wenn ihm der Marxismus kein Urteil an die Hand gibt. Und für Demokraten, unter denen die Sozialdemokraten auch ihre Wähler suchen, ist Rußland das rückständigste Land Europas.

Entsprechend neigen sie während des russisch-türkischen Krieges dazu, Partei gegen Rußland und für die Türkei zu ergreifen (ähnlich auch die fortschrittlichen „Berliner Wespen“, übrigens genau umgekehrt wie die Liberalen, insbesondere die Manchesterliberalen in England). In Sachsen kann Liebknecht zudem auch an eine großdeutsche Stimmung appellieren, wenn er zur Niebelungentreue mit Österreich aufruft.

Liebknecht hatte 1870 den Krieg gegen Frankreich abgelehnt und sich zusammen mit August Bebel bei der Abstimmung über die Kriegskredite der Stimme enthalten. Auf Drängen Bebels stimmte er dabei allerdings nicht gegen die Kredite. In der sozialdemokratisch ausgerichteten Geschichtsschreibung wird diese belanglose Aktion zu großer Prinzipientreue hochstilisiert, bei der die Proletarier aller Länder einen Krieg unmöglich machen wollten.

Wie die  vorliegende Episode während des russisch-türkischen Krieges zeigt, handelt es sich keineswegs um eine prinzipielle, sondern nur um einem taktische Wahl, ob man in einen Krieg einsteigen will. Aus Sicht der Sozialisten ist ein Krieg gegen Frankreich nutzlos oder sogar schädlich, wenn er nur dazu dienen würde, die Vorherrschaft Preußens in Deutschland zu zementieren. Gegen Rußland ist man hingegen feindselig eingestellt, sodaß es in diesem Fall keine internationale Proletariersolidarität gibt. August Bebel wird später im Reichstag ausrufen, daß er auf seine alten Tage noch ein Gewehr schultern werde, falls es zu einem Krieg gegen Rußland kommt.

Wenn Liebknecht hier gegen die Neutralität Deutschlands polemisiert und den Schulterschluß mit Österreich fordert, dann muß er die Konsequenz einer kriegerischen Auseinandersetzung mit Rußland billigend in Kauf nehmen. Die Verblüffung darüber, daß die lange eingeübten Reflexe 1914 dann die Sozialdemokraten zur Bewilligung der Kriegskredite brachten, ist vor dem Hintergrund mehr einer verzerrten Geschichtsschreibung zuzurechnen.

In der 1878 erschienenen Schrift „Zur orientalischen Frage oder Soll Europa kosakisch werden?“ (auch interessant wegen verblüffender Wendungen wie dem Vorwurf an die Manchesterliberalen „vaterlandslos“ und „Sentimentalitätsdusler“ zu sein) reklamiert Liebknecht für die Sozialdemokraten zunächst den Nationalismus (Vorwort vom 26. Januar 1878, Seite 4):

An das deutsche Volk aber wende ich mich, weil ich es für ein „Culturvolk“ halte, zu gut, um seine „Knochen“ für eine Politik zu opfern, die unseren nationalen Interessen ebenso feindlich ist, wie den Culturinteressen der ganzen zivilisirten Welt. Ich will ihm zeigen, daß die einzige Partei, welche eine echt nationale, das heißt die Intetessen des deutschen Volkes fördernde Politik hat, gerade die Partei ist, der man die Leugnung, die Bekämpfung des nationalen Prinzips vorwirft, und daß, anderseits, gerade die Partei, die Politik unsere Nationalinteressen bekämpft, sie dem „Erbfreund“ genannten „Erbfeind“ preisgiebt, welche sich mit Vorliebe in den Mantel der Nationalität hüllt.

In Liebknechts Analyse führt Rußland Deutschland am Nasenring. Bismarck, der sich recht geschickt aus dem Konflikt aus dem Balkan heraushält, wo Deutschland keine Interessen hat, wird beschuldigt, für die russische Seite zu arbeiten, indem er Österreich aus dem Krieg heraushält. Nach der Türkei werde Österreich-Ungarn zerschlagen werden und Bismarck spekuliere darauf, die deutschen Landesteile zu annektieren. Liebknecht beklagt sich insbesondere darüber, daß Deutschland keine Politik auf dem Balkan treibe.

Man solle zusammen mit Österreich gegen Rußland vorgehen, sonst drohe ein europäischer Krieg, oder in den Worten des Generalrats der Internationalen Arbeiterassoziation ein „Racenkrieg“ gegen die „verbündeten Slaven und Romanen“ (Seite 10).

Liebknecht liegt hier sowohl bei Analyse als auch Vorhersagen falsch. Um die Sache einfach zu halten, fokussiert er sich nur auf die Greueltaten der russischen Seite. Die türkische Seite wird demgegenüber in rosigen Farben ausgemalt (Seite 44):

Die muhamedanische Religion ist die einzige tolerante Religion, sie „unterdrückt“ den Andersglaubenden nicht, ja verbrennt ihn nicht einmal, wie das berechtigte Eigenthümlichkeit des Christenthums ist, wo es kann.

Für Rußland und, was auch durchscheint: Slawen im allgemeinen, hat Liebknecht nur Abfälliges zu vermelden. Deutschland müsse einmal richtig durchgreifen (Seite 46):

Möge das Schauspiel der grauenhaften Blut- und Eisen-Orgien auf der Balkanhalbinsel, des gestörten Handels, der darniederliegenden Industrie, des Massenelends, der zunehmenden Verrohung — möge die politische und wirthschaftliche Unsicherheit, die Kriegsgefahr, die unserem Vaterland drohende Vergewaltigung durch das despotische, halbwilde Rußland dem deutschen Volke die Augen öffnen, es zur Erkenntniß seiner Interessen und Pflichten bringen! Soll Ordnung werden in Europa, so muß das Volk Ordnung schaffen, indem es die Leitung seiner „Geschicke“ selbst in die Hand nimmt und die Ruhestörer und Unheilstifter unschädlich macht.

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