Eine Bärenjagd in Wien

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Berliner Gerichtszeitung, 2. Februar 1878

Eine Bärenjagd in Wien. In Künstlerkreisen beschäftigt man sich schon seit einigen Wochen mit dem Costümfest der Gesellschaft der Musikfreunde, in welchem vornehmlich eine Gruppe der Germanen mit großer Sorgfalt arrangirt werden soll. Die alten Germanen liebten das Bärenfleisch, und dies historische Detail brachte einen Menagerie-Besitzer aus dem Prater auf die Idee, dem Obmann jener Gruppe zwei Bären um den Preis von 30 fl. anzubieten Der Handel ward geschlossen, und der Menagerie-Besitzer knüpfte nur die Bedingung daran, daß die Thiere auf Kosten des Käufers erschossen werden mußten. Von dieser Clausel hörte ein passionirter Nimrod, und die Idee, mitten im strengsten Winter in den bekanntlich so fürchterlichen Wäldern des Praters zwei gewiß sehr wilde Bären schießen zu dürfen, packte den Jäger mit unwiderstehlicher Macht. Er zahlte den Preis von 60 fl. für die Erlaubniß, die Gebrüder Petz erlegen zu dürfen, so daß das Comité der Gerrnanen ganz unentgeltlich zu seinen zwei Bären kam. Der kühne Bärenjäger begab sich sodann ohne jede Begleitung und bloß die treue Flinte im Arm in den Prater. Dort waren die wilden Tksiere, welche schon manchem Menschenkind, das Entrée gezahlt, furchtlos ins Auge geschaut, in ihrem Käfige des bewaffneten Mannes gewärtig. Der Wärter commandirte: „Hollah, hopp!“ Die Bären richteten sich schrecklich hoch empor; aber was vermag das blutdürstige Thier gegen Menschenwitz und Menschenlist, gegen sicher entsendetes Blei auszurichten? Ein Blitz, ein Knall und noch einmal dieselbe Vorstellung, und die Bären lagen, in die Brust getroffen, auf dem Fußboden des Käfigs. Dann zog der Jäger aus dem fernen Prater heim nach der sicheren Stadt; die Bärenjagd war glücklich vorüber, und die Freunde riefen dem Heimkehrenden ein donnerndes Waidmanns-Heil zu. Jetzt liegen die besten Bärenstücke in der Beize, und beim großen Costümfest der Künstlerabende sollen sie von den Germanen fröhlich verspeist werden.

Umrechnung

1 österreichischer Gulden (Abkürzung: fl.) = 2 Mark = (nach Kaufkraft ungefähr) 20 Euro

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