Die letzte Verschanzung des Vorurtheils

Dieser Artikel wurde 1780 mal gelesen.

Allgemeine Zeitung des Judenthums, 12. Februar 1878

— Der hiesigen [fortschrittlichen Berliner] „Volkszeitung“ schreibt man aus Dresdens vom 29. Januar: „Im vorigen Jahre meldete sich ein preußischer Arzt in Dresden zum Eintritt in den activen Dienst des sächsischen Sanitätscorps. Er wurde zurückgewiesen, weil — er Jude sei. Wenige Wochen daraus kam er wieder, den inmittelst erworbenen Taufschein in der Hand — und fand nun Gnade und Aufnahme in das Sanitäts-Officiercorps. Dem Proselyten wurde gewährt, was dem Juden versagt war. Es soll hier nicht darüber moralisirt werden, welchen Werth — selbst in den Augen des religiös Freisinnigsten — ein derartiger Religionswechsel haben kann; noch darüber, ob das im Punkte der Ehre bekanntlich so feinfühlige Officiercorps in solch’ einem Juden von gestern einen besseren, edleren Menschen zu erblicken berechtigt ist, als in einem Manne, der bleibt was er ist, sei es aus Ueberzeugung, sei es aus Abneigung gegen confessionelle Speculationsgeschäfte. Aber — das dürfen wir mit Recht fragen, wie reimt sich diese thatsächliche Ausschließung der Juden vom höheren Militärarztdienst und vom Officierstande mit der reichsgesetzlichen Gleichstellung aller Consessionen? Ausdrücklich sei bemerkt, daß dieser Ausschluß kein sächsisches Product, sondern eine vom Reich im Jahre 1873 eingeführte Neuerung ist. In Sachsen gab es damals einen, bis in die höheren Rangstufen aufgestiegenen Militärarzt jüdischer Religion. Seit aber im Jahre 1873 die höheren Militärärzte Officierscharakter erhielten, ist den Israeliten im deutschen Reiche diese Carrière abgeschnitten. Das Officierscorps hat in der Ballotage ein ausreichendes Mittel zur Abwehr mißliebiger Elemente. Eine grundsätzliche Zurückweisung der Juden ist eben so rechts- und verfassungswidrig als charakteristisch für die Halbheit unserer Zustände. Da ist man doch in Oesterreich, Italien, Frankreich dem culturkämpfenden Deutschland um manchen Schritt voraus! Wohlgernerkt: zu Unterärzten, Landwehrofficieren und höheren Landwehrmilitärärzten läßt man Juden zu, und wenn es wieder einmal zum Kriege kommt, auch zum höheren activen Dienst. Aber — so lange Frieden bleibt — ist das Officierspatent und der höhere Sanitätsdienst den Juden versperrt!“ (Aus Frankreich haben wir erst in der jüngsten Zeit mehrfache Beförderungen von Officieren jüdischer Religion zu höheren Graden — auch zum Generalsrang — zu melden gehabt. Wenn in Preußen seit einigen Jahren die Zurücksetzung der jüdischen Intelligenz, die früher zum System gehörte, nicht mehr stattfindet, so haben wir das Militärwesen noch als die letzte Verschanzung des Vorurtheils zu betrachten!)

Dieser Beitrag wurde unter 1878, Antisemitismus, Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar