Griechenland steigt in den Krieg ein – und wieder aus

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Neue Freie Presse, Wien. 5. Februar 1878

Wien 5. Februar.

Aus Athen liegt heute das erste Kriegsbulletin vor. Das Gros dee griechischen „Armee“, bestehend aus ganzen zehn Bataillonen, fünf Batterien und einer Escadron, hat am 2. d. M. zwischen 8 und 10 Uhr Morgens die thessalische Grenze überschritten. Blut ist hierbei keines vergossen worden, denn die türkischen Grenzposten übergaben dem Connnandanten der griechischen Armee, General Soutzo, die Schlüssel der Grenzkasernen. Die türkischen Soldaten zogen sich aus Domoko (Damokos) zurück, wo sich eine 2000 Mann starke türkische Garnison befinden soll und wohin sich die griechische Hauptarmee gestern gewendet hat. Die Straße von Domoko führt über Phersala nach Larissa, dene wahrscheinlichen Marschziel der Griechen. Ob gleichzeitig auch in Epirus griechische Truppen eingefallen sind, ist nicht bekannt, doch sehr fraglich, da, nach Abschlag der unter Soutzo in Thessalien eingerückten Truppen, Griechenland nur noch über zwei Bataillone, drei Escadronen und eine Batterie mit sechs Kanonen verfügt, welcher König Georgios in Athen zu seinem persönlichen Schutze dringend benöthigen dürfte. Wenn somit in Epirus die Feindseligkeiten ebenfalls begonnen haben, so können es nur neuhellenische Räuberbanden sein, welche die Freiheit nach den östlichen Abhängen des Pindusgebirges bringen wollen.

Neue Freie Presse, Wien, 6. Februar 1878

Wien, 5. Februar.

Der griechische Feldzug geht seinem Ende entgegen. Wie uns aus Triest telegraphirt wird, ist Hobart Pascha bereits gestern mit einem Theile der türkischen Panzerflotte auf der Höhe des Piräus erschienen, und hat bereits diese Thatsache auf das Volk der Griechen so ernüchternd gewirkt; daß die Kriegsbegeisterung wie eitel Dunst verflogen ist und die Regierung in Athen in ihrer Angst und Noth nichts Besseres zu thun wußte, als den Schutz der Tractatsmächte anzurufen. Gleichzeitig soll das griechische Cabinet mea culpa gerufen und versprochen haben, die „Armee“ aus Thessalien zurückzuziehen.

Die griechische Regierung kann in der That mit Rücksicht auf die momentane Lage nichts Gescheiteres thun, als für ihr völkerrechtswidriges Vorgeben Absolution zu erbitten. Die zerrissene Küste Griechenlands hat zur Folge, daß beinahe alle größeren Städte am Meere selbst oder in solcher unmittelbaren Nähe desselben liegen, daß sie mit den modernen Geschützen beschossen werden können. Insbesondere ist dies mit der Hauptstadt des Landes, Athen, der Fall. Nächst der Rhede von Phaleros können sich die größten Kriegsschiffe der am Südende aon Athen gelegenen Akropolis aus 3/4 deutsche Meilen nähern und daher der griechischen Hauptstadt unberechenbaren Schaden zufügen. Der Hafen von Athen, der Piräus, kann sogar von zwei Seiten, nämlich von der Rhede von Phaleros und vom Porto Drako aus ins Feuer genommen und die Früchte einer fünfzigjährigen Arbeit in wenigen Stunden zerstört werden. Nach übereinstimmenden Nachrichten hat die griechische Regierung nur sehr geringe Vorbereitungen getroffen, um einen türkischen Angriff von der Seeseite durch Strandbatterien oder Torpedos abwehren zu können. Vielleicht werden solche Vorbereitungen ausnahmsweise bei Athen grtroffen. Alle Orte und die ganze Küste zu schützen, ist jedoch mit Rücksicht auf deren große Entwicklung nicht möglich, und blühende Handelsstädte wie Nauplia, Korinth, Patras, Korfu u. s. w. sind dem sicheren Verderben ausgesetzt. Hoffentlich wird die griechische „Armee“ bald wieder in ihrem Uebungslager bei Lamia eintreffen und sich dort auch in Zukunft wie bisher einem nur durch die Jagd auf Räuber stellenweise unterbrochenen Still-Leben hingeben.

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