16. Ueberall abgewiesen (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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16. Ueberall abgewiesen.

Was kostet Berlin? In diese Frage allein läßt sich das Hochgefühl und Selbstbewußtsein zusammenfassen, wenn man nach 1 ½ Jahren alle Plackereien des großen Examens glücklich überwunden hat und sich als einen reglementsmäßig fertigen höheren Beamten ansehen darf. Ich hatte doppelten Grund, mich zu freuen, insoweit nunmehr am Ziele zu sein.

In gehobenster Stimmung speisten wir Prüflinge, als wir aus dem Marterzimmer im Finanzministerium am Kastanienwäldchen erlöst waren, zusammen im feinsten Restaurant Unter den Linden. Einer von uns jubelte doppelt, denn daheim hatte seine Braut all sein Hangen und Bangen mit durchgemacht. Ein anderer erfuhr erst am folgenden Tage, daß er durchgefallen war.

Es war herkömmlich, daß sich die Durchgekommenen Tags darauf den Herren „Disziplinarministern“, also dem Finanzminister und [116] dem Minister des Innern vorstellten. An Stelle des Finanzministers v. Bodelschwingh empfing uns der Ministerialdirektor Günther, der spätere Oberpräsident in Posen, welcher vor kurzem gestorben ist. Günther war ein hochfahrender starr-konservativer Bureaukrat. „Ach, es kommen der Herren gar so viele“, war die Anrede bei unserem Empfang, wobei er uns nicht einmal zum Niedersitzen einlud. Eisiger konnten wir freilich nicht in unserm Hochgefühl erkältet werden, als durch eine Anrede, wie sie sonst nur lästigen Personen gegenüber zur Abwehr angewandt wird.

Nach dreijährigem Universitätsstudium, fünfjährigem Vorbereitungsdienst und drei Examen meinerseits, nach allen Opfern und Entbehrungen, die sich um meinetwillen Vater und Mutter auferlegt, erhielt ich mit den Kollegen, mit welchen ich zusammen die Aufwartung machte, von Amtswegen das Anerkenntnis, ein ganz überflüssiger Mensch zu sein. Man hatte eben den Ueberfluß an Assessoren und brauchte deshalb nicht höflich zu sein. Ich fand an mir selbst aufs Schärfste die nationalökonomische Lehre bestätigt, daß der Verkehrswert von dem Verhältnis von Angebot und Nachfrage abhängt, und der Arbeitsaufwand noch nicht den Gebrauchswert garantirt.

Ganz anders verlief der folgende Besuch bei dem Minister des Innern, Grafen zu Eulenburg. Er unterhielt sich in freundlicher Weise mit uns, [116] mehr im Tone eines älteren wohlwollenden Kollegen als eines steifen Vorgesetzten.

Indeß stand mein Sinn damals auf nichts weniger als darauf, nunmehr eine Reihe von Jahren als unbesoldeter Assessor in Düsseldorf auf den Lorbeeren des Examens auszuruhen. Aus den Taschen meiner Eltern zu leben, das war äußerlich für mich keine Existenz, und konnte mir auch innerlich keine Befriedigung gewähren. Irgend ein kleines Dezernat zu verwalten, mit wenig Abwechselung in demselben engen Kreis von Fragen mich zu bewegen, mit Hilfe eines wohlgeschulten Sekretärs bald aus den Erlassen der Oberbehörden Weisungen für die Unterbeamten zu ziehen, bald wieder aus den Berichten der Unterbehörden Generalberichte für die Oberbehörden anzufertigen, bei alledem zwar sehr viel Akten, aber destoweniger Menschen kennen zu lernen, alles dies erschien mir nach Inhalt und Umfang der Arbeit mehr einem wohltitulirten Müßiggang, als einem ernsten Lebenszweck gleichzukommen.

Meine nächste Absicht ging dahin, in andern Verwaltungsgebieten Neues zu lernen, meinen Gesichtskreis zu erweitern und dabei möglichst früh einen selbstständigen Lebensunterhalt zu gewinnen. Ursprünglich hatte ich mich sehr für die Militärverwaltung interessirt. Doch dies war mir abgeschnitten, als die Zulassung zur In-[117]-tendantur von der Reserveoffizierqualität abhängig gemacht wurde, und ich bei der definitiven Musterung nicht felddienstfähig befunden worden war. Die alte Jugendliebhaberei für militärische Dinge kommt jetzt nur noch in etwas zum Vorschein bei der Erörterung von Militärfragen im Reichstage.

Zunächst beabsichtigte ich damals, zur Verwaltung der indirekten Steuern überzugehen, um das Zollwesen und die Erhebung der Verbrauchssteuern kennen zu lernen. Der damalige Generalsteuerdirektor v. Pommer-Esche gewährte mir auch eine Audienz, erklärte mir aber rund heraus, mich nicht brauchen zu können, da man, um bei den Grenzaufsehern sich in den nötigen Respekt zu setzen, unbedingt Reserveoffizier sein müsse. Im späteren Leben ist es mir freilich mitunter so vorgekommen, als ob ich, wenn auch nicht den Grenzaufsehern, so doch den Generalsteuerdirektoren selber hier und da noch etwas zu raten hätte aufgeben können.

Beim Generalsteuerdirektor abgewiesen, wollte ich mein Glück bei der Eisenbahnverwaltung versuchen, für welche ich auch ein reges Interesse empfand. Ein Universitätsfreund von mir war der Neffe des damaligen Ministerialdirektors v. d. Reck. Durch ihn ließ ich den Onkel sondiren. Auch hier erfuhr ich eine runde Abweisung. Bei den Eisenbahndirektoren, so lautete der Bescheid, [118] seien überhaupt keine Regierungsassessoren, sondern nur Gerichtsassessoren zu brauchen, und auch diese nur, wenn sie ihre Befähigung sowohl für das altländische wie für das rheinische Recht nachgewiesen hätten. Damals war nämlich die dritte juristische Prüfung für Rheinländer und Altländer noch getrennt.

Das war nun freilich der „Assessorismus“ in der denkbar einseitigsten Form. Solche Verwaltungsgrundsätze entsprechen ungefähr Anschauungen, als ob das Wichtigste in der Eisenbahnverwaltung nicht die prompteste Beförderung von Personen und Gütern, sondern die juristisch korrekteste Abweisung von Beschwerden des Publikums sei. Ich habe es überhaupt niemals begriffen und begreife es heute noch weniger als damals, warum man nicht zur Vorbildung für den höheren Eisenbahndienst, soweit er nicht rein technischer Natur ist, einen besonderen Bildungsgang schon auf der Universität oder auf dem Polytechnikum beginnen läßt.

Uebrigens hat es Herr v. d. Reck besser Empfohleneren gegenüber mit seinem obigen Grundsatz nicht allzu streng genommen. Denn ebenfalls im Jahre 1864 trat der jetzige Eisenbahnminister, Herr Thielen, der Sohn des Feldprobstes Thielen, ein etwas älterer Schüler des Koblenzer Gymnasiums, in die Staatseisenbahnverwaltung ein. Herr Thielen war auf dem-[119]-selben Wege wie ich, nur einige Jahre früher Regierungsassessor geworden.

Bei der Staatseisenbahn abgewiesen, wendete ich mich zu den Privateisenbahnen. In Köln sprach ich bei dem Direktor einer Privatbahn vor. Auch dieser versicherte mir, er könne einen Regierungsassessor nicht brauchen. Die Behandlung der Eisenbahntariffragen setze keine besondere volkswirtschaftliche Kenntnis voraus. Ueberall abgewiesen, wartete ich nunmehr, als unbesoldeter Assessor am Wohnsitz meiner Eltern der Düsseldorfer Regierung zugeteilt zu werden. Unbesoldeten Assessoren mutet man nicht zu, ohne Rücksicht auf ihre Privatverhältnisse, an einem beliebigen Orte zu amtiren. Da traf das Ministerialreskript ein, welches mich zugleich mit der Ernennung zum Regierungsassessor der Regierung in Bromberg zuteilte. Von irgend welchen Diäten oder Reisekosten war in der Verfügung nicht die Rede.

Das war Herrn Günthers oder des alten Bodelschwingh Geschoß, vermutlich des ersteren. Nach Bromberg überzusiedeln, war für mich eine Unmöglichkeit, denn ich konnte meinen Eltern, die, abgesehen von der freien Wohnung im eigenen Häuschen, auf eine Pension von 3750 Mk. angewiesen waren, nicht zumuten, mich als Regierungsassessor in Bromberg zu unterhalten. Ich setzte dies umgehend den Ministern auseinander. Mein Vater müsse es auch ablehnen, [120] nach Ablauf der Frist, für welche er reglementsmäßig die Verpflichtung für meinen Unterhalt eingegangen war, mir noch weiterhin Subsistenzmittel außerhalb Düsseldorfs zukommen zu lassen. Ich ersuchte daher, mich der Regierung am Wohnsitz meiner Eltern zuzuteilen, wie das bisher bei allen Düsseldorfer unbesoldeten Assessoren ausnahmslos der Fall gewesen war.

Danach kam der Bescheid, daß „das frühere Verhalten“ meinen Aufenthalt in Düsseldorf unmöglich mache. Die Magdeburger Spukgeschichte hatte aber doch in Magdeburg und nicht in Düsseldorf gespielt. Auch die Broschüre über „die Freiheit des Schankgewerbes“ hatte auf die besonderen Düsseldorfer Verhältnisse keinerlei Bezug genommen. Und doch konnte Beides nur gemeint sein, da über meine jüngste Thätigkeit im Genossenschaftswesen und über meine Vorträge im Handwerkerverein gegen Ferdinand Lassalle Berichte nicht wohl in den Akten sein konnten.

Meinem Vater aber wurde kund und zu wissen gethan, daß man beabsichtige, falls ich in Bromberg „zu einer solchen Berücksichtigung durch gute Dienstleistungen und entsprechendes Verhalten in und außer dem Dienst mich empfehlen sollte, mir ab und zu bis zum Aufrücken in den Genuß von Diäten durch Unterstützungen zu Hilfe zu kommen.“ Das hieß also soviel, daß, wenn ich dem hochkonservativen [121] Präsidenten Naumann in Bromberg in und außer dem Dienst zu Gefallen lebte, ich vielleicht späterhin einmal zur Weihnachtszeit auf 100 oder 150 Mk. Gratifikation rechnen dürfe.

Ich weiß nicht, was mich damals mehr empörte, die Ausweisung aus Düsseldorf oder die mir eröffnete Perspektive auf Trinkgelder bei künftigem Wohlverhalten „in und außer dem Dienst.“

Inzwischen hatte ich in der Zeitung eine allgemeine Aufforderung zur Bewerbung um die Bürgermeisterstelle in Neuwied gelesen. Dorthin beschloß ich mich nun zu wenden und bis zur Entscheidung über die Bewerbung als Regierungsassessor Urlaub nachzusuchen. [122]

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