Pisa-Studie am offenen Herzen

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Wir googlen immer mal, wo über uns oder Eugen Richter etwas geschrieben wird. Dabei sind wir auf folgende Diskussion auf „Geschichtsforum“ gestoßen, die uns sehr amüsiert hat.

Los geht es mit minniemanu, die für irgendeinen „Bildungsgang“ mit einem Artikel von Eugen Richter konfrontiert ist, in dem dieser 1890 in der Freisinnigen Zeitung den Abgang Bismarcks kommentiert („Gott sei Dank, daß er fort ist!“). Hilflos steht sie nun vor der Frage:

„Halten Sie die Beurteilung Bismarcks durch Eugen Richter in allen Punkten für stichhaltig? Wo liegt möglicherweise eine Überezeichnung vor?“

Hurvinek hat eine brilliante Idee: sich den Wikipedia-Artikel zu Bismarck durchlesen! Aber das würde immer noch eigene Denkleistung erfordern. minniemanu steht am Rande eines Nervenzusammenbruchs:

„ich hab mir das jetzt durchgelesen, nur leider weiß ich wieder mal nicht wo ansetzen… vielleicht könntest du mir ja genauere hinweise geben, bitte!!!“

Nach etwas Hinundher mit einem wenig sachdienlichen Auszug von Max Weber erbarmt sich Hurvinek und brettert mit seinem Wissen los:

„Aufgabenstellung ist „übertriebene Darstellung“ von Eugen Richter sein könnte. Eugen Richter war Nationalliberaler [sic!] . Also die Partei, die Bismarck als Koalitionär im Parlament hatte. Verstehst jetzt?
Weber diagnostiziert
Bismarcks Koalition mit den Nationalliberalen als eine Art kurzzeitigen Mehrheitsbeschaffer. Nationalliberale Ideen und Gedanken fanden trotz Regierungskoalition laut Richter kaum oder nicht statt.“

Als Geheimtipp läßt Hurvinek dann einen Link fallen, unter dem eine Abbildung der nationalliberalen Führer zu sehen ist. Aber komischerweise ist Eugen Richter nicht dabei:

 „Wenn was besonderes machen willst, druckst dir folgende Zeichnung aus und schreibst die liberalen Politikernamen dazu, die im Link weiter unter der Zeichnung stehen.

Als nächstes meldet sich Turgot zu Wort, der mit 4110 Beiträgen unter dem Gürtel durchaus als Experte gelten darf:

„Richter war sicher in seinem Urteil gegenüber Bismarck auch nicht unbedingt objektiv. Ende der 1870er hat er ja auch schließlich als Nationalliberaler [sic!]  miterlebt, wie Bismarck das Bündnis mit Richters Partei beendet hat.“

Zu unserer Erleichterung rückt nun Donnersberg die Sache zurecht:

„Eugen Richter war kein Nationalliberaler, sondern einer der bekanntesten Vertreter des Linksliberalismus, damals Freisinn genannt.“

Seine Darstellung ist im Wesentlichen richtig. Er merkt an:

„Fraglich ist nur, ob es das liberale Volk, von dem Richter da träumt, 1890 noch so gibt. Richter hofft wohl immer noch, dass der Linksliberalismus nun die Chance erhält, zu einer gestaltenden Kraft zu werden.“

Wie die weitere Geschichte zeigte, hat er damit recht. Allerdings hat die Freisinnige Partei 1890 bei den Wahlen zum Reichstag 16% der Stimmen (16,6% der Sitze) und die mit ihr verbündete Deutsche Volkspartei weitere 2% der Stimmen (2,5% der Sitze) erhalten, sodaß Richters Optimismus nicht ganz unbegründet ist. Die oppositionellen Parteien können eine Mehrheit der Mandate auf sich vereinen (Sozialdemokraten mit 19,6% der Stimmen und 8,8% der Mandate und Zentrum mit 18,6% der Stimmen und 26,7% der Mandate). Die „Kartellparteien“ (Konservative, Freikonservative und Nationalliberale) landen mit nur etwa einem Drittel der Mandate abgeschlagen in der Minderheit.

Turgot läßt sich von seinem Patzer nicht beirren und fährt mit der Belehrung fort:

„Im Jahre 1875 wurde Richter Nachfolger von Hoverbeck an der Spitze der Fraktion der Deutschen Fortschrittspartei. Erst im Jahre 1881 war Richter Fraktionschef der Der Deutschen Freisinnigen.“

Sorry, das ist zwar näher dran, aber immer noch daneben. Einen regelrechten Fraktionschef gibt es in der Zeit nicht wirklich. Und 1881 gab es die Freisinnige Partei noch gar nicht, die wurde erst 1884 begründet. Die Führung der Freisinnigen Partei lag durchaus nicht bei Richter, auch nicht in der Fraktion. Vielmehr gab es hier ein etwas wackliges Gleichgewicht mit ehemaligen Fortschrittlern wie Albert Hänel und den Politikern der vormaligen Liberalen Vereinigung wie Stauffenberg, Bamberger oder Forckenbeck.

Danke aber trotzdem für den Verweis auf unseren Artikel „Eugen Richter gegen den Grafen Wilhelm Bismarck“, auch wenn der sich ja auf den Sohnemann bezieht und insofern nur mittelbar auch den Vater kritisiert.

Wir hoffen nur, daß minniemanu keine Doktorarbeit schreibt. Ansonsten allen weiter viel Glück bei der Recherche!

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