Zum Kampfmonat des Liebesproletariats

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Liebes-Strike

von Wippchen (Julius Stettenheim), 1894

Das sag‘ ich Dir, bald reißt mir die Geduld,

Und wenn sie reißt, Du trägst allein die Schuld,

Was ich verlange, weig’re’s mir nicht wieder,

Sonst lege ich, bei Gott! die Arbeit nieder.

Denn eine Arbeit ist es, weiter nichts,

Muß schmachten ich im Schweiß und Angesichts,

Das Schmachten, und ich mein‘ es nicht ironisch,

Ist mir denn doch am Ende zu platonisch.

Du hältst den Händedruck für etwas schon,

Doch ich verlange einen höhern Lohn,

Du willst, je stürmischer mein zärtlich Drängen,

Mir Deine Lippen nur noch höher hängen.

Von Morgens nach dem ersten Hahnenschlag

Bis Abends spät, kurz, fast den ganzen Tag

Soll ich Dir treu und Dich liebend schätzen,

Die Arbeitszeit wünsch‘ ich herabzusetzen.

Es ist, lang ausgebeutet, nun zur That

Erwacht das Liebesproletariat,

Der Liebesarbeitnehmer will nicht minnen

Als Sklav herzloser Arbeitgeberinnen.

Nimm Dich — verzeihen Sie das harte Wort! —

In Acht, sonst, Liebste, strike ich sofort,

Dann werd‘ ich höher meine Forderung treiben,

Und alles hast Du selbst Dir zuzuschreiben.

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