17. Bürgermeisterwahl in Neuwied (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

Dieser Artikel wurde 7527 mal gelesen.

17. Bürgermeisterwahl in Neuwied.

Neuwied ist ein freundliches Städtchen am rechten Rheinufer unterhalb Koblenz. Es zählte damals etwa 9000 Einwohner und hat deren jetzt über 11.000. Als Koblenzer Primaner hatten wir dort studentische Kommersfreuden bei verschwiegenen Wirten im Voraus genossen.

Im Schloß am Rhein, dessen weiter Schloßpark ein beliebtes Ziel für Ausflügler der Umgegend bildet, wohnte die verwittwete Fürstin zu Wied, die Mutter des jetzigen Fürsten und der Königin Carola von Rumänien. Der Fürstin stand für die Bürgermeisterwahl ein Mitbestätigungsrecht zu.

Man war in Neuwied mit dem bisherigen alten Bürgermeister allgemein unzufrieden gewesen. Die Stelle, deren Einkommen etwa 3000 Mark betrug, sollte also neu besetzt werden. Meine Bewerbung um die Stelle wurde allseitig günstig aufgenommen, als ich in üblicher Weise mich [123] den einzelnen Stadtverordneten vorstellte. Der Regierungspräsident in Düsseldorf hatte mir zum Zweck der Bewerbung eine „gute praktische Ausbildung in den gesammten Geschäftszweigen der Regierung“ und die „zufriedenstellende Verwaltung des Landratsamts in Mettmann“ attestirt.

Mit allen gegen eine Stimme wurde ich von den Stadtverordneten gewählt. Der fürstliche Kammerdirektor erklärte mir, als ich gleich darauf wiederum in Neuwied eintraf, daß er bereits im Auftrage der Fürstin zu Gunsten meiner Bestätigung an die Regierung in Koblenz berichtet habe.

Die Sache ließ sich also gut an. Warum sollte auch eine Bezirksregierung eine Bürgermeisterwahl nicht bestätigen, nachdem erst soeben die Minister den Gewählten als geeignet zum Mitglied eines Regierungskollegiums befunden und demgemäß zum Regierungsassessor ernannt hatten?

Im Geiste sah ich mich bei dem erwähnten Besuch der Stadt schon an der Spitze der Verwaltung. Ich hielt nach der Größe des Orts und der Natur seiner Bevölkerung die Kommunalverwaltung daselbst für nicht allzuschwierig, andererseits auch nicht für so unbedeutend, um in die Gefahr kleinstädtischer Versumpfung zu geraten. Bei einem Konzert, welches gerade während meiner Anwesenheit stattfand, musterte ich die Honoratioren des Ortes. Auf der Schloßstraße [124] bemerkte ich einen Graswuchs, der sehr wenig residenzmäßig erschien und den demnächst zu beseitigen, ich mir auf das bestimmteste vornahm.

Die Sache bekam aber sogleich ein anderes Aussehen, als ich Tags darauf in Koblenz bei der Regierung dem Vizepräsidenten Grafen Villers mich vorstellte. Graf Villers war ein konservativ-büreaukratischer Herr mit einem Stich ins Klerikale. Der alte Bürgermeister von Neuwied, der mich für einen unberufenen Eindringling ansah, hatte ein Exemplar meiner Broschüre über „die Freiheit des Schankgewerbes“ aufgetrieben und der Regierung in Koblenz zugestellt. In jener Broschüre war bekanntlich eine scharfe Kritik der Kleist-Retzowschen Polizeiwirtschaft enthalten. Nun war zwar Kleist-Retzow schon seit sechs Jahren zur Disposition gestellt und nicht mehr in Koblenz. Richtige Büreaukraten aber halten es für ihre Aufgabe, auch die Amtsvorgänger und deren Verwaltung der Außenwelt gegenüber zu vertreten. Eine Regierung kann nach dieser Fiktion auch in der Vergangenheit niemals Unrecht gehabt haben. Der Kurs muß in den Augen des Volkes immer „der alte“ bleiben. Wer daher eine frühere Regierung angreift, ist ein Verächter der Regierungsautorität überhaupt.

Das hatte ich bis dahin noch nicht gewußt. In den Auslassungen des Grafen Villers aber lernte ich diese Staatsweisheit nunmehr kennen. [125] Zudem dauerte der schwere Verfassungskonflikt in Preußen zwischen Regierung und Abgeordnetenhaus nunmehr schon im dritten Jahre in unverminderter Schärfe fort. Die Preßordonnanz, die Auflösung des Abgeordnetenhauses im Jahre 1863 hatten ebensowenig wie der Krieg mit Dänemark im Jahre 1864 die Situation zu verändern vermocht. Trotz systematischer Beeinflussung der Wahlen durch den Regierungsapparat wählte man auch am Rhein überall scharf oppositionell. Neuwied selbst war im Abgeordnetenhause damals vertreten durch zwei Mitglieder der Fraktion Bockum-Dolffs, den Kreisrichter Dahlmann und den späteren Obertribunalrat Frech. Kreisgerichtsdirektor in Neuwied war Herr von Beughem, der spätere nationalliberale Abgeordnete und Präsident des Justizsenats in Ehrenbreitenstein.

Graf Villers, von meiner Broschüre über das Schankgewerbe ausgehend, redete sich bei meiner Vorstellung immer mehr in Aufregung hinein und wurde dabei etwas offenherziger, als es eigentlich in dieser Situation mir gegenüber klug war. Er sprach von den schlechten Wahlen in Neuwied, den liberalen Abgeordneten daselbst, er schalt auf den liberalen Kreisgerichtsdirektor und, wenn ich mich nicht sehr irre, auch auf den liberalen Landrat daselbst. Was solle daraus werden, so frug er, wenn Neuwied nun [126] noch einen solchen Mann als Bürgermeister erhalte, wie ich es sei?

Nun wußte ich genugsam, was die Glocke geschlagen hatte. Ich ließ vorläufig Neuwied Neuwied sein und reiste zum Genossenschaftstag nach Mainz, wo ich infolge meiner Konsumvereinsthätigkeit am Niederrhein unter den Genossenschaftern als ein guter Bekannter aufgenommen wurde. Ich machte persönlich viele neue Bekanntschaften und lernte insbesondere Schulze-Delitzsch näher kennen, der mir auch in der ganzen Folgezeit ein väterlicher Freund und Berater gewesen ist.

Nach Düsseldorf zurückgekehrt, erhielt ich denn auch alsbald die Nichtbestätigung meiner Wahl zum Bürgermeister von Neuwied schwarz auf weiß. Da Neuwied noch nicht ganz 10,000 Einwohner zählte, so hatte die Bezirksregierung in der Bestätigungsfrage selbständig zu entscheiden. Gründe für eine Nichtbestätigung werden bekanntlich von Amtswegen niemals mitgeteilt. Indessen war mir Nichts verborgen geblieben, was in der betreffenden Sitzung des Regierungskollegiums in Koblenz gegen mich vorgebracht worden war. Ich hatte nun nicht Lust, vor der Welt als eine aus unbekannten Gründen übel angesehen Persönlichkeit zu gelten. Ich teilte daher den Stadtverordneten in Neuwied in ausführlicher Weise die Gründe meiner Nichtbestätigung mit. [127] Der Brief, den ich gleichzeitig durch mehrere Zeitungen veröffentlichen ließ, hatte den nachfolgenden Wortlaut, in welchem der geneigte Leser alles zusammengefaßt findet, was ich im Einzelnen aus meinen Erlebnissen während der letzten Jahre mitgeteilt habe. Der an die Stadtverordneten gerichtete Brief lautete wörtlich wie folgt:

„Sehr geehrte Herren!

Die königliche Regierung in Koblenz hat unter dem 13. d. M. mich direkt benachrichtigt, daß sie meiner Erwählung zum Bürgermeister ihrer Stadt die Bestätigung versagt habe. Die Gründe dieser Entscheidung dürfen Sie lediglich in folgenden drei Umständen suchen:

1. habe ich im Beginn des Jahres 1862 eine kleine Schrift „die Freiheit des Schankgewerbes — ein Beitrag zur Reform der preußischen Gewerbepolizei, insbesondere des Konzessionswesens“ (im Verlag des Handels- und Gewerbevereins für Rheinland und Westfalen, Düsseldorf, Schaubsche Buchhandlung) veröffentlicht, worin ich aus Anlaß der vom damaligen Minister (Schwerin) angeregten Reformfrage die bestehenden Gesetze und Verordnungen über das Schankgewerbe unter Hinweis auf den von der Regierung Westfalen-Kleist-Retzow mit denselben getriebenen Mißbrauch einer Kritik unterzog;

2. stehe ich in dem Verdacht der Autorschaft eines Feuilletonartikels der „Rheinischen Zeitung“ aus dem Herbst 1862, in welchem unter der Überschrift „Eine Magdeburger Spukgeschichte“ die Art und Weise geschildert wurde, wie damals der konservative Verein in Magdeburg Unterschriften zu einer Dank-[128]-adresse an den Kriegsminister für die Durchführung der Armeeorganisation aufzutreiben suchte.

3. habe ich vor wenigen Wochen zur Bekämpfung Lassallescher Agitationen im hiesigen Handwerker- und Arbeiterbildungsverein nach dem Muster der Vorträge von Schulze-Delitzsch im Berliner Arbeiterverein populäre Vorträge über Gegenstände aus der Volkswirtschaftslehre, Arbeitsteilung, Arbeitslohn, Kapital, Renten und dergl. gehalten.

Ein Rekurs gegen die Seitens der Koblenzer Regierung beschlossene Nichtbestätigung würde meines Erachtens um so weniger Aussicht auf Erfolg haben, als auch die oberste Behörde, das Ministerium, aus den sub 1 Und 2 angeführten Punkten Veranlassung zu fortgesetzten Maßregeln gegen mich geschöpft hat. Zuerst erlitt ich im Herbst 1862 als Referendar eine Strafversetzung von Magdeburg nach Potsdam. Nach bestandenem Staatsexamen nach Düsseldorf zurückgekehrt, in der Erwartung, gleich anderen unbesoldeten Assessoren hier am Wohnsitze meiner Eltern beschäftigt zu werden, überwiesen mich die Herren Minister des Innern und der Finanzen unter dem 20. August d. J. „wegen des früheren Verhaltens“ dem Regierungs-Collegio zu Bromberg zur unentgeltlichen Beschäftigung.

Indem ich, sehr verehrte Herren, für das Vertrauen, mit dem Sie mir so einmütig die Leitung Ihrer städtischen Verwaltung zugedacht hatten, nochmals herzlich danke, schließe ich mit dem Wunsch, daß es Ihnen bei der Neuwahl gelingen möge, die berechtigten Interessen Ihrer Kommune mit den Anforderungen des gegenwärtigen Regierungssystems in Einklang zu bringen.

 Mit ausgezeichneter Hochachtung
Ihr ergebenster
Eugen Richter, königl. Regierungsassessor.“ [129]

Vorstehender vom 17. September 1864 datirter Brief erregte damals in der Oeffentlichkeit nicht geringes Aufsehen und ging durch einen großen Teil der Presse. In jener Zeit waren Maßregelungen und Nichtbestätigungen liberaler Beamter überall an der Tagesordnung. Aber hier wurde einmal in authentischer Weise von dem Nächstbeteiligten selbst die ganze Kleinlichkeit und Erbärmlichkeit dieses Systems klargestellt. Man wagte es denn auch von Seiten der Koblenzer Regierung nicht, weder offiziell noch offiziös, in Abrede zu stellen, daß die von mir angeführten Gründe die wirklich maßgebenden für die Nichtbestätigung waren.

Ich hatte die Möglichkeit eines Rekurses an eine höhere Instanz in dem Schreiben an die Stadtverordneten von vornherein abgeschnit[t]en. Ich wollte nach keiner Seite hin die Vorstellung aufkommen lassen, als ob ich mich zu irgendwelchen Erklärungen oder Reversen drängen lassen könnte, um als ein politisch gebrochener Mann den Bürgermeisterposten in Neuwied zu erlangen.

Der damalige Minister des Innern, Graf Fritz zu Eulenburg, soll in späteren Jahren bei parlamentarischen Diners, wie mir Freunde berichteten, mitunter geäußert haben, es sei damals ein großer Fehler gewesen, den Eugen — bei solchen Gelegenheiten soll Graf zu Eulenburg [130] meinen Vornamen als eine Art von Kosenamen gebraucht haben — nicht zu bestätigen.

Graf zu Eulenburg selber aber hätte diese Bestätigung nur veranlassen können, wenn er von Amtswegen auf Grund von Zeitungsberichten eingeschritten wäre. Indeß hat Graf zu Eulenburg nicht um der Sache selbst willen diese Nichtbestätigung bedauert — er selbst hat ja weit schlimmere Nichtbestätigungen verbrochen — sondern weil er glaubte, alsdann späterhin eine Oppositionskraft weniger sich gegenüber gehabt zu haben. Da möchte ich aber doch von meinem jetzigen unparteiischen Standpunkt aus mir ganz gehorsamst einen Zweifel zu äußern erlauben, ob meine Berufung in das Bürgermeisteramt zu Neuwied es dem Grafen Eulenburg erspart haben würde, mich späterhin in der Opposition sich gegenüber zu sehen. Niemand kann seinem Schicksal entgehen, und ob ich nun nach Erlangung des wahlfähigen Alters späterhin über Neuwied oder über Königsberg in der Neumark in das Abgeordnetenhaus gelangt wäre, blieb sich für die Regierung vollkommen gleich.

Meine guten Neuwieder haben es — das muß ich ihnen zu ihrem Ruhme nachsagen — verstanden, das Unvermeidliche mit Würde zu tragen. Sie wählten nach mir einen politisch unverdorbenen Regierungsreferendar aus Köln und erfreuen sich desselben auch heute noch als Bürgermeister. [131]

Manchem ruhigen Neuwieder Bürger mag es erst späterhin, als die brave „Kölnische Ztg.“, welche 1864 lebhaft meine Partei ergriff, Tag für Tag über meine zunehmende politische Schlechtigkeit berichtete, mit Schaudern zum klaren Bewußtsein gekommen sein, welchen großen Gefahren des Umsturzes anno 1864 die friedliche Stadt Dank der Vorsehung des Grafen Villers noch glücklich entronnen ist.

Als vor etlichen Jahren in Neuwied meines Nachfolgers fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum gefeiert wurde, da besangen fromme Kartellbrüder den Frevel meiner Wahl in nachfolgenden Versen nach der passenden Melodie: „Als die Römer frech geworden“:

Jetzt vor fünfundzwanzig Jahren
Was war da in Euch gefahren?
Wähltet — ja man glaubt es kaum,
Daß der Fortschritt hier fand Raum —
Euch den Eugen Richter!

Der war übel angeschrieben
— Ist’s ja immer auch geblieben —
Und deshalb Kleist-Retzow spricht:
„Den bestätigen wir nicht;
Sucht Euch einen andern!“

Das war klug von ihm und weise,
Darum jedermann ihn preise!
Denn nun war’t Ihr auf der Hut,
Und so ward die Wahl auch gut.
Fiel auf Freund Waldeyer. [132]

Wie der geneigte Leser aus diesen Versen ersieht, beginnt in Neuwied die historische Wahrheit schon zu verblassen. Denn Kleist-Retzow war an meiner Nichtbestätigung völlig unschuldig und gehörte damals schon seit 6 Jahren dem Privatleben an, in welches mir der Rücktritt bevorstand.

Die Neuwieder haben jedenfalls meine Nichtbestätigung längst verschmerzt. Ich auch. Auch wenn es anders gekommen wäre, so würde ich doch den Neuwiedern schwerlich Gelegenheit geboten haben, mein fünfundzwanzigjähriges Dienstjubiläum daselbst zu feiern. [133]

Dieser Beitrag wurde unter 1892, Eugen Richter, Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar