18. Verabschiedung (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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18. Verabschiedung.

Nach meiner Nichtbestätigung als Bürgermeister von Neuwied ersuchte ich die Ministerien um einen Urlaub für unbestimmte Zeit. Unbesoldeten Beamten pflegt man sonst in allen Dienstzweigen bereitwilligst einen nachgesuchten Urlaub zu bewilligen. Der Urlaub wurde mir aber rundweg abgeschlagen mit der Aufforderung, ungesäumt nach Bromberg zu kommen. Darauf antwortete ich unter dem Hinweis auf den Mangel an Subsistenzmitteln für den Aufenthalt daselbst mit dem Gesuch um einen einjährigen Urlaub. Als auch der letztere abgeschlagen wurde, bat ich um einen sechsmonatigen Urlaub.

Nachdem sich inzwischen mein Vater mit dem Gedanken meines Ausscheidens aus dem Staatsdienst einigermaßen befreundet hatte, reichte ich am 27. Oktober meine Entlassung ein. Mit diesem Entlassungsgesuch kreuzte sich der Auftrag der Ministerien [134] an die Regierung zu Düsseldorf, mich verantwortlich zu vernehmen, behufs Einleitung der Disziplinaruntersuchung auf Dienstentlassung, und zwar 1) wegen des Briefes an die Neuwieder Stadtverordneten, 2) wegen Entfernthaltung vom amtlichen Aufenthaltsort.

Mit meiner Vernehmung wurde Regierungsrat v. Mallinckrodt beauftragt, der bekannte Abgeordnete und Führer der Centrumspartei (+ 1874), mit welchem ich späterhin noch mehrere Jahre zusammen im Landtag und Reichstag mich befand, und zwar mitunter auch in gemeinsamer scharfer Oppositionsstellung, wie beispielsweise bei den großen Militärdebatten im Frühjahr 1874.

Ich erklärte bei der Vernehmung durch Herrn v. Mallinckrodt rund heraus zu Protokoll, daß, wenn man mich auch jetzt noch nicht in Ruhe ließe und mir den erbetenen Abschied nicht ohne weiteres erteile, ich Rücksichtslosigkeit gegen Rücksichtslosigkeit setzen und die gesammten Auslassungen des Grafen Villers in Koblenz mir gegenüber, deren wesentlichen Inhalt ich zugleich zu Protokoll gab, vor die Oeffentlichkeit ziehen würde. Herr v. Malinckrodt versuchte mich zur Abstandnahme einer solchen Erklärung zu bewegen, um den Grafen Villers nicht in Ungelegenheiten zu bringen. Ich bestand aber darauf, dem assistirenden Regierungssekretär meine Erklärung zur Protokoll zu diktiren, welchem Ver-[135]-langen Herr v. Mallinckrodt denn auch schließlich nachgab.

Ohne daß dem Disziplinarverfahren ein weiterer Fortgang gegeben wurde, erhielt ich denn auch meine Entlassung unter dem 8. Dezember 1864 unter Bezugnahme auf mein Gesuch vom 27. Oktober in der üblichen Form.

Somit war ich also gerade sechs Monate Regierungsassessor gewesen, allerdings nur in partibus infidelium. Da es im Civildienst noch nicht wie beim Militär Gebrauch ist, die politische Verfolgung bei späterer Gelegenheit auch noch über die Verabschiedung hinaus auszudehnen — und wäre es auch nur zum Zweck feierlicher Aberkennung des früheren Amtstitels — so haftet mir der Regierungsassessor seitdem als ein Charakter indelebilis an.
Es kommt auch nicht allzuselten vor, daß irgend ein älterer Bureaubeamter, der mir seine besondere Hochachtung bezeugen will, mich alten Knaben auch jetzt noch, 28 Jahre nach der Verabschiedung, mit „Herr Assessor“ anredet. Suum cuique! Ehre, dem Ehre gebühret! Dergleichen gehört sich auch für ein wohlgeordnetes Staatswesen.

Ich habe mir auch sagen lassen, daß ich sogar berechtigt sein würde, bei Haupt- und Staatsaktionen in der Uniform eines königlich preußischen Regierungsassessors zu erscheinen. Die Uniform [136] muß aber trotz aller sinnreichen Veränderungen des Uniformwesens in den letzten Jahren nicht allzumalerisch und farbenprächtig sein, denn ich kenne einen Parlamentskollegen, der schon seit 40 Jahren „Regierungsassessor a. D.“ ist, aber gleichwohl, wenn er zu Hofe geht, der neuen Hofuniform mit Kniehosen den Vorzug giebt vor der Staatsuniform eines Regierungsassessors.

Allerdings giebt es im Civildienst keinerlei Aussicht, nach der Verabschiedung noch im Range aufzurücken, wie dies beim Militär möglich ist und neuerlich auch öfter vorkommt. Wurde doch Finanzminister v. Scholz, der seinerzeit als Vizefeldwebel aus dem Beurlaubtenstande austrat, vor einiger Zeit nachträglich zum Sekondeleutnant a. D. befördert. Ein Herrenhausmitglied avancirte nach einer schneidigen Parlamentsrede sogar vom Major a. D. zum Oberstleutnant a. D.

Indeß, im Ernst gesprochen, ich habe es nach meiner Verabschiedung aus Anlaß meiner parlamentarischen Wirksamkeit mitunter zu lesen und auch zu hören bekommen, daß meine parlamentarische Oppositionsstellung die Folge einer Erbitterung sei über meine Nichtbestätigung in Neuwied und mein Hinausdrängen aus dem Staatsdienst. — Ich habe aber dieselben liberalen Grundanschauungen, welche ich späterhin parlamentarisch vertrat, in Folge von Erziehung und Bildungsgang schon lange gehabt, bevor ich [137] irgendeine Maßregelung erfuhr. Auch entsprach es von jeher meiner Eigenart, politische Ueberzeugungen in scharfer Form zu vertreten. Zeugnis dafür legen alle meine Veröffentlichungen schon vor 1862 ab, insbesondere auch die Broschüre über „die Freiheit des Schankgewerbes.“ Die damals mir entgangenen Anstellungen hätten mir nur einen geringen Bruchteil desjenigen Einkommens gewährt, welches mir meine Feder schon 1 ½ Jahre darauf fortan in der denkbar freiesten Stellung verschaffte. Ueberhaupt beruht es auf durchaus falschen Vorstellungen, in unserem Zeitalter die „Hungerkandidaten“ zu suchen unter den Journalisten und Publizisten, welche etwas gelernt haben.

Gleichwohl soll ich wegen jener Maßregelungen in jungen Jahren mein ganzes späteres Leben mit all‘ seiner Mühe und Arbeit einem unauslöschlichen, finsteren Rachebedürfnis dienstbar gemacht haben, beispielsweise gegen den Fürsten Bismarck, der in jenen Zeiten nicht einmal von meiner Existenz eine Ahnung gehabt haben dürfte.

Ich habe wegen meiner Person niemals Ursache gehabt, den Fürsten Bismarck zu hassen. Auch habe ich mit dem Minister von Bodelschwingh, der alle jene Dekrete gegen mich unterzeichnet hat, einige Jahre darauf im Abgeordnetenhause, als der Minster gleich mir a. D. gewor-[138]-den war, in Kommissionssitzungen vielfach auch privatim durchaus freundlich verkehrt.

Dergleichen Vorstellungen, wie die erwähnten, sind eben nur möglich bei Leuten, deren private Glückseligkeit sich im Streben nach irgend einem Pöstchen oder Aemtchen oder im Hinaufklettern auf der amtlichen Stufenleiter erschöpft und deren beschränkter Unterthanenverstand es nicht versteht, wie man ohne amtliche Stellung einen Beruf darin finden kann, für öffentliche Interessen thätig zu sein. Mit solchem Philisterium zu rechten, lohnt nicht.

Ich habe auch damals, als ich aus dem Staatsdienst ausschied, nichts weniger als das Gefühl gehabt, nunmehr meinen „Beruf verfehlt“ zu haben. Dazu hatte ich von vornherein den Beruf, für öffentliche Interessen zu wirken, viel zu hehr und groß angesehen, um ihn an Titel und Amt gebunden zu erachten. Im Gegenteil fühlte ich mich damals, als ich die Entlassungsurkunde in Händen hatte, trotz der Wehmut meines Vaters darüber, wie neugeboren. Von allen Rücksichten los und ledig, war ich nunmehr meinem innersten Beruf zurückgegeben, nach meiner eigensten selbständigen Ueberzeugung in Wort und Schrift zur Verbesserung der Zustände im Gemeinwesen mitzuwirken.

Nach einem Amt oder irgend einer öffentlichen Anstellung habe ich auch späterhin niemals [139] das geringste Verlangen getragen, weder direkt noch indirekt mich irgendwo darum beworben, auch in keiner Weise darauf reagirt, wenn es mir von anderer Seite direkt oder auf Umwegen nahegelegt wurde. Ich hätte alsbald, nachdem einmal durch den Brief an die Neuwieder Stadtverordneten in weiten Kreisen die öffentliche Aufmerksamkeit auf mich gelenkt war, kommunale Stellungen außerhalb Preußens erlangen können. Auch ließ im folgenden Jahre eine liberale süddeutsche Regierung bei mir in Betreff der Annahme einer Professur für Nationalökonomie an einem Polytechnikum sondiren. Der betreffende Minister kam auch späterhin, als er nach seinem Rücktritt mein Reichstagskollege geworden war, noch darauf zu sprechen. Meine Eltern wünschten, als ich ihnen 1865 Mitteilung davon machte, dringend, daß ich die Gelegenheit wahrnehmen und die akademische Laufbahn betreten möchte.

Aber inzwischen hatte ich schon wieder neue Erfahrungen und zwar diesmal in Privatdiensten gemacht, welche mir noch mehr als früher eine vollkommen unabhängige Stellung, frei von jeder Verpflichtung nach irgend einer Seite hin, als das meiner Individualität allein Entspechende erscheinen ließen.

Dieselbe „Magdeburger Spukgeschichte“, welche mich 1862 aus Magdeburg hinausbrachte, hat mich im Jahre 1865 wieder nach Magdeburg zurückgeführt. [140]

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