19. Bei der Feuerversicherung (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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19. Bei der Feuerversicherung.

Der damalige Generaldirektor der Magdeburger Feuerversicherungs-Gesellschaft, Herr Friedrich Knoblauch, hatte mein Ausscheiden aus dem Staatsdienste in der Zeitung gelesen. Er erinnerte sich dabei meiner „Magdeburger Spukgeschichte“, welche bekanntlich drei Jahre vorher bei den Bewohnern Magdeburgs mehr Beifall gefunden hatte, als bei meinen hohen Vorgesetzten. Nach dieser Probe zu urteilen, glaubte er meine Feder für seine Gesellschaft vortrefflich gebrauchen zu können zu kritischen Erörterungen von Fragen des Versicherungsrechts in der Gesetzgebung und Verwaltung. Unter Vermittelung einer Verwandten, welche zugleich eine Freundin meiner Mutter war, wandte sich Herr Knoblauch an meine Eltern, und als er von diesen erfahren hatte, daß ich in Berlin sei, kam er persönlich hierhin und bot mir ein Jahresgehalt von 3000 Mk. an, wofür ich [141] innerhalb der Direktion in Magdeburg die Geschäfte einer auf die erwähnten Fragen bezüglichen Abteilung übernehmen sollte.

Ich war von diesem Anerbieten nichts weniger als beglückt. Ich hatte nach meiner Entlassung aus dem Staatsdienst binnen weniger Wochen soviel an Honorar verdient aus volkswirtschaftlichen und verwaltungsrechtlichen Beiträgen für die „Elberfelder Zeitung“ — welche damals Herr Lammers, jetzt in Bremen, in fortschrittlicher Richtung redigirte —, daß ich, ohne fernerhin noch die Kasse meiner Eltern in Anspruch zu nehmen, nach Berlin übersiedeln konnte. Hier auf der Journalistentribüne des Abgeordnetenhauses, in lebhaftem geselligen Verkehr mit Abgeordneten, fühlte ich mich unter geistigen Anregungen aller Art so recht im meinem Element. Zugleich verdiente ich in der bequemsten Weise durch kritische Skizzen über Parlamentsverhandlungen für mehrere Provinzialblätter mehr, als ich für meinen Unterhalt bedurfte.

Aber auf meine Eltern machte das Anerbieten von 3000 Mark Gehalt für einen 26jährigen Sohn, der bis dahin aus ihren Taschen hatte leben müssen, einen so mächtigen Eindruck, daß sie auf das Inständigste in mich drangen, die dargebotene Stellung anzunehmen. Man kann sich in anderen bürgerlichen Kreisen nur schwer eine Vorstellung davon machen, wie [142] viel Wert in alten Beamtenfamilien ohne Vermögen auf ein festes, an jedem Ersten eines Monats oder Quartals zahlbares Gehalt und auf die Erwerbung einer Pensionsberechtigung gelegt wird. Dazu kam, daß in unserer Bekanntschaft mehrere Beispiele vorhanden waren von ehemaligen Regierungsbeamten, welche bei Versicherungsgesellschaften zu angesehenen und selbstständigen Stellungen emporgestiegen waren. Meine Eltern wollten nach allen Aufregungen der letzten Zeit mich in ein ruhiges und gesichertes Fahrwasser einlenken sehen. Ich fügte mich, wenn gleich schweren Herzens, in ihre dringenden Vorstellungen.

Ich übernahm also im Frühjahr 1864 in Magdeburg in der Direktion der dortigen Feuerversicherungsgesellschaft die 9. Abteilung „für Gesetzgebung und Litteratur“, wie nach den Angaben des Herrn Knoblauch das Schild über meinem Büreau lautete.

Kaum angekommen aber stand ich schon wieder auf dem Sprunge, nach Berlin zurückzukehren, als mir ein Kontraktformular zur Unterzeichnung vorgelegt wurde, welches die Beteiligung an politischen Kundgebungen als einen Grund für die Direktion zu sofortiger Entlassung aufführte. Außerdem enthielt der Kontrakt allerlei verfängliche Klauseln, nach welchen ich mich im Falle einer Auflösung des [143] Verhältnisses bei Konventionalstrafe für eine Reihe von Jahren verpflichtete, bei keiner anderen Versicherungsgesellschaft Dienste zu nehmen. Wie mir gesagt wurde, hatten die Feuerversicherungsgesellschaften damals unter einander ein Kartell geschlossen, um ihren Beamten ein solches Formular aufzuzwingen.

Bei mir aber gelang dies nicht. Ich war nicht aus dem Staatsdienst ausgeschieden, um mir solche Ketten von Seiten einer Privatgesellschaft anlegen zu lassen. Der Streit fand darin seine Lösung, daß Herr Knoblauch mir gegenüber auf jeden weiteren Kontrakt verzichtete.
Mehr humoristisch verlief eine andere Auseinandersetzung zur Wahrung meiner äußeren Stellung. Bald nach meiner Ankunft siedelte die Direktion in ein neues Gebäude über. Dort waren die Arbeitszimmer der Beamten nach den Gängen derart mit Glasthüren versehen, daß jeder Passant die sämtlichen Zimmer übersehen und jedem einzelnen Beamten an seinem Arbeitstisch gewissermaßen über die Schultern blicken konnte. Gegen ein solches Kontrolsystem verwahrte ich mich, indem ich den großen Schreibtisch mit seinem Aufsatz derart mit dem Rücken gegen die Thür stellte, daß jeder Einblick durch die Thür in das Zimmer versperrt war. Darob nicht geringe Heiterkeit unter dem gesamten Beamtenpersonal, dem das neue Kontrolsystem [144] ebenso wenig behagte. Herr Knoblauch stellte mir vor, daß ich ihn zum Gespött aller Untergebenen mache. Wiederum schlossen wir ein Kompromis ab, wonach ich das Pult wieder an seinen bestimmten Platz rückte, während er mir einen großen Vorhang hinter der Glasthüre anbringen ließ, welcher meinen Zweck in anderer Weise erfüllte. Allen Besuchern des neuen Gebäudes wurde dieser Vorhang an einem einzigen Zimmer als eine besondere Merkwürdigkeit gezeigt.

Nachdem ich mich erst auf den richtigen Fuß gestellt hatte, kam ich mit Herrn Knoblauch zunächst sehr gut zurecht. Er war ein Mann von einer gewissen gemütlichen Jovialität. Knoblauch war der Begründer der Gesellschaft gewesen und hatte durch sein großartiges Organisationstalent unter Ueberwindung von Schwierigkeiten aller Art die Versicherungsanstalt zu einer der ersten Deutschlands empor gebracht. Dazu hatte er die Magdeburger Hagelversicherungsgesellschaft und die Magdeburger Rüchversicherungsgesellschaft begründet, welche in demselben Gebäude domizilirt waren. Die Direktion der Gesellschaft zählte über 100 Beamte, darunter auch mehrere frühere Gerichtsassessoren, gemaßregelte Prediger und Männer aus den verschiedensten Lebensstellungen.

Ich lernte somit ein großes, über ganz Deutschland verzweigtes, wohlorganisirtes Ge-[145]-schäft kennen, welches mir in seiner Art mehr imponirte als alle Bezirksregierungen zusammen, in welche ich bis dahin Einsicht erhalten hatte. Auch Herr Knoblauch meinte einmal mir gegenüber, daß er sich anheischig mache, für ein Billiges eine ganze Bezirksregierung nebenbei „in Entreprise zu nehmen“.

Die Einsicht in das Getriebe eines so großen Geschäfts interessirte mich, nicht minder auch die mir für die nächste Zeit gestellte besondere Aufgabe. Bald hatte ich einen Ueberblick gewonnen über die Unsummen von Beschränkungen und Belästigungen der ungerechtfertigsten Art, mit denen bureaukratische Bevormundungssucht und mangelndes Verständnis des Versicherungswesens das Privatfeuerversicherungswesen in den verschiedenen deutschen Vaterländern auf Schritt und Tritt in seiner Thätigkeit behinderten. In Preußen hatte während der liberalen Aera Jacobi als Dezernent für das Versicherungswesen im Ministerium des Innern begonnen, die schlimmsten Auswüchse zu beseitigen. Am tollsten aber trieben es nach wie vor die Mittel- und Kleinstaaten. Hier war das Privatfeuerversicherungswesen mehrfach auch Gegenstand einer besonders raffinirten fiskalischen Ausbeutung. Die Regierungen bedangen sich von den Gesellschaften bei der Zulassung zum Betriebe in willkürlichster Weise Beiträge zu sogenannten „gemeinnützigen Zwecken“ aus. In [146] Wahrheit schuf man sich damit Dispositionsfonds unabhängig von der Bewilligung und der Kontrolle der Landtage. Man trieb also hier schon dasjenige im Kleinen, was Fürst Bismarck nachher mit dem Welfenfonds im Großen bewerkstelligte.

Auch in die Zustände des Welfenreiches konnte ich unmittelbar vor dessen Aufhören noch einen lehrreichen Blick thun. In Hannover hatte die Magdeburger Feuerversicherungsgesellschaft nur Eingang zu finden vermocht dadurch, daß sie den Friseur des blinden Königs, einen Mann der sehr großen Einfluß auf die Leitung der Staatsgeschäfte besaß, für sich interessirte.

Angesichts solcher Zustände betrachtete es Herr Knoblauch als eine seiner Lieblingsaufgaben für ein einheitliches deutsches Versicherungsrecht zu wirken. Er hatte dafür auch die Magdeburger Kaufmannschaft zu interessieren gewußt, und diese hatte die Frage auf die Tagesordnung des deutschen Handelstags gebracht, welcher im September 1865 in Frankfurt a. M. zusammentreten sollte. Die Frage des einheitlichen deutschen Versicherungsrechts, welche auch den deutschen Juristentag schon beschäftigt hatte, stand außerdem auf der Tagesordnung des nächsten volkswirtschaftlichen Kongresses in Nürnberg.

In den Bestrebungen für ein einheitliches [147] deutsche Versicherungsrecht konnte Herr Knoblauch natürlich auf meine kräftige Unterstützung rechnen. Mit Eifer begab ich mich daran, das von ihm gesammelte, sehr umfassende Material zu verwerten zu einer Darstellung über „die Fehler und Mängel des Feuerversicherungsrechts in den deutschen Bundesstaaten.“

Bald aber sollte ich Gelegenheit erhalten, persönlich mir scharf zum Bewußtsein zu bringen, wo in der Erörterung öffentlicher Angelegenheiten die Grenze liegt zwischen dem überzeugungstreuen Schriftsteller und dem gedungenen Lohnschreiber. In Bezug auf die Gestaltung des deutschen Versicherungsrechts vertrat ich in Uebereinstimmung mit Herrn Knoblauch den Grundsatz der freien Konkurrenz. In Oesterreich-Ungarn aber lag das finanzielle Interesse der Gesellschaft in geradezu entgegengesetzter Richtung. Dort war damals nur eine beschränkte Zahl von Feuerversicherungsgesellschaften konzessionirt, und die Interessen der Magdeburger Gesellschaft waren in Folge von Rüchversicherungsverträgen identisch mit denen der privilegirten Gesellschaften daselbst. Herr Knoblauch mutete mir nun zu, in der Presse oder in irgend welchen Schriftstücken für die Aufrechterhaltung jener Privilegienwirtschaft in Oesterreich-Ungarn einzutreten. Ich lehnte diese rundweg ab, und Herr Knoblauch fand sich auch darin.

Gleich darauf aber geriet ich durch meine [148] politische Thätigkeit außerhalb der Versicherungsgesellschaft in Magdeburg in Konflikt mit dem Oberpräsidenten von Witzleben, demselben Herrn, der drei Jahre vorher mich als Regierungsreferendar wegen der „Magdeburger Spukgeschichte“ aus Magdeburg heraus gebracht hatte. [149]

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