20. Nochmals aus Magdeburg entfernt (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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20. Nochmals aus Magdeburg entfernt.

Die Ausarbeitung der Denkschrift für die Feuerversicherungs-Gesellschaft über die Mängel des Versicherungsrechts ließ mir reichlich freie Zeit zur Beteiligung am öffentlichen Leben Magdeburgs. Dasselbe pulsirte damals in den Kreisen der Kleinbürger und Arbeiter recht lebendig. Bürgerverein, Arbeiterbildungsverein, Konsumverein, Vorschußverein, Krankenversicherungsverein wechselten in abendlichen Versammlungen miteinander ab. Insbesondere war auch Dr. Max Hirsch, mein späterer Reichstagskollegem damals in Magdeburg wohnhaft, in allen diesen Vereinen sehr thätig.

Ich unterstützte ihn nach Kräften und übernahm insbesondere die Geschäftsführung des „Neuen Magdeburger Konsumvereins“. Ich habe den Verein nach meinen Düsseldorfer Erfahrungen reformiren helfen und konnte alsbald eine zweite [150] Verkaufsstelle für denselben einrichten. Der Verein besteht heute noch und zwar mit 11 Verkaufsstellen. Die heutigen Vorsteher waren schon damals im Vereinsvorstand mit mir zusammen thätig.

Es war im Juli 1865, die Zeit des Abgeordnetenfestes in Köln. Die Kölner Fortschrittspartei hatte damals die Abgeordneten der Opposition in Anerkennung ihres Verhaltens bei Verteidigung der Verfassungsrechte des Volkes nach Köln eingeladen zu einem Festmahl auf dem Gürzenich und zu einer Rheinfahrt nach dem Siebengebirge. Der Minister des Innern Graf von Eulenburg aber ließ dieses Fest mit Gewalt unterdrücken, indem er das Festkomitee als einen unzulässigen politischen Verein polizeilich auflöste und die Dampferfahrt auf dem Rhein als einen Aufzug auf öffentlicher Straße verbot. Die Abfahrt der gemieteten Dampfer wurde durch Artillerie und Pioniere verhindert, der Gürzenich polizeilich gesperrt. Als dann die Gäste in den Zoologischen Garten übersiedelten, wurde der letztere durch Aufgebot von Infanterie geräumt. Die Festteilnehmer entzogen sich darauf der preußischen Polizeigewalt und fuhren ins Nassauische nach Oberlahnstein. Hier aber setzten sich bald die polizeilichen Verfolgungen auf bundesfreundliches Ersuchen der preußischen Regierung fort.

Ueberall in Preußen, wo diese Gewaltthaten [151] in öffentlichen Versammlungen besprochen wurden, erfolgte die Auflösung der betreffenden Versammlungen. Ueber diese Vorgänge sollte nun am 28. Juli auch im Bürgerverein zu Magdeburg gesprochen werden. Man gewärtigte auch hier eine polizeiliche Auflösung. Da nahm ich aus der Mitte der dicht gedrängten Versammlung heraus das Wort zur „Geschäftsordnung“, schlug einen Ton an, als wäre ich noch kommissarischer Landrat zu Mettmann, und richtete, wie die „Magdeburgische Ztg.“ vom 30. Juli 1865 berichtet, eine förmliche Apostrophe an den gegenwärtigen Polizeibeamten, welchen ich auf die auch von jedem Beamten beschworene Verfassung verwies und dabei hervorhob, daß jeder Beamte, der eine Versammlung nicht nach seiner gewissenhaften Ueberzeugung von der Strafbarkeit, sondern blos auf Grund einer etwa empfangenen Instruktion auflöse, dadurch nicht nur seinen auf die Verfassung geleisteten Eid breche, sondern auch noch die gerichtliche Verfolgung wegen Mißbrauchs der Amtsgewalt zu gewärtigen habe.

Stürmischer Beifall der Versammlung folgte diesen Worten. Der beaufsichtigende Polizeibeamte verhielt sich mäuschenstill. Darauf wurde unter lautem Jubel eine Resolution angenommen, welche den Veranstaltern des Kölner Festes Dank und Anerkennung für ihr Verhalten aussprach. Diese unsere Magdeburger Versammlung war die erste [152] in Preußen nach dem Abgeordnetenfest, welche aus diesem Anlaß nicht der Auflösung verfiel.

Aber das dicke Ende kam für mich, wie gewöhnlich, nach. Der Oberpräsident v. Witzleben richtete an die Direktion der Feuerversicherungsgesellschaft, wenn ich nicht irre, unter Berufung auf das staatliche Aufsichtsrecht, eine geharnischte Verfügung mit Vorhaltungen darüber, daß ein Beamter der Gesellschaft sich erdreistet habe, einen Polizeibeamten zum Ungehorsam gegen seine Vorgesetzten aufzufordern. Hiergegen wurde unter allerlei dunklen Drohungen energisch Remedur verlangt.

Herr Knoblauch wagte es nicht, eine solche anmaßende Zuschrift gebührend zurückzuweisen, und wollte auch andererseits nicht durch einen plötzlichen Bruch mit mir die Fertigstellung der gewünschten Denkschrift für den deutschen Handelstag in Frage stellen. So ergriff er denn einen diplomatischen Ausweg und traf mit mir ein Uebereinkommen, laut welchem ich formell auf die Eigenschaft eines Beamten der Gesellschaft verzichtete, wogegen er mir den Fortbezug meines Einkommens zusicherte, sofern ich auch weiterhin in Magdeburg anwesend sein und die mir übertragenen Arbeiten ausführen würde.

So kam denn die Denkschrift glücklich zu Stande. Ich machte sogleich von der mir eingeräumten größeren Freiheit Gebrauch, besuchte [153] den Genossenschaftstag in Stettin, den volkswirtschaftlichen Kongreß in Nürnberg, woselbst ich einen Vortrag über deutsches Versicherungsrecht hielt, und wohnte alsdann dem Handelstage in Frankfurt a. M. als Zuhörer bei. Meine hier in Druckexemplaren unter dem Namen Knoblauchs zur Verteilung gelangende Denkschrift erfreute sich lebhafter Anerkennung bei den dort anwesenden Versicherungsleuten. Herr Knoblauch selbst hielt auch eine Rede über den Gegenstand auf dem Handelstage.

Nach einem längeren Aufenthalt in Düsseldorf, wo ich auch den bereits früher erwähnten Aufsatz über die Vorbildung der höheren Verwaltungsbeamten für die „Preußischen Jahrbücher“ fertig stellte, kehrte ich im Spätherbst nach Magdeburg zurück. Hier war aber bei der Feuerversicherungsgesellschaft nicht allzuviel für mich zu thun.

Ich hatte mich inzwischen derart in die Magdeburger Verhältnisse eingelebt, daß ich mich auch für Magdeburger Lokalfragen zu interessiren anfing. Seit dem westfälschen Frieden und seit Otto v. Guerikes Zeiten hatte Magdeburg vergeblich auf Erweiterung seines engen Festungsgürtels gehofft. Die gewerblichen Verhältnisse litten in ihrer Entwickelung darunter nicht weniger als die Gesundheitsverhältnisse der Einwohner. Auch ich empfand die Wohnungsnot [154] in meiner Dachkammer am Breiten Wege. Als im Frühjahr 1865 die Behörden endlich nach vieljährigem Hin- und Herverhandeln zu einem Entschluß gekommen waren, erfuhr man zur allgemeinen Enttäuschung, daß die zugestandene Festungserweiterung nur 110 Morgen Land für neue Wohngebäude erübrigen werde.

Nach allem, was ich über die bisherige Behandlung der Sache hörte, hielt ich es für nützlich, die Angelegenheit einmal aus den geheimen Konventikeln der Kommissionen und Konferenzen und aus den Aktenfächern heraus vor die große Oeffentlichkeit zu ziehen. Meine Anregung hierzu in einer Bürgerversammlung am 17. November 1865 fand großen Anklang. Wir bildeten ein Komitee und legten einer allgemeinen Bürgerversammlung, welche am 5. Dezember im Robert’schen Saal tagte, eine von mir verfaßte Petition an den König vor, welche unter eingehender Schilderung aller Nachteile dringend eine größere Erweiterung der Festungswerke, möglichst bis über Buckau und Sudenburg hinaus, verlangte.

Die Petition, welche mir nach 27 Jahren erst in diesen Tagen, Dank der freundlichen Bemühung der „Magdeburgischen Zeitung“, wiederum zu Gesicht gekommen ist, gehört nicht zu den schlechtesten Schriftstücken, die ich in meinen Leben verfaßt habe. Ich hatte mir Mühe gegeben und ein großes sachliches und statistisches [155] Material über die engen Magdeburger Verhältnisse zusammengetragen. Ein eingeborener Magdeburger hätte die Petition auch nicht besser abfassen können.

Die große Versammlung nahm nach meiner Begründung die Petition an, und binnen sieben Tagen erhielt dieselbe aus allen Klassen der Bevölkerung 3755 Unterschriften.

Eins freilich hatte ich bei dem ganzen Vorgehen nicht in Betracht gezogen, die Eifersucht bureaukratischer Selbstherrscher. Der damalige Oberbürgermeister Hasselbach war auf’s höchste erregt über dieses selbstständige Vorgehen, bei welchem man sich sogar erdreistete, über die „gesetzliche“ Obrigkeit der Stadt hinweg sich direkt an die entscheidende Instanz in Berlin zu wenden. Nachdem vorher ein privater Versuch, uns die Sache aus der Hand zu nehmen und dieselbe in eine Art Vertrauensvotum für den Magistrat auslaufen zu machen, gescheitert war, entlud sich der ganze Zorn Hasselbachs in Form eines Anschreibens an die Stadtverordneten, welches auch gespickt war mit beleidigenden Aeusserungen über „den Verfasser“ der Petition. Das Bürgerkomitee für Stadterweiterung ließ Herrn Hasselbach in einer öffentlichen Erklärung die gebührende Erwiederung zu Teil werden. Ich aber kennzeichnete das Verhalten des Oberbürgermeisters in verdienter Weise in einer öffentlichen Ver-[156]-sammlung des Bürger-Vereins am 22. Dezember.

Herr Hasselbach aber war nicht bloß Oberbürgermeister, sondern auch Mitglied des Verwaltungsrats der Magdeburger Feuerversicherungsgesellschaft. Herr Knoblauch liebte es, wie er mir gegenüber offen aussprach, zur Dekoration seiner einzelnen Gesellschaften Herren mit angesehenen Amtstiteln in die Verwaltungsräte zu setzen, ein Verfahren, das damals in der öffentlichen Meinung noch nicht so verpönt war, wie es mit Recht in der Gegenwart der Fall ist.

Hatte Herr Knoblauch vorher noch dem Oberpräsidenten gegenüber einigermaßen Stand gehalten, so wollte er sich meinetwegen doch nicht mit Herrn Hasselbach entzweien, zumal ich, im Grunde genommen, ihm späterhin auch nicht mehr leisten konnte, als ich ihm durch meine Denkschrift schon genützt hatte.

Genug, wir schieden nach Weihnachten voneinander. Zum zweiten Mal schnürte ich also mein Bündel in Magdeburg und wandte mich nach Berlin. Diesmal allerdings in nichts weniger als gedrückter Stimmung.

Magdeburg hat seitdem die erhoffte Stadterweiterung längst erhalten. Ob und welchen Einfluß die damalige Petitionsbewegung auf die weitere Entwickelung gehabt hat und wie sich die Dinge schließlich gewendet haben, hat sich in [157] Folge meines Fortzugs aus Magdeburg meiner Beachtung entzogen.

Ich persönlich habe aus dieser zweiten Magdeburger Episode meines Lebens manche Erfahrungen gezogen. Die Frucht meiner besonderen Studien über deutsches Versicherungsrecht und die Notwendigkeit einer einheitlichen Gesetzgebung habe ich in der „Volkswirtschaftlichen Vierteljahrsschrift“ im 2. Bande des Jahrgangs 1867 niedergelegt unter dem Titel „Die Reform der Versicherungsgesetzgebung im norddeutschen Bunde, von Eugen Richter.“

Eine einheitliche deutsche Versicherungsgesetzgebung ist auch heute wie damals eine dringende Notwendigkeit. Ich bedaure, daß ein entsprechender Gesetzentwurf dem Reichstag niemals vorgelegt worden ist. In der zweiten Hälfte der Regierungszeit des Fürsten Bismarck freilich würde bei dessen Ansichten über Privatversicherungswesen eine gesetzgeberische Thätigkeit auf diesem Gebiete der Sache nur Nachteil gebracht haben. Vielleicht habe ich in späterer Zeit noch einmal Gelegenheit, bei der Behandlung eines solchen Gesetzentwurfs meine in Magdeburg gewonnenen Kenntnisse zu verwerten.

Die „Magdeburger Spukgeschichte“ aber hat ein drittes Mal in meinen Lebensgang nicht eingegriffen. Sie ist seitdem, und zwar wohl endgiltig, zur Ruhe gekommen. [158]

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