21. Schriftsteller und Genossenschafter (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

Dieser Artikel wurde 2424 mal gelesen.

21. Schriftsteller und Genossenschafter.

Anfang 1866 nach Berlin zurückgekehrt, nahm ich die schriftstellerische Thätigkeit sogleich wieder auf, welche ich schon vor meiner Magdeburger Episode im Winter 1865 begonnen hatte — kritische Skizzen über Parlamentsverhandlungen für Provinzialblätter. Die Wogen gingen im Januar-Februar 1866 hoch im Abgeordnetenhause. Erregte Verhandlungen über das am 29. Januar verübte Attentat des Obertribunals auf die Redefreiheit der Abgeordneten, über die seit der letzten Tagung erfolgte gewalttätige Sprengung des Kölner Abgeordnetenfestes und über die verfassungswidrigen Zustände in Betreff Lauenburg folgten einander. Am 23. Februar schloß das Ministerium den Landtag in der brüskesten Weise.

Als 5 ½ Monate später, nach den Kriegsereignissen des Sommers 1866, Anfang August das Abgeordnetenhaus wieder zusammentrat, war [159] die politische Situation eine wesentlich andere geworden, teils in Folge der am 3. Juli stattgehabten Neuwahlen, teils in Folge des Eindrucks der äußeren Ereignisse. Es folgten die Verhandlungen über die Indemnität, die Annexion der neuen Landesteile und das Wahlgesetz zum Reichstage des norddeutschen Bundes. Allen diesen wichtigen Verhandlungen wohnte ich als Zuhörer bei.
Auch stand ich, gewissermaßen als parlamentarischer Lehrling, in engem persönlichen Verkehr mit vielen Führern der parlamentarischen Opposition. Schon während meines Berliner Aufenthalts Anfang 1865 war ich in jene Tafelrunde aufgenommen worden, an welcher der Präsident des Abgeordnetenhauses Grabow in der damaligen Weinwirtschaft beim Apfel-Petsch am Dönhoffsplatz regelmäßig das Mittagsmahl einnahm, zusammen mit dem alten Beitzke, den Abg. Borsche, Becker (Dortmund), Techow und mehreren anderen. Abends versammelten sich die Rheinländer und Westfalen beim sauren Moselwein in der Weinstube bei Trarbach, welche sich damals noch in der Behrenstraße bestand. Die Ostpreußen saßen beim Bier und Punsch in dem Lokal von Schubert, jetzt Lantzsch, hinter dem Schauspielhause. Am Donnerstag vereinigten sich auf Runges Einladung jedesmal die liberalen Notabilitäten Berlins regelmäßig im Magdeburger Hofe auf der Jägerstraße. [160]

Alle diese parlamentarischen Zirkel, denen ich regelmäßig beiwohnte, hielten sich nach außen streng ausgeschlossen. Horchten doch überall damals an öffentlichen Orten Geheimpolizisten auf die Gespräche der Abgeordneten. Sogar im Fraktionssaal der Fortschrittspartei — damals fanden die Fraktionssitzungen noch außerhalb des Abgeordnetenhauses statt — im Hamburger Hofe auf der Heiligengeiststraße entdeckte man einst an einer Lucke in der Decke die geheimen Späher der Regierung.

Noch ist eine wahrheitsgetreue Geschichte der preußischen Konfliktszeit von 1862/66 nicht geschrieben worden. Was die von blinder Bismarcksbegeistung erfüllten Historiographen der Gegenwart für Geschichte ausgeben, sind in Wahrheit nur Karikaturbilder jener Verfassungskämpfe. Die Abgeordneten erscheinen darin als verbohrte Rechthaber, wenn nicht gar als eine Art von politischen Idioten. Mir ist auch von demjenigen, was 1865 und 1866 hinter den parlamentarischen Kulissen spielte, nichts verborgen geblieben. Nach meinen Eindrücken aus jener Folgezeit behaupte ich, daß niemals später eine so intelligente und zugleich patriotische Volksvertretung in Berlin wieder versammelt gewesen ist wie damals. Die Zeit ist nicht fern, in der eine unparteiische Geschichte auch den treuen Volksvertretern jener Tage die volle [161] Ehre und Anerkennung zuerkennen wird, welche denselben gebührt. Aus dem Streit um die zweijährige Dienstzeit entwickelte sich damals der Verfassungskampf. Indem die Regierung heute anerkennt, daß selbst bei den gesteigerten Anforderungen der Gegenwart die militärische Ausbildung des einzelnen Mannes in dieser kürzeren Zeit gesichert werden kann, wird schon von Amtswegen in einem Hauptstück des damaligen Streits die Berechtigung der Haltung des Abgeordnetenhauses selbst vom militärischen Standpunkt aus anerkannt.

Ich widmete mich auch in Berlin 1866 dem praktischen Genossenschaftswesen, übernahm für den Konsumverein der Friedrichstädtischen Genossenschaft die Leitung eines Verkaufslokals in der Hollmannstraße und wurde bald darauf Vorsitzender des Verbandes der Konsumvereine der Provinz Brandenburg, eine Stellung, die ich bis 1868 behielt. In dieser Eigenschaft wurde ich zu Rate gezogen, als es sich kurz vor Beginn des Krieges im Juni 1866 um die Einrichtung der Volksküchen in Berlin handelte zu Gunsten der Familien der zur Fahne einberufenen Reservisten und Landwehrmänner. Mit Frau Lina Morgenstern wirkten unter anderem Virchow, Twesten, v. Holtzendorff, Soltmann zusammen. Der von uns damals begründete Verein der Volksküchen besteht noch heute, und zwar mit einer sehr großen Zahl von [162] Küchen. Ich war Schriftführer des ersten Vorstandes und habe gestützt auf meine Erfahrungen aus den Konsumvereinen wesentlich dazu beigetragen, daß die Küchen von vornherein nicht als Wohlthätigkeitsanstalten begründet wurden, sondern streng nach dem Grundsatz, die Unterhaltungskosten aus dem Erlös der Portionen zu decken.

Indessen habe ich, nachdem die Sache praktisch eingeleitet war, bald meine Entlassung genommen. Für den Damenparlamentarismus in der Verwaltung fand ich das Maß meiner Beredsamkeit nicht ausreichend genug.

In jener Zeit entbehrten die Genossenschaften noch der Anerkennung der Rechtspersönlichkeit und damit der ihnen zusagenden Rechtsform. Der erste Entwurf eines Genossenschaftsgesetzes war damals von der Regierung veröffentlicht worden, enthielt aber durchaus unzweckmäßige Bestimmungen.

Zur Kritik dieses Entwurfes veranstaltete Schulze-Delitzsch am 23. April 1866 eine Versammlung von Genossenschaftern im Handwerkerverein Sophienstraße 15. Handelsminister war damals Graf Itzenplitz, welcher bis zu seiner Berufung ins Ministerium eine amtliche Stellung nur als Kurator der Stammschäferei Frankenfelde innegehabt hatte. Bei aller Bonhommie im Auftreten verstand der Minister von seinem [163] Fach blutwenig. Die Enquete über die Eisenbahngründungen im Jahre 1873 hat dies nachher in drastischer Weise vor aller Welt klargestellt.

In jener Versammlung schloß ich eine längere Ausführung mit dem Wunsche, daß der Herr Minister Graf Itzenplitz bald seinem ursprünglichen Berufe in der Stammschäferei zurückgegeben werden möge. Kaum war das Wort dem Gehege meiner Zähne entflohen, so sprang der überwachende Schutzmann empor, setzte sich den Helm auf und erklärte die Versammlung für aufgelöst. Er mochte meinen Wunsch als eine Aufforderung zu einer strafbaren Handlung aufgefaßt haben. Unter großer Heiterkeit trennten wir uns. Das herzliche Lachen von Schulze-Delitzsch über den Vorfall klingt mir noch heute in den Ohren.

Doch hatte die Begebenheit für mich einige Folgen. Von diesem Tage an galt ich in Berlin der Polizei für verdächtig und wurde in meiner damaligen Chambregarniewohnung, Kochstraße 38, scharf observirt. Von Zeit zu Zeit fand sich der Wachtmeister des Reviers bei mir ein und stellte allerlei Fragen, was ich in Berlin eigentlich mache, und ob ich in Berlin noch länger zu bleiben gedenke. Ich dachte garnicht daran, von Berlin fortzuziehen. Aber die Polizei erlaubte sich jener Zeit — das Reichsgesetz über die Freiheit des Aufenthalts erging erst 1867 — [164] Personen, die ihr in Berlin lästig erschienen, beliebig auszuweisen.

Gegenüber der Möglichkeit von Haussuchungen hielt ich es für zweckmäßig, bei Gelegenheit einer Reise nach Düsseldorf meine sämtlichen Papiere bei meinen Eltern in Sicherheit zu bringen. Der große Koffer, der diese Papiere enthielt, wurde mir auf der Eisenbahn gestohlen. Mein ganzes Hab und Gut befand sich darin, auch bares Silbergeld — der Leichtsinn solcher Verpackungen erklärte sich aus den damaligen erregten Zeiten, in welchen zeitweilig Papiergeld im Verkehr beanstandet wurde — und dazu noch halbvollendete Manuskripte. Eine spätere Gerichtsverhandlung ergab, daß der Koffer bei Magdeburg aus dem Eisenbahnwagen geschleppt, erbrochen und geplündert worden war. Ich kam bei meinen Eltern in Düsseldorf an, dem Schiffbrüchigen gleich, der nichts mehr besitzt, als was er auf dem Leibe trägt. Die reglementsmäßige Entschädigung der Eisenbahn war nur gering. Indeß ich erholte mich bald darauf an dem Honorar, welches ich verdiente durch mein Anfang 1867 erschienenes Buch über Konsumvereine.

Teils durch meinen Besuch der Genossenschaftstage — auch im Oktober 1866 war ich in Kassel — teils durch Beiträge in den Organen des Genossenschaftsverbandes, der „Innung der Zukunft“, und den „Blättern für Ge-[165]-nossenschaftswesen“ war ich seit 1863 mehr und mehr in den Kreisen der deutschen Genossenschafter bekannt geworden. Durch direkte Korrespondenz mit dem bekannten Verein der Pioniere von Rochedale in England machte ich für die Konsumvereine die einfachste Form ausfindig, durch Quittungsmarken den Geschäftsumsatz mit den einzelnen Vereinsmitgliedern als Grundlage für die Gewinnverteilung festzustellen. In diesem Prinzip der Gewinnverteilung nach Maßgabe der Einkäufe, welches damals noch nicht so allgemein wie heute durchgeführt war, liegt ein Hauptreizmittel für die Vergrößerung des Absatzes.

Schulze-Delitzsch hatte mich schon 1865 während meines Aufenthalts in Magdeburg ersucht, mit ihm zusammen eine Anleitung zur Gründung und Verwaltung von Konsumvereinen zu schreiben nach dem Muster seiner praktischen Anweisung für Vorschußvereine. Schließlich aber wurde mir die ganze Arbeit allein übertragen, und so entstand denn, nachdem ich das in dem gestohlenen Koffer verlorene erste Manuskript mühsam wieder hergestellt hatte, in Stärke von 11 Druckbogen mein Buch über „die Konsumvereine, ein Not- und Hilfsbuch für deren Gründung und Einrichtung“, welches Anfang 1867 bei Franz Duncker in Berlin erschien und von Schulze-Delitzsch überall auf das wärmste empfohlen wurde. Dieses Buch, welches damals einem leb-[166]-haften Bedürfnis entgegenkam, ist natürlich jetzt mit den Fortschritten der Entwickelung der Konsumvereine und der erweiterten praktischen Erfahrung längst veraltet. Schon 1883 hat mein freisinniger Reichstagskollege, der langjährige erste Sekretär von Schulze-Delitzsch, Dr. Fritz Schneider ein neues umfassendes Werk für Konsumvereine herausgegeben.

Auf die Entwickelung der Konsumvereine in Deutschland glaube ich aber damals insofern einen gewissen Einfluß durch mein Buch ausgeübt zu haben, als ich für die Beteiligung an Konsumvereinen in Bezug auf Mitgliedsbeiträge leichtere Bedingungen empfahl, dagegen andererseits die strengste Durchführung der Baarzahlung beim Verkauf verlangte. In dem Vorwort meines Buches bezeichnete ich die Gewöhnung der Arbeiter an eine wirtschaftlichere Art der Konsumtion, insbesondere an die Baarzahlung als eine Grundbedingung jedes sozialen Fortschritts.

Nicht in allen Punkten stimmte ich damals mit Schulze-Delitzsch überein. Insbesondere erachtete ich schon damals die beschränkte Haftbarkeit der Mitglieder als die für Konsumvereine zweckmäßige Rechtsform. Freilich hat die Gesetzgebung erst 20 Jahre später es den Genossenschaften ermöglicht, eine beschränkte Haftbarkeit einzuführen. Verhehlen will ich auch [167] nicht, daß ich die Bildung von Konsumvereinen keineswegs so allgemein gerechtfertigt erachte, wie es bei Vorschußvereinen der Fall ist; es giebt Gegenden und Klassen der Bevölkerung, für welche der gewerbsmäßige Kleinhandel seine Aufgaben erfüllt, und es nicht gerechtfertigt ist, demselben durch künstliche Vereinsbildungen das Leben zu erschweren. Maßgebend muß immer bleiben, ob die Reform des Kleinhandels oder der Handelsgewohnheiten und der Konsumtionsweise des Publikums leichter zu erreichen ist in Genossenschaften als durch Gewerbetreibende in ihrer Vereinzelung.

In der Folgezeit hat bald darauf die politische und parlamentarische Thätigkeit meiner Betheiligung am Genossenschaftswesen sehr enge Schranken gezogen. Schulze-Delitzsch selbst war es, der um die Wende von 1866/67 mich als Kandidaten für die ersten Reichstagswahlen des Norddeutschen Bundes empfahl. [168]

Dieser Beitrag wurde unter 1892, Eugen Richter, Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar