22. Reichstagskandidat (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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22. Reichstagskandidat.

Große Hoffnungen setzten alle Liberalen Anfang 1867 auf die erste Wahl nach dem allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrecht für den Reichstag zur Vereinbarung der Verfassung des norddeutschen Bundes. Zwar hatte sich am 17. November die förmliche Scheidung unter den Liberalen der alten Oppositionsparteien des Abgeordnetenhauses vollzogen. Die nationale Partei, späterhin die nationalliberale Partei genannt, hatte sich konstituirt; aber fünf Tage vorher war noch für diese ersten Reichstagswahlen ein gemeinsames Centralwahlkomitee aller Liberalen für die alten Provinzen Preußens gebildet worden. Ludolf Parisius leitete das Bureau des Komitees.

Ich unterstützte dasselbe in der Abfassung von Flugblättern. Mein erstes Flugblatt „An die Gewehre“ unterlag am 2. Januar 1867 schon der Konfiskation, noch bevor die Verbreitung be-[169]-gonnen hatte. Die inkriminirten Stellen ersetzte ich durch Gedankenstriche und veranstaltete eine neue Ausgabe. Die Verbreitung desselben vollzog sich nunmehr um so besser. Die Erinnerungen in dem Flugblatt an die letzten Kriegsereignisse — auch die zweijährige Dienstzeit war in dem Flugblatt gefordert — gaben demselben eine besondere Volkstümlichkeit. Der Staatsanwalt in Eisleben aber verfügte eine neue Konfiskation. Andere Behörden folgten seinem Beispiel. Haussuchungen und Konfiskationen wurden aus den verschiedensten Wahlkreisen gemeldet.

Erst acht Monate nach der Wahl wurden die konfiszierten Exemplare freigegeben, nachdem ich in zwei Instanzen vor Gericht in contumaciam freigesprochen war. Damals brauchte man noch nicht persönlich vor Gericht zu erscheinen, wenn man nicht wollte. Ich aber glaubte der Staatsanwaltschaft zu viel Ehre zu erweisen, wenn ich mich gegen ihre Anklagen persönlich verteidigte. — Später verfaßten die Konservativen gegen dieses mein Flugblatt „An die Gewehre!“ ein anderes Flugblatt mit der Ueberschrift „An die Kanonen!“

Ich wurde Anfang Dezember 1866 in Berlin in das Centralkomitee für die Berliner Reichstagswahlen gewählt und empfahl am 9. Dezember in einer Versammlung im Saale des Handwerkervereins, Sophienstraße 15, in längerer [170] Rede Waldeck, Schulze-Delitzsch, Virchow, Runge, Jacoby und Moritz Wiggers aus Rostock als Reichstagskandidaten. Späterhin lehnten Virchow und Jacoby ab. An deren Stelle wurde Lasker und Franz Duncker aufgestellt.

Um Mitte Januar 1867 wurde ich vom liberalen Wahlkomitee in Nordhausen eingeladen, dort als Kandidat aufzutreten. Schulze-Delitzsch hatte mich daselbst dringend empfohlen. In der „Nordhäuser Ztg.“ stand eine biographische Skizze von mir, in der auch der Brief an die Neuwieder Stadtverordneten nicht fehlte. Es wurde in diesem Artikel des freireligiösen Predigers Baltzer Bezug genommen auf die Empfehlungen „der angesehensten und zuverlässigsten Männer des Abgeordnetenhauses und der Stadt Neuwied“, welche mich bezeichnet hätten als einen Mann, der schon früh ein begeisterungsvolles Streben für Volkswohl bekundet habe.

Der Ruf nach Nordhausen kam mir so rasch und unerwartet, daß ich für den Winterfeldzug über Land nicht einmal einen entsprechenden Anzug besaß und die ganze Wahlkampagne in dem mir leihweise überlassenen Mantel meines Schneiders unternehmen mußte.

Am 23. Januar 1867 hielt ich im Schauspielhause zu Nordhausen vor einer großen dichtgedrängten Versammlung meine Kandidatenrede. Vorsitzender der Versammlung war der frühere [171] fortschrittliche Abgeordnete für Nordhausen, Kaufmann Salfeld. Ich faßte meinen Standpunkt in der Verfassungsfrage wie folgt, zusammen: „Man kann in Betreff der Erweiterung von Rechten Kompromisse abschließen; aber an den bereits erworbenen Volksrechten muß unter allen Umständen festgehalten werden. Ich wenigstens fühle keinen Beruf und kein Geschick in mir, ein einfaches Privatleben mit der Stelle eines politischen Totengräbers für die Volksrechte zu vertauschen.“ Ohne Widerspruch wurde nach der Empfehlung des Predigers Baltzer meine Kandidatur einstimmig angenommen.

Ganz anders wie in der Stadt Nordhausen sahen sich aber die Verhältnisse im Landkreise an. Flugblätter und Stimmzettel wurden konfiszirt, die Saalsperre versuchte man in jeder Weise. In Wolkramshausen hatte der Schulze die Abhaltung einer Versammlung verboten, weil ein Wirt Namens Mässen im Ort nicht vorhanden sei. Der Wirt daselbst hieß allerdings nicht Mässen, sondern Massen. Wie die zwei Strichelchen auf das a in dem Anmeldungsschreiben gekommen waren, blieb unaufgeklärt. Ich fuhr trotz des Verbots nach Wolkramshausen. Mit mir erschien im Auftrage des Landrats ein Gendarm zur Beaufsichtigung der Versammlung. Der Schulze folgerte nun ganz logisch, daß, wenn der Herr Landrat eine Versam[m]lung beaufsichtigen [172] lassen wolle, dieselbe auch zu diesem Zwecke abgehalten werden müßte, und hob daher sein Verbot wieder auf. Auf der Rückfahrt verirrte sich mein Kutscher im Dunkeln. Der Wagen wurde umgeworfen und zerbrach die Deichsel.

Am andern Tag fuhr ich, von dem Regierungsarzt a. D. Riecke, einem alten Freunde meines Vaters, begleitet, in das Harzstädtchen Benneckenstein. Die beiden Wirte am Orte, welche Fremde beherbergen durften, wagten es nicht, uns Nachtquartier zu gewähren. Da erbarmte sich ein dritter Wirt und räumte uns in Ermangelung eines Fremdenzimmers das enge Ankleidezimmer eines Liebhabertheaters als Nachtquartier ein. Am Morgen entgingen wir kaum der Gefahr des Erstickens. Ein dichter Qualm erfüllte das kleine Zimmer, in welchem sonst nicht geheizt zu werden pflegte.

Zu unserer Versammlung im Zuschauerraum des Liebhabertheaters wagte zunächst niemand zu erscheinen. Dreiviertel Stunden saßen wir mit dem Vertrauensmann, unserm Kutscher und zwei beaufsichtigenden Gendarmen allein. Da polterten zwei Angetrunkene die Treppe hinauf. Durch diese mutigen Männer wurde der Bann gebrochen und bald füllte sich der Saal. Die Einwohner, zum großen Teil Holzschnitzer, fürchteten sich vor dem Förster. Derselbe hatte gedroht, liberalen Wählern künftig kein Holz [173] mehr aus dem Walde zu verabfolgen. Nun erschien der Förster selber in der Versammlung und nahm protzig auf der Musikantenbühne Platz. Sogleich begann ich mit der Verlesung des Strafgesetzparagraphen über Wahlbestechungen und richtete an die Versammlung die Aufforderung, mir Mitteilungen zu machen, falls Forstbeamte sich herausnehmen sollten, bei den Holzlieferungen auf konservative Wahlen einzuwirken.

Im Städtchen Sachsa versuchte der gestrenge Bürgermeister eine Wählerversammlung unmöglich zu machen durch Ablehnung der Entgegennahme der Anmeldung. Auch einen Nordhäuser Bürger, den wir zum Zweck der Anmeldung hinübergeführt hatten, fertigte er mit der Antwort ab, daß er ihn persönlich nicht kenne und deshalb die Anmeldung nicht anzunehmen braucht. Endlich faßte sich der Barbier Sachsas ein Herz und bestand auf seinem Schein der Anmeldung. Freilich hatte der Barbier seinen Hauptverdienst nicht in Sachsa, sondern in Nordhausen. In Ellrich hatte sich der sonst liberale Stadtverordnetenvorsteher von dem Bürgermeister damit kirren lassen, daß die Stadt Ellrich für eine konservative Wahl durch eine Eisenbahnstation und ein Bataillon Militär belohnt werden würde. Der Stadtverordnetenvorsteher versuchte eine besondere Versammlung ohne uns abzuhalten. Aber unerwartet kamen während derselben meine [174] Freunde angefahren. Auch gelang es denselben, die Versammlung noch solange fortzusetzen, bis ich nach der Versammlung in Sachsa in rasender Wagenfahrt nach Ellrich kommen konnte.

In Groß-Wechsungen konfiszirte der hochwürdige Pastor unserm Kolporteur Flugblätter und Stimmzettel, indem er mit gewichtiger Amtsmiene erklärte: „Diese Schriften muß ich konfisziren, sie gehören der Gemeinde.“ Der Vorgang hatte später ein gerichtliches Nachspiel zur Folge. Der Schulze, welcher zur Verstärkung seiner Polizeiautorität den Pastor hatte herbeirufen lassen, sagte aus: „Da ich selbst meine Brille vergessen hatte, sandte ich zum Pastor.“

Als ich nach zwölftägiger Bearbeitung den Wahlkreis verlassen hatte, erschien mein Gegenkandidat, Schulrat Bieck aus Erfurt in demselben. Ihm standen natürlich alle Versammlungslokale zur Verfügung. In Wolkramshausen feierte man dann ein patriotisches Fest und sandte ein Ergebenheitstelegramm an den König, welches dieser dankend erwiderte.

Am 12. Februar 1867 war der Wahltag. Das erste Telegramm, welches ich aus der Stadt Nordhausen erhielt, war hoch erfreulich. In der Stadt hatte ich ein Plus von 1300 Stimmen über den Gegenkandidaten erlangt. Ich betrachtete mich schon als gewählt, noch unkundig der hin-[175]-kenden Boten, welche bei Reichstagswahlen nachzukommen pflegen. Mit den neueren Nachrichten schrumpfte denn auch die Mehrheit fortgesetzt zusammen. In Benneckenstein hatte ich indessen noch 302 gegen 189 Stimmen erhalten, und selbst in Sachsa noch 105 gegen 163. Sogar Wolkramshausen brachte 78 Stimmen für mich gegen 29. Aber in den Dörfern, in denen Versammlungen nicht stattfinden konnten und meine Flugblätter und Stimmzettel konfiszirt waren, erlangte ich nur vereinzelte Stimmen. In Groß-Wechsungen, wo der Pastor dem Schulzen bei Konfiskation der Stimmzettel die Brille ersetzt hatte, lauteten nur 5 Stimmzettel unter 205 auf meinen Namen Selbst diese 5 Stimmzettel, welche geschrieben waren, wurden orthographischer Fehler wegen für ungiltig erklärt.

Aber zuletzt behielt ich unter 9000 abgegebenen Stimmen noch eine Mehrheit von einigen hundert Stimmen. Das war nicht viel, aber immerhin genug. Ich war also zum Reichstagsabgeordneten für Nordhausen gewählt.

Mein Wahlsieg wurde in Berlin fast als ein Wunder angestaunt. Denn in ganz Preußen mit Ausnahme von Berlin und Breslau waren nur drei Fortschrittsmänner gewählt worden, nämlich Becker in Dortmund, Bürgermeister Trip in Solingen und ich. Meine Wahl verdanke ich der rastlosen Thätigkeit meiner Nordhäuser Freunde, [176] insbesondere dem verstorbenen Prediger Baltzer, der in Wort und Schrift für mich eintrat und im Gegensatz zu vielen andern Parteiführern im Lande von vornherein begriffen hatte, daß das neue Wahlrecht ganz andere Veranstaltungen erheischt wie das bisher in Preußen allein bekannte Dreiklassenwahlrecht. Auch kam mir im Gegensatz zu vielen hochberühmten Parlamentariern zu statten, daß ich noch keine parlamentarische Vergangenheit hinter mir hatte und deshalb meinen Gegnern eine um so schmalere Angriffsfläche bot. Dieselbe Erfahrung hat sich bei den homines novi sehr oft bestätigt.

Im neuen Reichstag hielten sich die rechte und die linke Seite ungefähr die Wage, wobei man noch sämtliche Welfen, Partikularisten und Klerikalen der linken Seite zurechnen mußte.

Aber die Jugend ist egoistisch. Mich erfreute weit mehr die eigene Wahl, als mich die Niederlagen vieler meiner Freunde schmerzten. [177]

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