24. Schluß (Jugenderinnerungen von Eugen Richter)

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24. Schluß.

Selbst mit des Geschickes Mächten ist kein ewiger Bund zu flechten; wie konnte ich dergleichen von dem Wahlkreise Nordhausen erwarten?

Bei den im Spätsommer 1867 nachfolgenden ordentlichen Reichstagswahlen glaubte man in Nordhausen nicht, mich noch einmal durchbringen zu können, denn jetzt ließ statt des Erfurter Schulrats sich der Nordhäuser Landrat in höchsteigener Person als Kandidat aufstellen. Die Tatsachen haben diese Voraussicht bestätigt; der Landrat wurde auch gegenüber meinem fortschrittlichen Nachfolger in der dortigen Kandidatur zum Reichstagsabgeordneten gewählt.

An Stelle von Nordhausen bot mir nun in meiner bergischen Heimat die Partei in Solingen auf Empfehlung meines Freundes, des Bürgermeisters Trip, daselbst die Reichstagskandidatur an. Ich nahm dieselbe an und errichtete im Sommer 1867 [192] in meiner Vaterstadt Düsseldorf im Auftrage des Centralwahlkomitees der Fortschrittspartei in Berlin ein förmliches Wahlbüreau für Rheinland-Westfalen. Es gelang uns denn auch, in diesen Provinzen eine wesentliche Verschiebung der Wahlen nach links zu bewirken. Im Februar waren in diesen Provinzen aus der Partei nur Becker-Dortmund und Trip-Solingen gewählt worden. Im September aber wurde Waldeck außer in Berlin hier nicht weniger als viermal gewählt, nämlich in Bielefeld, Münster, Recklinghausen und Mühlheim a. Rh. Fünfmal ist seitdem niemals wieder ein Abgeordneter gewählt worden. Rheinland-Westfalen wählte damals auch abgesehen von Waldeck noch acht Fortschrittsmänner.

Aber ich selbst blieb auf dem Platze. Es ist nichts Seltenes, daß Jemand, der sich bei Wahlen lebhaft für Andere bemüht, selbst durchfällt, schon weil er die Gegner am meisten auf sich zieht. Bürgermeister Trip büßte seine Protektion meiner Wahl bald durch die Nichtbestätigung seiner Wiederwahl als Bürgermeister. Ich selbst erhielt eine Anzahl Strafprozesse in den Kauf und wurde in Düsseldorf sogar zu zwei Monaten Gefängnis wegen Majestätsbeleidigung verurteilt — ich hatte die Verantwortlichkeit für einen Wahlartikel aus der Feder von Becker-Dortmund übernommen —, aber in der Berufungsinstanz freigesprochen. Damals gab es glück-[193]-licherweise in Strafsachen noch eine zweite Instanz.

So war ich denn nunmehr ebenso in den parlamentarischen Ruhestand versetzt wie vordem in den Ruhestand als Beamter. Soviel aber hatte ich begriffen, daß man, um als Abgeordneter dauernd eine gesicherte Stellung zu gewinnen, für irgend einen Zweig der parlamentarischen Tätigkeit sich durch besondere Studien und Kenntnisse legitimiren muß. So vertiefte ich mich denn seit 1867 sehr eingehend in finanzstatistische Untersuchungen über den preußischen Staatshaushalt. Auch ich leide von Jugend auf an einer gewissen „Zahlenwut“, wenn auch nicht einseitig nur in Betreff vergleichender Berechnungen über die Kriegsstärke verschiedener Armeeen. Ich beabsichtigte damals in einem mehrbändigen Werk eine Darstellung des gesamten Preußischen Staatshaushalts zu veröffentlichen. Ein solches Werk ist auch heute noch ein dringendes Bedürfnis. Ich wollte mit der Darstellung des Staatsschuldenwesens als desjenigen Teils der Finanzverwaltung beginnen, wofür der Stoff in der Hauptsache mir am Meisten abgeschlossen schien. So entstand mein Buch über „das Preußische Staatsschuldenwesen und die preußischen Staatspapiere von Eugen Richter“, 27 Bogen, Breslau, Maruschke u. Berendt 1869.

Aber ich hatte die Rechnung ohne den Finanz-[194]-minister Camphausen gemacht. Zwei Monate nach dem Erscheinen meines Buches führte Herr Camphausen nach Uebernahme des Portefeuilles die Konsolidation der preußischen Staatsschulden genau so durch — freilich ohne entsprechende konstitutionellen Garantien — wie ich sie in meinem Buche empfohlen hatte. (Aufruf zum freiwilligen Umtausch der verschiedenen Sorten von Staatspapieren gegen einheitliche Obligationen — Konsols —, für welche der Staat eine Tilgungsverbindlichkeit nicht übernahm). Mag nun auch Herr Camphausen, wie er damals im Landtag ausführte, in seinem Arbeitskabinet schon früher zufällig auf denselben Gedanken gekommen sein, welchen ich in meinem Buche zuerst öffentlich verlautbarte, in jedem Falle erfüllte sich damit das Programm meines Buches etwas zu rasch und zu früh, als für die Neuheit des Werkes wünschenswert war.

Ich würde gleichwohl meinen Plan der Darstellung des Preußischen Staatshaushals auch durch Herausgabe weiterer Bände vollständig zur Ausführung gebracht haben, wenn ich nicht, und zwar schon vor dem Erscheinen des Buches über das Staatsschuldenwesen, im Januar 1869 bei der Ersatzwahl für den Präsidenten Lette in Königsberg in der Neumark zum Mitglied des Abgeordnetenhauses gewählt worden wäre. Die parlamentarischen Aufregungen und Zerstreuungen des [195] Tages vertragen sich aber, wie ich späterhin auch bei der Ausarbeitung meiner politischen ABC-Bücher erfahren, nicht mit der Sammlung, der Ruhe und den Zeitaufwand, die für solche Werke erforderlich sind.

Seit jener Wahl in Königsberg in der Neumark Ende Januar 1869 bin ich ohne Unterbrechung Mitglied des Abgeordnetenhauses geblieben. Im November 1870 fiel ich allerdings in Königsberg i. d. N. wieder durch — im Januar 1869 war ich mit einer Stimme Mehrheit gewählt worden — wurde aber dafür anderwärts, in Berlin 2. und in Hagen, doppelt gewählt. Ich nahm für Hagen an und bin noch heute Vertreter für Hagen. Nur in der Wahlperiode 1879/82 unterlag ich dort dem Gegner, wurde aber nunmehr von Berlin 4. für diese Wahlperiode in den Landtag gewählt. Dem deutschen Reichstag gehöre ich wieder seit 1871 an, zuerst für Schwarzburg-Rudolstadt, dann seit 1874 bis jetzt für Hagen. Derart bin ich mit meinen treuen märkischen Wählern schon seit langer Zeit doppelt verbunden und hoffe es auch fernerhin zu bleiben.

„Schier dreißig Jahre bist Du alt, hast manchen Sturm erlebt“, so schrieb meine Mutter mir kurz vor ihrem Tode zum Geburtstage am 30. Juli 1868. „Jetzt bist Du ein Mann geworden [196] und wirst aus Deinen Jugenderfahrungen und Jugenderinnerungen Nutzen zu ziehen wissen.“ In der That meine ich, meine Sturm- und Drangperiode mit der Erreichung des 30. Lebensjahres abgeschlossen zu haben. Je mehr man aber in jungen Jahren gerüttelt und geschüttelt wird, desto sicherer kommt man zuletzt für das Mannesalter in diejenige Lage, welche für die eigene Individualität die angemessenste ist. Ich habe die Ueberzeugung, jetzt seit mehr als 25 Jahren demjenigen Wirkungskreis anzugehören, der für mich nach Anlage, Vorbildung und Neigung der geeignetste ist und den ich jedenfalls für den Rest meines Lebens mit keinem anderen mehr vertauschen möchte. In Wort und Schrift öffentlich für öffentliche Angelegenheiten, in gesicherten und deshalb vollkommen unabhängigen äußeren Verhältnissen, nur der eigenen Ueberzeugung folgend, wirken zu können — ich kann mir für mich nichts Besseres und Schöneres denken und wünschen. Daß diese Wirksamkeit mehr zum Gegenstand hatte, den Rückschritt zu verhindern, als große Fortschritte herbeizuführen, liegt an ungünstigen politischen Konstellationen, welche die Männer unserer freisinnigen Richtung in den letzten Jahrzehnten nöthigten, mehr die Waffe zur Abwehr als das Werkzeug zur Feldbestellung in die Hand zu nehmen. [197]

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus welchem wir nicht vertrieben werden können.“ Dieser Ausspruch Jean Pauls war ein Lieblingsspruch meiner Mutter. In der That hat mir die Aufzeichnung meiner Jugenderinnerungen als Unterbrechung zwischen trockneren und rauheren Arbeiten der Politik einen Genuß bereitet, welchen die Lektüre dieser Blätter sicherlich auch meinen besten Freunden nicht entfernt zu gewähren vermag. Nur die ermunternden Zuschriften, welche mir aus Freundeskreisen vielfach nach Veröffentlichung der ersten Kapitel im Feuilleton der „Freisinnigen Zeitung“ zu Theil wurden, haben mich ermutigt, diese Erinnerungen weiterhin mehr auszuspinnen, als der Bedeutung der Begebenheiten in meiner Vergangenheit entspricht. Je mehr ich mich aber in diese Erinnerungen vertiefte und die Vergangenheit vor meinem Geist wieder lebendig wurde, desto mehr empfand ich die versöhnende Wirkung der Zeit. Sie läßt uns das Herbe, das wir erfahren, milder, das Freundliche im Leben wärmer und wohlthuender empfinden, als es einst in der Wirklichkeit die Eindrücke des Augenblicks mit sich brachten.

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