Schutz dem Arbeitswilligen!

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von Alexander Moszkowski, 1922

Dies zu betonen scheint mir recht und billig:
Ich bin als Mensch und Individium
Im allgemeinen ziemlich arbeitswillig,
Besonders morgens, so um acht herum;
Da liegt Papier, von Schreibgerät umzingelt
Schreib ich den ersten Strich, das geht famos,
Beim zweiten hör’ ich auf, — warum? — es klingelt,
Die erste Briefpost fliegt mir in den Schoß.
Gleich dreißig Stück, wenn es nicht mehr schon waren!
„Umfragen“ hier, das ist so Zeitungsbrauch;
Die eine Zeitung möchte gern erfahren,
Ob, was, wieviel, aus welchem Grund ich rauch’;
Die zweite Zeitung will umgehend wissen,
Ob mir Gebirge lieber oder See,
Die dritte, ob mich von den Leckerbissen
Mehr Trüffeln locken oder Rindsfilet.
Etcetera. Verein von Journalisten,
Der zeigt mir an die Winter-Tombola,
Er kann unmöglich diese Sache rüsten,
Ist nicht von mir die Damenspende da;
Als nächster wird ein froher Klub sich zeigen,
Der drückt (mit Strafporto) die Bitte aus:
Ach lassen Sie doch einen Vortrag steigen,
Es gibt kein Honorar, doch gibt’s Applaus;
Die Säng’rin Ixypsilon mit Beseelung
Und ungeheurem Dankerguß zuvor
Erheischt von mir ’ne dringende Empfehlung
Nach Pernambuco oder Ecuador;
Drei junge Damen wünschen Autographen,
Die eine wohnt im Innern Mexikos,
Die zweite weilt zurzeit in Bremerhaven,
Die dritte aber ist aus Pinne bloß;
Für einen Bund von Wandervogelknaben
Macht Gräfin F. ein adlig Cabaret,
Doch um auch Journalisten drin zu haben
Soll ausgerechnet ich ins Komitee;
Herr L. erfand ’nen Apparat zum üben,
Den möcht ich prüfen, ob er brauchbar sei,
Herr P. hat einen Fünfakter geschrieben,
Den soll ich lesen, Manuskript liegt bei;
Herr B. will eine Auskunft von mir kriegen,
Wie man am billigsten nach Bozen fährt,
Der vom Finanzamt macht mir das Vergnügen,
Indem er mir mein Steuer-Soll erklärt;
Zum Zwecke einer künftigen Verständ’gung
Braucht man mein Votum (Anfang: „cher confrère“),
Herr L. ersucht um eine Geld-Behänd’gung,
Und setzt voraus, daß ich anpumpbar wär’;
Auf Grund gewisser Stiftungsparagraphen
Bewirbt sich R. mit einem Schüttelreim;
Besuchsanzeige eines Photographen
Mit Blitzlichtapparat „im eig’nen Heim“;
Die Witwe Z., weil sie vortrefflich tippe,
Wünscht einen Auftrag je nach Stundenlohn;
Die Wahl des Dr. H. steht auf der Kippe,
Schnell soll ich wählen, Auto wartet schon;
Aus Breslau meldet eine Stiefkusine,
Sie möchte sich mit mir Berlin besehn,
Und da sie sehr talentvoll für die Bühne,
Soll ich zuerst mit ihr zu Reinhardt gehn;
So les’ ich fort; wie bin ich zu beneiden
Um das Vertrauen, das ich mir gewann!
Das Messer ist schon stumpf vom Briefaufschneiden,
Da klingelt’s wieder: zweite Post kommt an;
Ich spüre, wie der sanften Denkart Millich
In mir zu saurem Käsebrei gerinnt,
Was nützt es mir, daß ich so arbeitswillig,
Wenn all die andern doch dagegen sind?
Der Tag ist schon verloren, selbstverständlich,
Und weit auf Wochen jede Arbeitszeit,
Grundgüt’ger Himmel! schütze mich doch endlich,
Erbarm’ dich meiner Arbeitswilligkeit!

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