Die Türkei kriecht zu Halbmond

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Berliner Wespen, 1. Februar 1878 

Der orientalische Krieg.

(Originalberichte vom Kriegsschauplatz.)

Herrn Wippchen in Bernau.

Wir finden es begreiflich, daß Sie sich, wie Sie uns schreiben, nicht an den Gedanken gewöhnen mögen, — wir citiren Ihre Worte, — ohne Sang und Tanz vom Tapet zu verschwinden. Aber welchen „Sang und Tanz“ wählen Sie? Sie melden den Lesern Ihre standrechtliche Erschießung!

Zuvörderst halten wir den Krieg mit dem Abschluß des Waffenstiilstandes und somit auch Ihre Thätigkeit noch nicht für beendet. Es können Ereignisse eintreten, welche alle Ihre Kräfte in Anspruch nehmen.

Aber auch aus anderen Gründen haben wir Ihren gewaltsamen Tod in den Papierkorb geworfen. Sie scheinen zu vergessen, daß Sie damit gewissermaßen aus der Reihe der Lebenden scheiden und sich für alle Zukunft journalistisch unmöglich machen würden. Wir haben aber, wenn der Krieg wirklich beendet sein wird, eine andere Mission für Sie, die Ihnen sehr zusagen dürfte, und Sie würden uns daher mit Ihrem Tode einen empfindlichen Strich durch die Rechnung machen.

Und wie beschreiben Sie Ihr Ende, lieber Herr Wippchen! Abgesehen davon, daß Sie selbst den blutigen Akt schildern, worin mancher Leser, so oberflächlich heute immerhin gelesen werden mag, einen kolossalen Widerspruch entdecken würde, so verflechten Sie augenscheinlich den letzten Akt von Goethes „Egmont“ mit den Schlußstrophen des Mosen’schen „Andreas Hofer“ zu einem Ganzen, um ein möglichst dramatisches Ende zu nehmen. Sie schreiben: „Ich hatte schön geträumt. Mein Clärchen — ich will den Familiennamen nicht nennen — hatte mir durch eine Oeffnung in der Kerkermauer einen eigens für mich angefertigten Lorbeerkranz zu Füßen geschenkt, und dann weckten mich die ersten Strahlen der Trommel. Ein gewisser Silva trat ein und las mir das russische Todesurtheil vor, nach welchem ich wegen Verbreitung türkischer Siegesnachrichten sofort vom Leben zur Bastei geführt werden und dort mein letztes Stündlein erleiden sollte. Süßes Leben! rief ich aus, schöne freundliche Gewohnheit des Daseins und Wirkens, von dir soll ich scheiden! Aber das half nichts, ich predigte vergeblichen Ohren. Wir brachen aus. Mantua war noch straßenleer. Dem Tambour wollte der Wirbel nicht unter’m Schlägel vor, als ich durch das finstere Thor schritt. Alles war tief gerührt. Auf der Bastei sollte ich in die Knie fallen und mir dieselben verbinden lassen, aber ich sprach: Das thu’ ich nit! und dabei blieb es. Dann commandirte ich: Feuer! erklärte noch zum großen Aerger der Russen, daß schlecht geschossen worden sei, sagte dem Land Tyrol Ade und — Alles war vorbei! Friede meinem Requiescat!“

Wir sind nun überzeugt, daß Sie selbst diese Ihre Darstellung nach nochmaligem Durchlesen als für die Publication unmöglich erachten werden, bitten Sie um einen anderen, möglichst sensationellen Bericht und grüßen Sie

ergebenst

Die Redaktion.

XVIII.

Bernau, 31. Januar 1878.

Ich habe es gefürchtet! Meine letzte Fata Morgana, als Opfer meines Berufs zu sterben, haben Sie mir aus dem Stall gezogen, und ich bin gezwungen, der Schiller’schen „Güter Höchstes nicht“ weiter zu ertragen. Schon eilte ich im Geiste wie die Löwenbraut von Corinth den alten Göttern zu, da rauben Sie mir meuchlings den Tod, da werfen Sie mir die Nirwana, auf die ich mich so unendlos gefreut hatte, brutal vor der Nase zu. Sie scheinen also zu glauben, daß ich mich in’s Blaue hinein erschießen ließ, daß ich muthwillig, wie das bekannte Lämmchen, in den Klee des Todes sprang, während ich doch den Genius mit der Fackel nach reiflicher Ueberlegung umgedreht hatte. Ach, ich hörte mit so viel Freude meine letzte Oelung schlagen! Denn ich sehnte mich nach Erlösung. Die Muße, welche mir von einem Bericht zum andern bleibt, ist ein Tropfen auf einen hohlen Zahn. Meine Nerven schreien wie der Hirsch nach Ruhe. Ich habe das ewige Morden müde. Da machte ich, rasch entschlossen, den Proceß einen Kopf kürzer. Nun wissen Sie — verzeihen Sie das harte Wort! — Alles.

Zwei Tage, nachdem ich meine Erschießung abgeschickt hatte, packte ich meine geringen Hab- und Gutseligkeiten zusammen, schüttelte meiner Wirthin, die mich während des ganzen Feldzuges wie einen Augapfel bedient hatte, die Stirn und warf noch einen wehmuthsfeuchten Blick auf meinen Tisch, an welchem der Geier (hole er sich!) meiner Prometheusleber so manche Prüfung auferlegt hatte. Der Dienstmann stampfte schon mit meinem Gepäck das Straßenpflaster, da kam Ihr geschätzter Brief und — da sitze ich wieder einsam und verlassen auf der Ariadne und klage mit dem Dichter:

„Ach, mit des Geschickes Mächten
Ist kein ew’ger Bund zu flechten
und weben Himmlische Rosen in’s irdische Leben!“

Ich füge mich, doch ersuche ich Sie, ehe Sie’s vergessen, um 30 Mark Vorschuß. Lieben Sie runde Summen, so senden Sie 40. So kommen wir uns auf halbem Wege entgegen.

Constantinopel, 28. Januar.

W. Wie ich Ihnen schon durch Wolff’s Telegraphen-Bureau meldete, hat Rußland, kühn gemacht durch das ewige Bugsprietgerassel Englands, seine Forderungen erhöht. Der Zar hat eben die Absicht, die Türkei völlig zu ruiniren, und die Türken sind schon so entmuthigt, daß sie, um nicht zu Kreuz zu sagen, zu Halbmond kriechen, nur um die Russen von der Hauptstadt fern zu halten. Da aber Rußland den Einzug um jeden Preis ermöglichen will, hat es, wie mir so eben sub vier rosa mitgetheilt wird, in seinem Uebermuth von der Türkei nun auch noch die Abtretung Dänemarks verlangt. Darauf konnte natürlich der Sultan nicht eingehen, und so ist denn der Einzug der Russen stündlich zu erwarten.

Der Zustand in der Hauptstadt ist federsträubeud, und ich spotte daher jeder Beschreibung. Wer Constantinopel früher gekannt hat, sieht sich heute nicht mehr ähnlich. Jeder Einwohner scheint ein Matthäi zu sein und geht rathlos an sich vorüber. Flüchtlinge aus allen Theilen des Reichs kommen wie Ein Mann, der die Stadt überfluthet. Rauch ist in der kleinsten Hütte. Auch viele Tscherkessen sind gekommen, geborene Mein- und Deindiebe, und der Polizist hat sich daher rasch vermehren müssen. Selbst der Koran wird nicht mehr geachtet, indem in allen Bazaren der Bacchus in Strömen fließt und die Harems zu Hyänen werden. Es sind Scenen zu erwarten, wie sie die sieben Makart in ihren Todsünden nicht darzustellen vermochten!

Ich höre Musik. Ich kenne sie, es ist russische, es ist das Pfeifen auf dem letzten türkischen Loch. Die russische Armee zieht ein . . . Ich vermag vor Erregung nicht weiter zu schreiben . . . Die Marke, mit der ich diesen Brief frankire, erstirbt mir auf den Lippen . . .

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