Eugen Richter, der Führer der Fortschrittspartei, nebst einer einleitenden Geschichte der Partei

Dieser Artikel wurde 5968 mal gelesen.

Friedrich Werder - Eugen RichterDas Eugen-Richter-Institut hat eine Digitalisierung des Buches „Eugen Richter, der Führer der Fortschrittspartei, nebst einer einleitenden Geschichte der Partei“ veranlaßt. Das Buch ist nun wieder beispielsweise über Amazon erhältlich. Veröffentlicht wurde es erstmals im Zuge des hitzigen Wahlkampfs 1881, in dem es der Deutschen Fortschrittspartei nicht zuletzt aufgrund von Eugen Richters Einsatz gelang, die Antisemiten in Berlin vernichtend zu schlagen. Der Autor, I. Lewy, schreibt unter dem Pseudonym „Dr. Friedrich Werder“, vermutlich als Anspielung auf das Friedrich-Werdersche Gymnasium in Berlin, das neben den Söhne Bismarcks, auch Bismarcks Nachfolger Leo von Caprivi, der Satiriker Adolph Glaßbrenner oder später Victor Klemperer und Dietrich Bonhoffer besuchten.

Im ersten Teil geht es um eine Geschichte der Fortschrittspartei und der demokratischen Bewegung seit der Revolution von 1848 und im zweiten Teil um Eugen Richter mit einer Schilderung seines Lebens sowie Auszügen aus seinen Reden.

Produkt-Information Hier ein kleiner Auszug, in dem es um die bescheidene Lebensweise Richters geht. Vermittelt über einen DDR-Historiker wurde daraus das Bild eines kauzigen Eingebrödlers, der zwischen ein paar Karteikästen und Kanarienvögeln gelebt habe. So stand es lange Zeit auch völlig ungefiltert im Artikel über Eugen Richter in der deutschen Wikipedia. Im Original liest sich das etwas anders, wobei die Bewunderung Lewys unverkennbar ist:

Niemals haben diese verschiedenartigen Möbel zusammengehört, niemals dieser Teppich zu jenem Tische; hier neben dem Schreibpulte blickt uns aus dunklem Rahmen das ernste Antlitz Hoverbeck’s entgegen, dort wieder winken aus goldenen Rahmen Landschaften herüber; Bücherschränke verhüllen die Wände auf allen Seiten, bald fesseln Angebinde von zarter Hand, eine mächtige Mappe mit Goldinitialen, eine Menge eleganter Kleinigkeiten verschiedensten Stils das Auge — gegenüber aber die fächerreiche Registratur, die dem Fürsten Bismarck ein Dorn im Auge.

Ach, was gäbe er vielleicht darum, wenn das entfesselte Element diese Registratur mitsammt ihrem unheimlichen Inhalt mit einem Schlage vernichtete! Da liegen, wohlgeordnet nach ihren Stoffen, die Materialien zu jeder politischen Frage; täglich werden die Acten ergänzt und bereichert, und nur eines Griffes bedarf es vor der entscheidenden Stunde, nur der Sichtung und Ordnung der erschöpfenden Vorräthe, nur der Beschränkung für den augenblicklichen Zweck — und die Regierung ist überwältigt von der Fülle der Argumente, die Welt ist erstaunt über diesen Reichthum an Belägen. Fürst Bismarck ist böse auf das Uebel der Beredsamkeit — wahrlich, ohne Grund! Wären Reden, wären Gründe für die Entscheidung maßgebend, so wäre heute der Fürst nicht mehr Kanzler, und klammerte er sich noch so fest an das Portefeuille: „J’y suis et j’y reste!“ In Richter’s Registratur liegt eine furchbare Fülle durchschlagender Gründe gegen die Bismarck’sche Politik — und jeder Tag bringt deren neue, denn wo gäbe es im Volke eine ernste Beschwerde, die nicht zuerst ihren Weg zu Richter nähme?

Zwei Treppen hoch liegt die Wohnung des Parlamentariers, der den „Ring“ kommandiren soll, ohne daß ihn derselbe doch nur einen Pfennig in der Miethssteuer begünstigte! Die würdige Aufwärterin öffnet dem Besucher das Hauptquartier der Opposition, und ehe der vielbeschäftigte Mann zum Willkommen erscheint, zwitschert sein frei herumflatternder Kanarienvogel dem Ankömmling einen freundlichen Gruß zu. Auf dem runden Tische, daran der Gast Platz nimmt, lagert eine Menge Journale, eine Unmasse Brochüren guckt darunter hervor, und ein Wust von Zeitungen, viel voluminöser, als in jeder Redaction, verräth dem Beobachter bald, wie sich der Politiker auf das Genaueste über alle Dinge orientirt, die in jeglichem Wahlkreise vorgehen. Erstaunlich ist seine Beherrschung der verschiedenartigsten Gegenstände, erstaunlich seine packende Beredsamkeit, erstaunlicher seine unverwüstliche Arbeitskraft, aber am erstaunlichsten das untrügliche Gedächtniß, das er für unzählige Personen und Dinge bethätigt. In der Politik ist Richter wahrlich ein lebendes Conversations-Lexicon.

Nun tritt er ein, ein Bild bürgerlicher Solidität und Einfachheit. Das ist der Mann, bei dessen Anblick der gewaltige Kanzler nervös wird? Das sind die Lippen, deren sarkastischer Zug die durchlauchtige Scheere heftiger klappern macht? Das ist der ironische Blick des Auges, dessen Begegnung den kampfgewohnten Minister veranlaßt hat, eiligst den Saal zu verlassen? Ein schlichter, robuster Mann aus dem Volke, breitschultrig, starkknochig, ein wenig an Gambetta erinnernd, nur daß seine Erscheinung viel ruhiger, viel anspruchsloser, viel stetiger ist, als die des französischen Dictators. Auf der gewölbten Brust erhebt sich ein voller, muskulöser Kopf, von dunklem Barte umrahmt; wenn diese Züge unbelebt sind, könnte man sie fast plebejisch nennen; aber kaum regt sich die Lippe, so vergeistigt sich sein Wesen, um den Mund erscheint jener Zug von Skepsis und Hohn, aus dem umränderten Auge blickt jene herausfordernde Kampfeslust und Siegeszuversicht — ein seltsames, berückendes Gemisch von Pessimismus für die Gegenwart und Optimismus für die Zukunft; man fühlt es wohl, das ist der Männerstolz vor Königsthronen, das ist die schneidige Kritik des gleißenden Erfolgscultus, das ist die Ueberlegenheit politischen Wissens und Denkens! Aber das sieht man zugleich auf den ersten Blick, dieser Mann ist nichts weniger, als die personisicirte Negation, das ist wahrlich nicht der Geist, der stets verneint, der auf dieser mächtigen, hohen und breiten Stirn thront, hier wohnen schöpferische Ideen; man gebe ihnen nur die Gelegenheit zur Verwandlung in die Wirklichkeit, — hic Rhodus, hic salta — und Eugen Richter wird zeigen, was er kann. Bisher ist er in die Rolle des Kritikers gedrängt, aber es ist keine unfruchtbare Kritik, die er übt, sie ist productiv wie die Kritik eines Lessing; immerhin, noch ist nothgedrungen die Kritik sein wesentliches Feld und er handhabt sie mit vollendeter Virtuosität.

Demnächst folgen weitere Bücher. So sollte in wenigen Tagen auch „Deutschland und der Socialismus“ von Ludwig Bamberger aus dem Jahre 1878 verfügbar sein.

Dieser Beitrag wurde unter 1881, Deutsche Fortschrittspartei, Eugen Richter, Geschichte veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar