Ludwig Bamberger: Deutschland und der Socialismus

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Produkt-Information In unserem Auftrag ist nun auch „Deutschland und der Socialismus“ von Ludwig Bamberger von EOD digitalisiert worden und über Amazon erhältlich. Es gab bereits andere Ausgaben, aber diese ist wohl die billigste am Markt.

Das Buch wurde 1878 veröffentlicht, wobei das Vorwort von Ende März datiert. Ludwig Bamberger war zu jener Zeit einer der führenden Politiker der Nationalliberalen und gehörte zu deren linkem und freihändlerischen Flügel.

Hinter ihm lag ein bewegter Lebenslauf. Aus einer jüdischen Familie in Mainz stammend, hatte er aktiv an der Revolution von 1848 teilgenommen und mußte deshalb außer Landes fliehen. Nach Zwischenstationen lebte er in Paris, wo er sich erfolgreich im Bankgewerbe betätigte. Als alter Demokrat hielt er dabei aber weiterhin Kontakte zu den anderen Emigranten und konnte so die Geistesheroen der Sozialdemokratie wie Karl Marx und Ferdinand Lassalle aus der Nähe kennenlernen. Ersterer meinte charmant bei Bamberger die „Zigeunersprache der Pariser Börsensynagoge“ heraushören zu können.

Nach dem deutsch-österreichischen Krieg wurde eine Amnestie für die Teilnehmer der Revolution verfügt. Auch Ludwig Bamberger konnte daraufhin nach Deutschland zurückkehren, mittlerweile ein Bewunderer Bismarcks, auf den er seine Hoffnungen für eine liberale Umgestaltung Deutschlands setzte. Er war einer der Gründer der Deutschen Bank und als Vater der Mark maßgeblich an der Einführung der Goldwährung in Deutschland beteiligt.

Mit der reaktionären Wende ab Mitte der 1870er Jahre kehrte sich Bamberger zunehmend von Bismarck ab. Insbesondere wandte er sich gegen das wachsende Einsickern sozialistischer Ideen, die nun auch von Konservativen aufgegriffen wurden. 1880 gehörte er zum linken Flügel der Nationalliberalen, der sich als Liberale Vereinigung (auch „Sezession“ oder „Sezessioniesten“ genannt) abspaltete und 1884 mit der Fortschrittspartei zur Freisinnigen Partei fusionierte. Hier war er einer der Gegenspieler von Eugen Richter, sodaß er sich wahrscheinlich wundern würde, auf diesem Blog aufzutauchen.

In dem Zusammenhang des wachsenden Staatssozialismus ist das Buch zu verstehen. Noch sind die Attentate auf den Kaiser nicht vorgefallen, doch schon wird von konservativer Seite nach gesetzlichen Maßnahmen gegen die Sozialdemokraten gerufen. Diese haben bei den Wahlen 1877 unerwartet erfolgreich abgeschnitten mit 9,1% der Stimmen, was Peer Steinbrück beruhigen sollte, der damit ein noch erfolgreicheres Resultat erzielen wird. Ludwig Bamberger widerspricht in „Deutschland und der Socialismus“ einer zwangsweisen Unterdrückung der Sozialdemokratie (nach dem zweiten Attentat auf den Kaiser wird er allerdings wie die Nationalliberalen allgemein, aber anders als die Fortschrittspartei umfallen):

Es ist ganz richtig, daß Staat und Gesellschaft nicht verpflichtet sind, philosophisch zuzuschauen, wenn Anstalt gemacht wird, den ihnen offen erklärten Krieg auch tatsächlich ins Werk zu setzen. Es ist auch richtig, daß es eine Zeit gab, in welcher es möglich war, Gedanken mit physischer Gewalt aus den Köpfen zu treiben. Es war die Zeit, in der man die Köpfe ein- oder abschlug, wenn sie nicht dachten, wie der Stärkere wollte. Aber die Zeiten, da auf diese Weise z. B. Belgien, Böhmen und Frankreich katholisch und England protestantisch gemacht wurden, sind vorüber, und eben daß sie unwiederbringlich vorüber sind, ist der beste Beweis für die Entwicklungsfähigkeit der menschlichen Gesellschaft auf der gegebenen Grundlage.

Ludwig Bamberger schöpft aus seiner eigenen Anschauung, wenn er sich über den ja auch anderwärts oft beobachteten Widerspruch zwischen der Lebensweise und Herkunft von Proletarierführern mit ihren deklarierten Zielen mokiert. Hier eine besonders amüsante Stelle, die auch den eleganten Stil zeigt, der das Buch zu einem Lesegenuß macht:

Nicht bei Beurtheilung jedes Streites werden wir versucht sein, auf gleiche Weise das Gewicht der persönlichen Vertreter einer Meinung mit in die Wagschale zu werfen. Ist schon mit einigem Recht gesagt worden, daß bei Prüfung philosophischer Lehren gefragt werden dürfe, ob denn der Lehrer auch im Leben ein wenig Philosoph gewesen, so erscheint diese Neugierde als noch weniger indiscret da, wo es sich um ein Experiment auf Leben und Tod im Namen der höchsten und heiligsten Gerechtigkeit handelt. Hier ist es durchaus nicht gleichgültig, zu wissen, daß die Stifter der ganzen Verbindung sich in hervorstechender Weise als üppige Lebemänner zeigen, deren Ansprüchen nur der überfeinerte Apparat moderner Großstädte genügt. Wir haben sie ja gekannt, den Apostel Lassalle und seinen Sänger Herwegh, einer wie der andere die blasirte Eleganz bis in die Fingerspitzen hinein. Es war unmöglich, mit ihnen in Berührung zu kommen, ohne sofort an den Hohn zu denken, der darin lag, daß von diesen Dandies zum grimmen Faustkampf für den frugalen Proletarierstaat aufgeboten wurde. Und doch ist auch wieder eine psychologische Erklärung in der so gearteten Persönlichkeit dieser Stifter gegeben. Ihre Entrüstung über das Los der arbeitenden Klassen kommt unmittelbar aus der weichgepolsterten Studirstube. Die Verbindung von materieller Ueppigkeit und geistiger Vornehmheit, in welchen ihr Wesen aufgeht, gibt den Schlüssel zu dem Schaudern, welches sie bei der Vorstellung eines Proletarierlebens überläuft, und wenn etwas ehrlich ist in ihnen, so ist es die Mißempfindung über diesen Gegensatz zu ihrem eigenen Selbst. So weit auch mag alles, was von Sympathie in ihnen zum Vorschein kommt, echt sein; desto unechter dagegen wird der Schlachtruf für eine Weltordnung, deren oberstes Gebot die gleiche Entsagung Aller sein müßte.

Ludwig Bambergers Punkt ist allerdings weniger eine Kritik der Sozialisten selbst, sondern der Aufnahme, die sie in der deutschen Gesellschaft finden. Das „Bürgertum“, das im Klassenkampf zerschlagen werden soll, begeistert sich oftmals für den Sozialismus:

Das Unwahre und Falsche, welches sich in den Personen der Stifter als Gegensatz zwischen Existenzweise und Lehre, man könnte sagen zwischen Denken und Reden, am prägnantesten verkörpert, findet sich verschiedentlich abgetönt heutzutage in andern Sphären unserer deutschen Gesellschaft wieder. Zunächst in jenem luxuriösen Pessimismus der in der Philosophie lustwandelnden Leute von Welt. Sodann aber, und dies zu zeigen ist ganz eigens hier die Aufgabe, steckt derselbe Widerspruch in dem Verhalten, welches ein großer Theil des deutschen Bürgerthums (das Wort in seinem weitesten Sinne genommen) gegenüber der socialistischen Bewegung beobachtet, theils ihr helfend, theils ihr apathisch zusehend, ebendieser Bewegung, welche das Programm der Zerstörung ebendieses Bürgerthums verkündigt. Das ist’s eben, wodurch die deutschen Bürger unserer Zeit auf eine so fatale Weise an die Marquis und Vicomtes des 18. Jahrhunderts erinnern.

Sie tanzen nicht auf dem Vulkan, sondern sie tragen das Holz herbei zu dem Scheiterhaufen, auf dem sie selbst verbrannt werden sollen; und der Ruf Sancta, simplicitas! ertönt nicht mitleidig wie einstmals aus dem Munde des Opfers, sondern höhnisch aus dem Munde des Henkers.

Als Schmankerl bespricht Ludwig Bamberger am Schluß noch einen anonymen Artikel (dessen Autorschaft wir ihm selbst zutrauen würden), in dem sich ein Spaßvogel hintersinnig über den sozialistelnden Zeitgeist lustigmacht. Dieser argumentiert für eine staatliche Regulierung des Theaters mit den gängigen Argumenten, ohne daß, die veröffentlichende Zeitung die Ironie bemerkt hätte:

„Ganz abgesehen davon, daß es sich nicht darum handelt, tüchtigere und züchtigere Schauspieler heranzuziehen, daß vielmehr unsere bei weitem wichtigere Aufgabe in der gesündern, sittlich-reineren, zugleich idealeren und nationaleren Production besteht, so würde die Wirksamkeit einer beiden Zwecken, der Heranbildung sowol höher gearteter Schauspieler, als höher gearteter Dramatiker dienenden dramatischen Hochschule doch nur eine unzulängliche bleiben, wenn der Staat nicht zugleich die geeigneten gesetzlichen Bestimmungen theils coërcitiver, theils normativer Art über den Besuch und die Wirksamkeit der Hochschule und über die sittliche, künstlerische und wirtschaftliche Führung der Bühne erließe. Man bedenke, daß keine andere Klasse von Staatsbürgern so sehr dazu neigt, sich von persönlichem Dafürhalten und individueller Willkür fortziehen zu lassen, wie die Künstler; daß, während nicht nur der Militär und der Beamte, sondern auch der Mann der Wissenschaft sich leicht und gern, ja mit innerer Genugthuung der sittlichen Zucht seiner Nation fügt und den ihm durch die ethische Ordnung auferlegten Zwang in innere Freiheit verwandelt, der Künstler, und zumal der dramatische, immerfort Gefahr läuft, von seiner Phantasie und Sinnlichkeit auf Abwege verlockt zu werden. Da nun aber Leute von mäßiger Phantasie und Sinnlichkeit den Künstlerberuf nicht zu ergreifen pflegen, so muß von Staats wegen Fürsorge getroffen werden, daß die der Kunst sich widmenden Staatsgenossen, in welchen erfahrungsgemäß die Psyche sehr bedenklich nach dieser verhängnißvollen Seite neigt, nach Möglichkeit vor dem Fallen bewahrt bleiben.“

Nach dieser vielverheißenden Introduction kommen nun die Vorschläge ins einzelne ausgeführt. Da wird gefordert, daß die Studirenden weiblichen Geschlechts nicht zu jung auf die Hochschule kommen und vorerst das Lehrerinexamen gemacht haben, damit nicht „leichtsinnige Personen aus frivolen Gründen sich der Bühne widmen“. Neben „der Hochschule für darstellende Dramatik“ wird eine für die „schaffende Dramatik“ verlangt. Die theoretische und praktische Ausbildung der dramatischen Schriftsteller darf natürlich nicht „dem Zufall“ überlassen bleiben. Der Staat muß ihnen beistehen, muß sie leiten, und dies geschieht durch eine „Schule für dramatische Production“. Hier die Aufzählung der Fächer, welche der künftige Studiosus der Dichtkunst als Zwangscollegien zu hören hat: „Geschichte des Dramas; dramatische Alterthümer; dramatische Quellenkunde; dramatische Stofflehre; Theorie der dramatischen Erfindung und Composition; Technik des Dramas; Theorie des Geschmacks und der künstlerischen Intuition; Lehre vom Localton und von der Zeitfarbe.“

Der einzige Unterschied zu heute ist nur, daß es noch recht viele Leute in Ludwig Bambergers Zeit gibt, denen die Widersinnigkeit solcher Vorschläge auffällt.

Insgesamt ein kurzweilig zu lesendes Buch, das wir sehr empfehlen möchten.

Bei Libera Media ist das Buch „Deutschtum und Judentum“ von Ludwig Bamberger neu aufgelegt worden (erhältlich über Amazon, einfach auf das Bild klicken):

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Eine ausführliche Einleitung und zahlreiche Fußnoten zu Personen, Sachverhalten und ungewöhnlichen Wörtern helfen dem heutigen Leser beim Verständnis.

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