Arnold Kling: The three languages of Politics

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Produkt-Information Arnold Kling gründete 2003 den Blog EconLog, den wir hier gerne verfolgen. Er stieg letztes Jahr aus und betreibt nun seinen eigenen Blog askblog.

Brandfrisch kommt aus den elektronischen Druckerpressen sein neues eBuch „The three languages of Politics“ zum erschwinglichen Preis von 1,58 Euro (nur fürs Kindle).

Man sollte kein langes Buch erwarten, vielmehr handelt es sich um einen erweiterten Essay. Und viele der Punkte kennt man, wenn man die Beiträge von Arnold Kling auf EconLog und askblog gerade in der letzten Zeit verfolgt hat. Für unseren Geschmack hätte Kling etwas mehr argumentieren und in die Tiefe gehen sollen, so bleibt oftmals nur die Behauptung.

Die Kernthese finden wir aber dennoch erhellend. Sie lautet, daß sich unterschiedliche politische Richtungen eigener Sprachen bedienen und dadurch für die Anhänger verständlich, für die Gegner unverständlich werden. Erklärt wird dies als verschiedene Stämme, die sich hauptsächlich darum kümmern, sich von anderen Stämmen abzugrenzen. In Arnold Klings Sicht gibt es drei Weisen, sich mit politischen Meinungen auseinanderzusetzen:

  1. Den Geist der Gegner zu öffnen.
  2. Den Geist der Freunde zu öffnen.
  3. Den Geist der Freunde zu schließen.

Er möchte dabei das erste und zweite erreichen.

Was sind nun die drei Sprachen?

Arnold Kling nimmt sich hier die drei Fraktionen des politischen Spektrums in den USA vor:

  • Progressives
  • Conservatives
  • Libertarians

Eine exakte Entsprechung gibt es im deutschen Spektrum nur bedingt. Progressives stehen in der herkömmlichen Anschauung weiter „links“ als amerikanische „liberals“ (die in etwa den deutschen Sozialdemokraten nahekommen) und würden sich hierzulande am ehesten bei Linkspartei, linker SPD oder linken Grünen wiederfinden. Conservatives sind auch nicht ganz das, was in Deutschland Konservative wären. Libertarians spielen in Deutschland eine so geringe Rolle, daß man sie wohl kaum als dritte große Richtung ansprechen würde (Arnold Kling ordnet sich hier grob ein, sodaß er auch für amerikanische Verhältnisse wohl die Bedeutung als dritte Richtung überschätzt).

All diese Gleichsetzungen sind hierbei als ungefähr anzusehen. Wie es einmal ein gescheiter Kommentator in einer Diskussion zu einem Artikel über Anders Breivik herausstellte, kurz nach dessen Attentat passiert war: für Amerikaner ist Breivik mit seinen Befindlichkeiten schwer zu verstehen, denn alle wesentlichen politischen Richtungen, wozu man Progressives, Conservatives und Liberatarians zählen kann, haben sich aus einem alten Liberalismus entwickelt. Von daher sollte man sich nicht über Progressives oder Conservatives wundern, die sehr konsequent beispielsweise für Bürgerrechte eintreten. Und diese gemeinsamen Wurzel verbinden, bei aller erbitterten Auseinandersetzung. In Deutschland und Europa gibt es hingegen wesentliche politische Richtungen, die immer in Opposition zum Liberalismus standen und aus dieser Opposition heraus ihr Selbstverständnis entwickelt haben.

Mit diesem Caveat läßt sich die These von Arnold Kling dennoch gut auf die hiesige politische Landschaft übertragen. Er behauptet nämlich, daß jede der drei Richtungen eine Dimension hat, in der sie geneigt ist, ihre Sicht darzustellen. Und zwar ist dies:

  • Unterdrücker versus Unterdrückte bei den Progressives
  • Zivilisation (oder in deutscher Ausdrucksweise Kultur) versus Barbarei bei den Conservatives
  • Zwang versus Freiheit bei den Libertarians

Sehr schön illustriert Kling dies an den Stellungnahmen zu einigen Themen, so etwa freier Wanderung:

  • Progressives: Den armen unterdrückten Ausländern muß beigestanden werden, wobei das leicht mit anderen Hilfestellungen für Unterdrückte wie die einheimischen Geringverdiener kollidieren kann.
  • Conservatives: Einwanderer bedrohen die überkommene Kultur, die sich auflösen könnte, wenn zu viele kommen, und die deshalb zusammengehalten werden muß.
  • Libertarians: Es ist unrecht, Menschen mit Zwang daran zu hindern, dort zu leben und zu arbeiten, wo sie möchten.

Oder den bevorzugten Erklärungen für die Finanzkrise:

  • Progressives: Gewissenlose Bankiers haben armen Leuten Verträge reingedrückt, die sie nicht einhalten konnten.
  • Conservatives: Banken sind von ihrer bewährten Kultur abgegangen und haben sich dazu verleiten lassen (oder wurden durch den Staat verleitet), in wilde Finanzprodukte zu investieren.
  • Libertarians: Entweder die Politik der staatlichen Notenbank und/oder Regulierungen haben den Markt verzerrt.

Arnold Kling geht die unterschiedliche Orientierung an den drei Dimensionen dann im Anhang noch einmal anhand von Kommentatoren der drei Richtungen durch. Der Gebrauch der drei Sprachen dient der inneren Kohäsion der jeweiligen Richtung. Gegenüber anderen Richtungen und deren Sichtweise wird sich abgeschottet. Die Ansichten, die in einer anderen Sprache vorgetragen werden, können von daher von außen nur als Ausdruck von Dummheit oder Mutwillen abgetan werden.

Soweit die Hauptthese, die wir, wie gesagt, auch für die deutsche politische Szene für erhellend halten. Arnold Kling weist hierbei darauf hin, daß durch die unterschiedlichen Sprachen hauptsächlich daran gearbeitet wird, den Geist seiner Freunde abzuschließen. Im Gegensatz dazu plädiert er, lieber zu versuchen, seinen eigenen und den Geist der Gegner zu öffnen.

Das ist sicher löblich, und wir wollen hier gerne unser bestes tun. Es gibt aber Grenzen. Wenn man auf Leute trifft, deren Hauptmotiv es ist, ihren und den Geist ihrer Freunde geschlossen zu halten oder zu schließen, dann sollte man es mit eigenen offenen Geist auch nicht übertreiben und einen einfühlsamen Kompromiß suchen. Manche Meinungen sind eben einfach falsch in einem objektiven Sinne, egal ob viele sie sich untereinander vorbeten. Oder um es mit Richard Feynman zu sagen: „Keep an open mind, but not so open that your brain falls out.“

Mit Abstrichen fanden wir den Essay von Arnold Kling durchaus den geringen Preis und mehr wert, und möchten ihn hiermit unseren Lesern empfehlen.

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