Michael Huemer: The Problem of Political Authority

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Bryan Caplan hatte Anfang des Jahres auf EconLog dazu aufgerufen, einen guten Titel für Michael Huemers neues Buch zu finden. Letztlich ist der obenstehende herausgekommen mit dem Untertitel „An Examination of the Right to Coerce and the Duty to Obey“. Das ist sicherlich alles treffend, aber leider etwas farblos geraten.

Doch viel mehr fällt uns an Kritik ansonsten nicht ein. Wir können Bryan Caplan in seiner enthusiastischen Besprechung bei Amazon.com (Top-Rezension) und auf EconLog nur zustimmen: The best book of libertarian political philosophy around.

Was macht das Buch so hervorragend? Einmal, daß wir eine Unzahl an guten Argumenten aus ihm gelernt haben, die wir aus längerer Beschäftigung nicht kannten. Und dann, daß Michael Huemer einen Weg einschlägt, seine Argumente vorzubringen, dem selbst Vertreter anderer Ideologien nicht ausweichen können. Er beginnt nämlich nicht wie eine Vielzahl vor ihm, etwa Ayn Rand, Robert Nozick, Jan Narveson oder Murray Rothbard, damit, irgendwelche Prinzipien vorauszusetzen und aus diesen zu folgern, Prinzipien, die nur für die bereits Überzeugten einleuchtend, für Außenstehende aber ganz zurecht obskur sind. Stattdessen setzt er bei moralischen Intuitionen an, die wohl die meisten teilen würden, und folgert von daher Schritt für Schritt zu politische Schlüssen, letztlich einem Anarchismus in seiner anarchokapitalistischen Ausrichtung, die weithin für abwegig gehalten werden.

Der erste Teil des Buchs beginnt damit, das Verhalten von jemandem zu beschreiben, der sich wie ein Staat verhält. Er hält Verbrecher in seinem Umfeld an und sperrt sie ein. Und dann geht er zu seinen Nachbarn und verlangt ihren Beitrag zu seinen Aktivitäten, Nachbarn, die ihn nie damit beauftragt haben. Die moralische Intution ist hier, daß dieser Vigilante unrecht handelt. Aber warum darf der Staat das? Warum darf er andere zwingen und warum sollten diese ihm gehorchen müssen? Letztlich muß an dieser Stelle eine spezielle Eigenschaft eingefügt werden, die der Staat, aber der Vigilante nicht hat: politische Autorität.

Doch wie sollte diese politische Autorität des Staates begründet werden?

Michael Huemer nimmt sich dazu die verschiedenen Theorien vor, die im Laufe der Zeit zur Rechtfertigung vorgebracht wurden: die Theorie eines tatsächlichen Gesellschaftsvertrags, die Theorie eines hypothetischen Gesellschaftsvertrags, Herleitung aus der demokratischen Verfaßtheit eines Staates sowie Argumente, daß die Konsequenzen gut oder fair seien.

Nachdem Michael Huemer für jede dieser Begründungen von politischer Autorität aufzeigt, daß sie entweder einfach falsch sind, wie etwa die Theorie eines tatsächlichen Gesellschaftsvertrags, oder in Widersprüchen versanden, versucht er sich an einer psychologischen Erklärung, warum die oft klaffenden Lücken in den Rechtfertigungen so leicht über lange Zeit übergangen worden sind: die menschliche Neigung, an Autoritäten zu glauben, und eine Art „Stockholm Syndrome“ (benannt nach der Erfahrung anläßlich einer Geiselnahme in Schweden, bei der die Geiseln sich mit den Geiselnehmern solidarisierten).

Im zweiten Teil des Buchs sucht Michael Huemer dann plausibel zu machen, wie eine anarchische Gesellschaft in seinem Sinne funktionieren, bestehen und unter welchen Umständen sie in Zukunft entstehen könnte. Er wendet sich dabei einer Anzahl von Einwänden zu, wie etwa dem von Hobbes stammenden, man brauche einen so starken Staat, der alle anderen niederhalten kann, damit ein friedliches Zusammenleben möglich wird. Ein friedliches Zusammenleben ist aber eher zu erwarten, wenn viele etwa gleich Starke sich jeweils gegen einzelne Unruhestifter verbünden (in etwa die „segmentäre Opposition“ bei Blankertz), als wenn man bereits mit einem massiven Ungleichgewicht beginnt.

Natürlich kann Michael Huemer nicht alles ausmalen und versucht das auch nicht. Vieles muß Spekulation bleiben. Er zeigt aber zum Beispiel überzeugend, daß keine utopischen Annahmen erforderlich sind, die die Veränderung der menschlichen Natur voraussetzen, und widerlegt eine Reihe von gängigen Einwänden, etwa solchen, die die schlechtesten Realisierungen von Anarchie mit den besten Staaten vergleichen und nicht etwa den schlechtesten.

Wir wollen und können die vielen Argumente hier nicht alle ausbreiten und empfehlen unseren Lesern, einfach das Buch selbst zu lesen, das auch nach unserer Ansicht das beste des Genres ist.

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