Morgenstündchen eines Ministers

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Berliner Wespen, 26. April 1878

Guten Morgen, mein lieber Mann.

Guten Morgen, mein Kind. Hast Du gut geschlafen?

Besser als Du. Du sprachst ja fortwährend aus dem Schlaf. Ohne Unterbrechung suchtest Du nach Dingen, an welche sich Steuervorschläge knüpfen ließen. Oft mußte ich darüber lachen. Denke Dir nur, einmal griffst Du an meine Nase und riefst aus: Ich hab’s, — Nasensteuer!

Darüber läßt sich allerdings spaßen, aber mit demselben Recht auch ernst reden. Eine Steuer auf Nasen ist wohl in Erwägung zu ziehen. Der Staat muß einfach eine Normalnase aufstellen und dann jede Nase besteuern, welche das gesetzmäßige Maaß überschreitet. Das würde in das Gebiet der Luxussteuern gehören. Welch ein Luxus wird speciell mit der Nase getrieben! Wie überflüssig lang und breit wird sie getragen! Selbst Deine Nase, liebe Frau, ist, bei Licht besehen, eine Idee zu lang.

Aber Männchen —

Bitte, ich spaße mit so ernsten Angelegenheiten nicht. Das hätte ich mir wohl früher erlaubt, aber jetzt, wo ich Minister bin, muß jede Auffassung, welche als eine frivole gelten könnte, ausgeschlossen bleiben. Um wieder auf die Nase zu kommen, so erscheint sie mir immermehr als ein vortreffliches Steuerobject, weil sie so häufig übertrieben wird. Betrachte einmal die gebogenen Nasen, und.dann werfe einen Blick in das Thonet’sche Magazin und überzeuge Dich, daß die dort aufgestellten Möbel nicht luxuriöser gebogen sind, als tausend Nasen, die Dir in die Augen stechen.

Du bist heute sehr bei Laune.

Ich bei Laune? Ich bin garnicht bei Laune. Du scheinst nicht zu wissen, daß der Fürst [Bismarck] mich, wie alle anderen preußischen Minister, aufgefordert hat, über Steuervorschläge nachzudenken. Denken wir also nach. Betrachten wir die Nase von der anderen Seite, so stoßen wir auf wahre Prunknasen. Hier finden wir solche zu wahren Lotternasen mit Haaren gepolstert, dort solche mit den feinsten Tabacken gefüllt. Links kommt Dir eine Nase mit einem Sattel entgegen, rechts, eine mit einer Warze geschmückt, oder in das kostbarste üppigste Roth gekleidet. Kurz und gut, ich veranschlage den Ertrag einer Nasensteuer auf mehrere Millionen, wenn der Fürst —

Lasse für einen Augenblick das Geschäft bei Seite. Hier sind der Kaffe und die Zeitung. Ah, die Tante Voß [= Spitzname für die Vossische Zeitung]. Dies Wort bringt mich auf den Vorschlag einer Tantensteuer, die sich sehr leicht in eine allgemeine Verwandtensteuer wird verallgemeinern lassen. Jeder Mensch hat wenigstens eine Tante, die er entweder bei Lebzeiten ausbeutet, oder beerbt. Da ist es wahrlich nicht unbillig, wenn der Staat von ihm eine Tantensteuer erhebt, die der Neffe, nebenbei bemerkt, selten spüren wird, weil ihm die Tante natürlich die bezahlte Steuer baar, oder in irgend einer andern Form vergütet. Irre ich mich, mein Kind?

Ich verstehe nichts von der Volkswirthschaft, es kommt mir aber vor, als seist Du nicht ganz wohl. Du scheinst zu fiebern. Zünde Dir die Morgencigarre an, das wird Dich wieder beruhigen. (Er zündet die Cigarre an.) Gieb mir das abgeschnittene Stück. Du weißt, ich sammle. Das bringt mich auf eine kostbare Idee, auf das Project einer Almosensteuer. Jeder Bürger gilt gerne als wohlthätig und wird mit Vergnügen die Steuer bezahlen, so hoch er auch eingeschätzt sein möge. Wie wird der Fürst schmunzeln, wenn ich ihm mit diesem Vorschlag komme!

Ohne Zweifel, lieber Mann. Doch von etwas Anderm. Ich will jetzt mit den Kindern in’s Aquarium und ihnen den Dintenfisch zeigen.

Ich danke Dir für diese Mittheilung, denn sie bringt mich auf den Gedanken einer Fischsteuer. Warum soll eigentlich für den Fisch, der von unserm Wasser sich sättigt, unsere Lust schnappt, in unserer Butter gebraten, mit unsern Gabeln gegessen wird, der also alle Vortheile genießt, keine Steuer bezahlt werden? Ich bin sehr dafür, der Fisch schreit wenigstens nicht.

Vielleicht führe ich die Kleinen nachher noch in’s Panoptikum.

Auch eine Wachsfigurensteuer will ich in Erwägung ziehen. Der künstliche Mensch, von unserm Wachs erzeugt, darf nicht noch länger vor dem natürlichen Menschen bevorzugt einherstehen. Das wäre wirthschaftlich falsch, weil der Wachsmensch nicht für Wohnung und Kleider zu sorgen hat.

Aber, lieber Mann, welche Gedanken! Ich kenne Dich kaum wieder. Ich fürchte, Dir ist nicht wohl. Geh‘ ein wenig in die frische Luft —

Frische Luft? Ob die frische Lust ein Steuerobject wäre? Vorschlagen will ich sie dem Fürsten . . . O, mein Kopf!

Du bist wirklich krank. Kein Wunder, da Dir der Fürst eine solche Aufgabe stellt, die Aufgabe, über Steuerobjecte nachzudenken, während er selbst im Schatten seiner Lauenburgischen Wälder umherstreift. Ich lasse den Arzt rufen.

Der Schatten wäre allerdings noch nicht besteuert, ich will darüber grübeln. Auch über den Arzt. Meinst Du, daß der Arzt ein Steuerobject abgiebt? Dann lasse ihn rufen. Schicke eines. unserer Kinder hin. Sind unsere Kinder schon besteuert? . . . O, mein Kopf! (Er wird bewußtlos.)

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