Stefan Blankertz: Das libertäre Manifest

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Produkt-Information Es gibt nicht viele Beiträge zur Theorie des Libertarismus (und des weiteren Feldes von Liberalismus bis Anarchismus), die aus Deutschland kämen und die erwähnenswert wären. Vieles ist einfach Abklatsch angelsächsischer Vorbilder. Eine Ausnahme bildete das „Libertäre Manifest“ von Stefan Blankertz, das erstmals 2001 bei der „edition ef“ erschien.

Dort ist es aus dem Programm genommen worden. Man kann Vermutungen anstellen, daß es nicht mehr zur Ausrichtung des Verlags paßte, der mittlerweile den Begriff „Libertarismus“ als etwas aufmüpfigen Konservativismus mit einem Faible für die Putins dieser Welt positioniert hat. Jedenfalls scheint sich Stefan Blankertz in einem solchen Umfeld auch nicht wohl gefühlt zu haben, und hat nun in seinem eigenen Verlag eine überarbeitete Fassung erscheinen lassen.

Wie er in der editorischen Bemerkung zu Beginn erläutert, wollte er das Buch straffen, weil in die ursprüngliche Ausgabe zu viele Sachen eingebaut wurden, an denen er seinerzeit arbeitete. Was entfiel, gefiel uns auch, die stärkere Konzentration hat dem Buch aber doch gut getan. Die Kernthesen kommen besser heraus, und es nähert sich auch dem Titel stärker an, eine Art Manifest zu sein, auch wenn der Begriff immer noch etwas zu groß erscheint.

Der Hauptpunkt des Buches ist Blankertz‘ Versuch, eine libertäre Klassentheorie zu formulieren, aber diesmal nicht wie bei Marx und Engels an der Stellung zu den Produktionsmittel ansetzend, sondern an der Stellung zum Staat als Instrument, andere auszubeuten. Er schildert zunächst vorstaatliche Gesellschaften, die per segmentärer Opposition, das Entstehen eines Staates unterbinden.

Segmentäre Opposition bedeutet, daß sich jeweils viele kleine Machtzentren (zumeist Familienverbände) zusammenschließen, um denen entgegenzutreten, die eine Herrschaft über alle anstreben. Daß sich solche Gesellschaften lange halten können, dafür gibt es historische Beispiele wie etwa in Island oder in Irland vor der Eroberung durch die Engländer. Staaten entstehen meist, wenn eine von außen kommende Gruppe die Herrschaft über eine Gesellschaft erringt. Es ergibt sich eine Enteignerklasse, die die „Kapitalistenklasse“ (verstanden als alle Produktiven) ausbeutet. Stefan Blankertz zeichnet dann nach, wie sich diese ursprünglichen Staaten immer weiter differenzieren und gesellschaftliche Funktionen okkupieren. Letztlich ergeben sich sechs Klassen aus den Kombinationen „produktiv“ und „unproduktiv“ sowie „herrschend“, „verwaltend“ und „unterdrückt“.

Wie Blankertz betont, bedeutet dies nicht eine Klassenidentität. Vielmehr richten sich die Menschen viel eher nach der Schichtzugehörigkeit aus. Weder der Unternehmer noch der Arbeiter sind sich einig, auch wenn sie in dem Schema beide zur Kapitalistenklasse gehören (produktive unterdrückte Klasse), wohingegen sich ein Politiker (unproduktive herrschende Klasse), ein Lehrer (produktive verwaltende Klasse) und ein Unternehmer locker als Gleiche zum Skat treffen würden.

Für uns bleibt die Frage, was die Einteilung dann soll, wenn sich die so definierten Begriffe zu nicht viel verwenden lassen, um die Wirklichkeit zu beschreiben oder zu erklären. Man kann sie aber immerhin so verstehen, daß sie die „wahren“ Verhältnisse offenlegen und dafür werben, sich nach den Klassen auszurichten, während diese durch „Ideologie“ verdeckt werden. Wie das alles gehen soll, dazu sagt Blankertz wenig, das Ende des Buches ist ein eher offener Appell.

Auch wenn wir damit das Hauptprojekt des Werkes nicht für gelungen halten oder einfach nicht verstanden haben, fallen trotzdem sehr viele Sachen bei der Entwicklung der Ideen ab, etwa die Schilderung, wie der Staat sich immer mehr in die Gesellschaft ausgedehnt hat. Die Thesen, wie und warum Gewalt in einer ansonsten doch sehr befriedeten Gesellschaft entsteht, fanden wir interessant, auch wenn sie sich nicht in den gesamten Gedankengang einfügen. Wohltuend war für uns auch, daß und wie Stefan Blankertz gegen eine Aufweichung libertärer Ansichten in Richtung von Konservativismus Stellung bezieht.

Es sind eher kleinere Punkte, die uns gestört haben, etwa die Adorno-Marotte, das „sich“ eines reflexiven Verbs nicht weit vorne, sondern hinten zu platzieren, worüber wir im Lesefluß mehr als einmal gestolpert sind. Auch die wirtschaftlichen Argumente sind nicht immer stimmig und verraten den Einfluß eines Murray Rothbards mit seiner Attitüde, alle ökonomischen Fragen apriori beantworten zu können.

Etwa ist die Darstellung zu Marktversagen bei positiven Externalitäten einfach falsch. Es wird von Blankertz so getan, als würde damit behauptet werden, daß ein öffentliches Gut gar nicht produziert wird. Als Gegenbeweis wird dann darauf verwiesen, daß es durchaus produziert werden kann. Aber die Behauptung zu dem betreffenden Marktversagen ist viel schwächer: ein öffentliches Gut mit positiven Externalitäten wird gegenüber einem optimalen Niveau zu wenig produziert, womit das Argument von Blankertz ins Leere läuft.

Trotz all dieser Kritik im Detail, hat uns das Buch insgesamt in der neuen Fassung noch besser als in der alten gefallen. Erfreulich ist auch die günstige Kindle-Ausgabe. Wenn man etwas im deutschsprachigen Raum zu dem Thema lesen sollte, dann unbedingt dieses Werk. Im englischsprachigen Raum würden wir allerdings Michael Huemers „The Problem of Political Authority“ für eine noch bessere Verteidigung eines anarchokapitalistischen Programms halten.

Doch jeder hat seine Stärken, so ist Blankertz streckenweise mitreißend, während Huemer etwas trocken bleibt. Und es macht insbesondere Spaß, wie „linke“ Argumente (im Sinne einer marxistisch beeinflußten Kritik) vom Kopf auf die Füße gestellt werden, sodaß sie plötzlich nicht mehr affirmativ, sondern kritisch gegen den Etatismus stehen. Aus all diesen Gründen unsere Empfehlung für das Buch.

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