Die erste Sitzung des Congresses

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Berliner Wespen, 3. Mai 1878

Nach langen Jahren war — Dank den Bemühungen des mittlerweile zur Großmacht herangemimten Meiningen! — der Congreß zusammengetreten. Die Staatsmänner, welche die europäischen Großmächte am Schluß des orientalischen Krieges zu ihren Vertretern ernannt hatten, waren längst gestorben und die Ersatzmänner so alt geworden, daß sie sich kaum auf den Rollstühlen zu halten vermochten.

Am Tage nach der Einweihung des neuen Reichstagsgebäudes zu Berlin fand der Zusammentritt des Congresses statt. Eine ungeheure Volksmenge hatte sich versammelt, um die Greise in ihren glänzenden Uniformen aus den Equipagen tragen zu sehen. Aber Niemand wußte, was dies bedeute. In den Haufen von Neugierigen wurden die merkwürdigsten Vermuthungen laut. Diejenigen, welche meinten, es sei ein neuer Carnevalsverein, der seine Statuten berathen wollte, fanden den meisten Glauben und galten als bestunterrichtet. So leichtgläubig ist das Volk! Keiner der ankommenden Staatsmänner trug eine Pappnase, und dennoch nahm man an, es seien die Mitglieder einer scherzhaften Gesellschaft. Aber an den Congreß dachte Niemand mehr. Und als nun in der besten Absicht gerufen wurde: Die Narren sollen leben! da schüttelten die Staatsmänner den Kopf und hielten die Berliner für verrückt.

Indem bald darauf die Sitzung eröffnet wurde, zeigte sich indeß, daß das Berliner Publikum durchaus entschuldigt werden mußte, denn im Schooße des Congresses selbst wußte man nicht, um was es sich eigentlich handle. Man werfe nur einen Blick in das sorgfältig phonographirte Protocoll:

Der Präsident. Meine Herren, ich eröffne hiermit den Congreß, welcher zusammengetreten ist, um die Stipulationen des Friedens zu prüfen, welcher zwischen Rußland und der Türkei geschlossen worden ist.

Der Vertreter Rußlands. Ich muß zu meinem Bedauern den Herrn Präsidenten unterbrechen. Die hier namhaft gemachte Türkei existirt seit Jahren nicht mehr. Es scheint sich hier also ein Irrthum eingeschlichen zu haben. Die einstigen Türken sind meist von den Strahlen der russischen Cultur erschlagen und die wenigen Uebriggebliebenen nach Paris ausgewandert, wo sie sich in Parfumerienfabriken nützlich machen. Der orientalische Krieg —

Der Vertreter Italiens. Ich bitte um’s Wort. Soll die Verhandlung gedeihlich fortgeführt werden, so muß den jüngeren Mitgliedern des Congresses, welche das 60. Jahr noch nicht überschritten haben, vor allen Dingen erst etwas über den Krieg gesagt werden, welche der geehrte Vorredner als den orientalischen zu bezeichnen beliebt. Wann hat derselbe stattgefunden, und wo wurde er geführt?

Der Präsident. Wenn ich recht unterrichtet bin, so spielte sich dieser Krieg um die Mitte des vorigen Jahrhunderts in der Umgegend Constantinopels, des heutigen Alexanderburg, ab.

Der Vertreter Oesterreichs. Sollte der Herr Präsident hier nicht eine Verwechslung mit dem Krimkriege vornehmen? Meines Wissens fand derjenige orientalische Krieg, der uns hierher führt, ein Vierteljahrhundert später statt.

Der Vertreter Englands. Ich habe diese Verwirrung geahnt und für mehrere Exemplare der Weber’schen Weltgeschichte gesorgt, welche ich um das Doppelte des Kostenpreises gern abzulassen bereit bin.

Der Vertreter Deutschlands. Mir liegt die Pflicht ob, der Versammlung mitzutheilen, daß der Magistrat von Berlin, die sich häufenden Verlegenheiten gleichfalls voraussehend, den Auftrag ertheilt hat, in allen Thurmknöpfen nach Einzelnheiten des orientalischen Krieges zu suchen.

Der Vertreter Englands. Ich erblicke in diesem Anerbieten eine Feindseligleit gegen den Welthandel Englands, welches sich den durch die Exemplare des Weber’schen Wertes erhofften Gewinn nicht nehmen lassen kann.

Der Präsident. So stehen wir denn vor einem neuen Conflict, der vermieden werden konnte, wenn der gegenwärtige Congreß nicht so fabelhaft verschleppt worden wäre. Ich schlage vor, dies unseren Regierungen vorzustellen, und schließe die Sitzung.

(Großer Tumult. Der Vertreter Englands setzt eine Schadenrechnung auf. Die Staatsmänner werden wieder in die Equipagen getragen. Neue Rufe des Publikums: Die Narren sollen leben!)

Hintergrund

Nach seinen Siegen hat Rußland am 3. März 1878 der Türkei den Frieden von San Stefano aufgezwungen mit weitgehenden Zugeständnissen. Den anderen europäischen Mächten, vor allem Großbritannien und Österreich-Ungarn paßt aber die Ausdehnung der russischen Einflußsphäre auf dem Balkan nicht. Von daher kommt es zum Berliner Kongreß im Juni und Juli 1878. Allerdings zieht sich dessen Beginn hin, worüber sich die Berliner Wespen lustig machen. Als Seitenhieb wird auch auf den schleppenden Fortgang des Reichstagsbaus angespielt, der immer noch in Planung ist und erst von 1884 bis 1894 wirklich ausgeführt wird. Außerdem bezieht man sich noch auf das Herzogtum Sachsen-Meiningen, einen der kleinsten Staaten des Deutschen Reiches und hauptsächlich für das Meininger Hoftheater bekannt, das um die Zeit durch Europa auf Tournee geht.

Siehe auch:

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