Allein gegen den Börsenwahnsinn

Dieser Artikel wurde 2142 mal gelesen.

von Henning Helmhusen

Jahrelang kannten die Kurse auf dem Frankfurter Parkett nur eine Richtung: immer geradeaus. Aber das war dummerweise vor meiner Zeit. Denn just als ich vor zwei Wochen meine erste Aktie kaufte, ging das Chaos an den Börsen los. Auf einmal fingen die Kurse an zu schwanken! Mal hoch, mal runter, mal seitwärts und dann sogar rückwärts. Ich war entsetzt. Binnen kurzem hatte meine Aktie schon mehr als 10 Euro von ihrem Kurs eingebüßt. Ich rechnete nach. Die Aktie hatte 500 Euro gekostet. Und wenn das so weiterginge, dann würde ich in nicht einmal zwei Jahren ins Minus geraten. Und dann immer weiter, bis ich pleite wäre. So hatte ich mir das nicht vorgestellt.

Ich rief also bei der Börse an, um mich zu beschweren. Die Dame am Apparat war durchaus freundlich und bat mich mehrfach bitte zu warten, bis ein Mitarbeiter frei würde. Ich wartete also, und dann meldete sich endlich jemand, dem ich mein Leid klagte. Nein, er bedauere es sehr, aber da könne er nicht helfen. Schließlich arbeite er nur in der Telefonzentrale und mit wem ich denn sprechen wolle. Obzwar ich diese Finte selbstredend sofort durchschaute, ließ ich mir nichts anmerken und verlangte, zu einem Börsianer durchgestellt zu werden.

Börsianer gebe es nicht, bekam ich zur Antwort.

„Und worüber berichten die bei den Börsensendungen? Da heißt es doch immer, daß die Börsianer heute verkauft oder gekauft haben. Und jetzt soll es keine geben?“

„Es gibt keine Börsianer. Das ist nur eine Redeweise.“

Erbost knallte ich den Hörer meines Festnetz-Handys auf die Gabel. Langsam machte das Ganze auf mich den Eindruck einer abgekarteten Verschwörung. Doch wer steckte dahinter? Irgendjemand mußte sich doch um 10 Euro bereichert haben, als meine Aktie um denselben Betrag gefallen war. Ich gugelte also mehrere Minuten, bis ich endlich auf Informationen stieß. Hinter den Turbulenzen an den Finanzmärkten stecken offensichtlich hochgeheime Hedgefonds, die ohne Rücksicht auf die Kleinanleger mit immer aberwahnwitzigeren Manipulationen das Chaos schüren, um davon mal mit Gewinnen, dann wieder mit Verlusten zu profitieren.

Und ihr perfidester Trick: Leerverkäufe!

Den meisten wird wohl nicht geläufig sein, was ein Leerverkauf ist. Deshalb erkläre ich es besser mal in meinen Worten. Nehmen wir also einen Spekulanten, der schnell mit Profit reich werden will. Er verkauft einfach eine Aktie, die er nicht hat, und hofft, daß das keiner merkt. Und dann wartet er und treibt die Kurse mit Gerüchten ganz langsam nach oben. Ist der Kurs erst einmal auf dem Höhepunkt angelangt, kauft er die Aktie ganz schnell und hat doch eine Aktie. Und weil er vorher keine hatte, hat er jetzt eine Aktie mehr und dadurch einen leichten Gewinn. Das führt offensichtlich wieder zu Nervosität an den Märkten, sodaß die Kurse in Unordnung kommen. Und daher kommen die Schwankungen.

Als all das mir klar geworden war, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: Ich war das Opfer solcher Spekulanten geworden. Fast konnte ich ihr Gekicher auf dem Parkett hören, als ich meine Aktie gekaufte hatte: „Wieder ein Kleinanleger, den wir ausbeuten können.“

Doch diese Herren hatten ihre Rechnung ohne mich gemacht. Ich gründete auf der Stelle eine antikapitalistische Bürgerinitiative und erklärte mich zu deren Sprecher. Im Namen der Kleinanleger richtete ich dann einen geharnischten Brief an die Bundesregierung, in dem ich ein entschiedenes Vorgehen gegen das Unwesen der Leerverkäufe anmahnte. Und um meinem Anliegen Nachdruck zu verlieren, beschloß ich, mich vor der Deutschen Bank anzuketten, mußte dann allerdings feststellen, daß schon alle Plätze zum Festketten belegt waren.

Immer noch ist nichts gut in Börsenland. Meine Aktie ist weiter gesunken. Aber ich zeigte es den Spekulanten. Statt der windigen Aktie habe ich mir nun Anteile an einem Rettungsfonds zugelegt, der nur in Staatsanleihen mit stabilem Nominalwert investiert. Seitdem kann ich wieder ruhig schlafen. Und an höherer Stelle ist man auch auf mich aufmerksam geworden. Im Nu bekam ich ein Angebot als Börsenexperte für einen europäischen Staat, das ich natürlich annehmen werde, schon allein wegen der sofortigen Verbeamtung. Mein einziges Problem: Vorher muß ich mir noch eine Fliege kaufen!

Dieser Beitrag wurde unter Börse, Henning Helmhusen, Satire veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar