Ken Stern: With Charity for All

Dieser Artikel wurde 3602 mal gelesen.

Amerikaner spenden viel mehr als Deutsche, pro Kopf über 800 Dollar im Jahr und damit etwa zehnmal so viel wie hierzulande. Das Geld geht an nicht weniger als 1,1 Millionen Charities, denen zudem noch hohe Beträge von staatlicher Seite zufließen. Wohltätige Aktivitäten machen insgesamt etwa 10% der gesamten wirtschaftlichen Leistung der USA aus.

Ken Stern kennt den Sektor aus der Innenansicht. Er war von 1999 bis 2008 Executive Vice President und dann CEO von National Public Radio, einer Art öffentlich-rechtlichem Radio allerdings mit einem anderen Finanzierungsmodell als in Deutschland. Nur zu einem geringen Teil fließen Gelder vom Staat, den größten Teil machen Erträge aus dem Stiftungsvermögen, Einnahmen aus den produzierten Programmen und durch Spenden aus. Nicht ohne Stolz schildert Stern, wie NPR die größte Spende seiner Geschichte, 200 Millionen Dollar, von der Witwe des McDonald’s-Gründers Joan Kroc erhielt.

Trotz der beeindruckenden Zahlen liegt im wohltätigen Bereich allerdings einiges im Argen. Als Einstieg schildert Ken Stern in seinem Buch „With Charity for All“ die jämmerlichen Leistungen der Hilfsorganisationen nach dem Hurrican Katrina. Als wirklich schlagfertig erwies sich nur Walmart mit seiner hervorragenden logistischen Infrastruktur. Die Hilfsorganisationen hatten hingegen in ihre eigene viel zu wenig investiert. Als einen Grund hierfür macht Stern mangelnde Professionalität aus, aber auch die oft erhobene Forderung, wohltätige Organisationen sollten möglichst viel Geld durchleiten und wenig Overhead haben, womit längerfristige Investitionen als nicht erwünscht erscheinen.

Ein anderes Problem stellt Ken Stern anhand von Organisationen dar, die Brunnen in der dritten Welt bohren. Dies ist ein Ziel, das vielen Spendern sofort einleuchtet und sich auch schön in ergreifende Geschichten packen läßt. Allerdings ist mit dem Bohren der Brunnen nicht viel geholfen, wenn für deren Betrieb auf Dauer keine Mittel und personelle Ausstattung bereitgestellt werden. Dafür haben Spender dann aber wenig übrig, sodaß Hilfsorganisationen entsprechend inaktiv bleiben.

Ein weiteres Manko des Bereiches ist die Orientierung vieler Spender auf ihr eigenes gutes Gefühl, etwas zu tun, aber gleichzeitig geringes Interesse daran, ob wirklich etwas in ihrem Sinne bewirkt wurde. Während die Erfolge profitorientierter Unternehmen von Hunderttausenden von Analysten beobachtet und überprüft werden, gibt es für den wohltätigen Bereich weniger als hundert solche Analysten. Viele Spender, aber noch mehr viele von ihnen geförderten Organisationen halten eine Überprüfung der Ergebnisse nicht für notwendig. Das gute Gefühl muß einfach reichen.

Ken Stern beschreibt etwa den Fall eines umfangreichen Programms, bei dem Polizisten in die Schulen geschickt werden, um die Schüler über die Gefahren von Drogen aufzuklären. Das Programm erreichte landesweite Dimensionen und erhielt massive staatliche Zuwendungen, bis seine Wirkung in einer wissenschaftlichen Studie überprüft wurde. Das Ergebnis war ernüchternd. Kinder, die dem Programm ausgesetzt waren, nahmen später durchaus nicht seltener Drogen. Im Gegenteil: gerade in den Vorstädten wirkte es sogar als Informationsveranstaltung für Drogen und erhöhte den Drogengebrauch. Trotz dieser Ergebnisse wurde das Programm weitergeführt.

Mangelnde Kontrolle durch die Spender und innerhalb der Organisationen führt fast zwangsläufig zu einer Reihe weitere Mißstände. Ken Stern stellt so etwa diverse Beispiele von Betrug, Korruption und Unterschlagung zusammen. In anderen Fällen stehlen die Angestellten aus dem Spendenaufkommen, in wieder anderen sind die Arrangements so ausgestaltet, daß die Betreiber der Charities die eigentlichen Profiteure sind, etwa über üppige Dienstreisen und Golftouren.

Da Charities steuerfrei agieren, verwandeln sich viele über die Zeit in ganz normale, nur steuerlich begünstigte Unternehmen. So firmierte etwa die New York Stock Exchange lange Zeit als wohltätige Organisation. Ausführlich geht Ken Stern dann wohltätige Krankenhäuser durch, die häufiger profitabel sind als ihre profitorientierten Konkurrenten, die Steuern zahlen müssen. Als Vorwand gilt dabei, daß wohltätige Krankenhäuser auch Leistungen an Arme verschenken. Tatsächlich betrifft das aber nur etwa 1,5 % aller Leistungen und in etwa so viel, wie auch profitorientierte Krankenhäuser verschenken.

Doch das Buch ist nicht nur eine vernichtende Kritik, sondern zeigt auch Wege auf, die Situation zu verbessern. Ken Stern steht den Demokraten nahe, was sich etwas in seinen Vorschlägen niederschlägt, auch wenn er ansonsten nicht als Parteigänger argumentiert. So wünscht er sich eine bessere Aufsicht über die Charities. Tatsächlich ist eine solche fast nicht vorhanden. Eine Charity läßt sich durch Ausfüllen von ein paar Formularen gründen. Ob sie die gesteckten Ziele wirklich verfolgt, wird meist nie wieder geprüft. Sporadische Kontrollen decken betrügerische Aktivitäten höchstens per Zufall auf.

Interessanter erscheinen die Vorschläge, den wohltätigen Sektor von der Nachfrageseite auf Trab zu bringen, nämlich wenn Spender darauf dringen, daß Ergebnisse auch wirklich erzielt werden. Hier stellt Ken Stern einige erfreuliche Beispiele vor, wie gut geführte Charities von sich aus für Transparenz sorgen können und auch bereit sind, aus eingefahrenen Wegen auszubrechen, wenn diese sich als falsch erwiesen haben. Da der einzelne Spender, selbst der große Spender nicht in der Lage ist, die vielen Organisationen zu sichten und zu werten, braucht es hier aber auch professionelle Dienstleister, die diese Aufgaben übernehmen. So wird etwa der Ansatz von GiveWell dargestellt und zurecht gelobt.

Eine weiterführende Frage, die Ken Stern nicht angeht, ist die, warum überhaupt zwischen nichtprofitorientierten und profitorientierten Unternehmen unterschieden wird und von staatlicher Seite die ersteren bevorzugt behandelt werden. Dahinter steckt wohl die Vermutung, daß Profit sich mit Wohltätigkeit ausschließt. Doch warum sollte es nicht angehen, daß ein Unternehmen gerade daraus seinen Profit zieht, daß es auf besonders effiziente Weise die Mittel der Spender in überprüfbare Resultate überführt? Und warum sollte ein anderes Unternehmen bevorzugt werden, das dies schlechter leistet, weil es unprofessionell arbeitet oder sich nicht um die Wirkung seiner Arbeit kümmert, dafür aber dem Profit abgeschworen hat?

Anstatt hier bestimmte Unternehmen zu begünstigen, sollten diese gleich behandelt werden, und, wenn es schon um Steuernachlasse geht, diese auf der Spenderseite anfallen. Die Vielzahl der Spender leistet, wie Ken Stern darlegt, noch zu wenig an Kontrolle und legt oft unsinnigen Kriterien an, doch würde sie erheblich mehr leisten können als ein paar mehr überwachende Beamte. Eine transparente Konkurrenz der Anbieter wäre zudem heilsam, und bei einer Profitorientierung würden diese auch zwanglos in das Visier der vielen Analysten geraten.

Ken Sterns Buch ist spannend geschrieben. Die politische Einstellung des Autors bleibt im Hintergrund. Sehr ausgewogen werden sowohl Steckenpferde von republikanischer als auch demokratischer Seite abgeschlachtet. Teilweise ist Ken Sterns Innenansicht von NPR interessant, allerdings bleibt je nachdem auch etwas der Eindruck, daß er hier seine eigene Leistung herausstellen und mit den Verhältnissen bei NPR abrechnen möchte. Das ist aber eher eine kleine Kritik am Rande.

Insgesamt zeigt das Buch, daß die Amerikaner nicht nur gerne und viel spenden, sondern auf Dauer wohl auch besser spenden werden. Eine ähnliche Diskussion gibt es in Deutschland noch gar nicht. Wohl nicht von ungefähr sucht man einschlägige Stichworte wie „Effective Giving“ oder „High impact philanthropy“ in der deutschen Wikipedia vergeblich.

Dieser Beitrag wurde unter Rezensionen veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Ken Stern: With Charity for All

  1. Anders sagt:

    Dass die Deutschen weniger geben als die Amerikaner kann man so nicht sagen. Wenn man die deutschen Steuern hinzurechnet, die für soziale Zwecke verwendet werden, die in den USA gar nicht vom Staat finanziert werden und ergo nicht existent sind, zeichnet sich ein gänzlich, für die Amerikaner höchst nachteiliges Bild.

    • eugen sagt:

      Das würden wir bezweifeln. Viele Deutsche wissen nicht, daß der amerikanische Staat genauso ein umfangreicher Wohlfahrtsstaat wie der deutsche ist. Könnten Sie denn „soziale Zwecke“ nennen, die in den USA nicht als staatliches Programm existent sind?

      Ein paar Beispiele, was keine richtigen Antworten sind:

      – Renten = Social Security
      – Krankenversorgung = Medicaid (für Arme) und Medicare (für Alte)
      – Arbeitslosigkeit = Unemployment Benifits
      – Sozialhilfe = diverse Welfare-Programme etwa Food Stamps, usw.
      – Schulen = hauptsächlich staatlich betrieben
      – Universitäten = hauptsächlich staatlich betrieben und auch bei den privaten zum größten Teil finanziert

Schreibe einen Kommentar