Die Ziele der Sozialdemokratie

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Berliner Wespen, 24. Mai 1878

Ein Roman aus dem Kautschuk-Zeitalter.

I.

Muckenich war ein Feind der Socialdemokraten. Nicht erst seit dem Attentat. Es ist indeß nicht genau bekannt geworden, zu welcher Zeit er sich mit ihr überwarf. Freilich behauptete er, er habe die Feindschaft mit der Muttermilch eingesogen. Das ist aber nicht wahr. Er hatte, da er gezwungen war, an der Flasche zu nagen, Muttermilch nie gekostet.

Eines Tages — es mochte wohl noch etwas später sein — war er zu einem Buchbinder gegangen, um sich ein Buch binden zu lassen. Drei Minuten später flog er die Treppe hinab, und der Buchbinder rief ihm nach: Herr, wie können Sie sich unterstehen, mich zur Arbeit verleiten zu wollen?

Muckenich war durch Most ein Feind der Socialdemokratie geworden.

II.

Da kam das Attentat.

Muckenich war wahrlich nicht der Letzte Derer, welche, wie die Adresse der Universität Berlin sagt, wünschten, „selbst mit den schwächeren Armen des Greises den ruchlosen Mörder der strafenden Gerechtigkeit überliefern zu dürfen.“ Dies war ihm nicht vergönnt, aber er freute sich aufrichtig, daß die Kugel ihr Ziel verfehlt hatte.

Am andern Morgen telegraphirte Bismarck aus Friedrichsruh an das Staatsministerium: „Maßregeln gegen die Socialdemokraten!“

Auch Muckenich war dafür. Er schnaubte Rache. Daß Hödel bereits in der Schreckenskammer des Panoptikums stand, genügte ihm nicht. Alle Socialdemokraten müssen in die Schreckenskammer gewählt werden! sagte er.

Am Abend des Fackelzuges erschien der Entwurf eines Gesetzes zur Abwehr socialdemokratischer Ausschreitungen.

Muckenich ahnte nicht, wie viel Pech durch den Fackelzug und den Entwurf znsammengekommen war.

An einzelnen Punkten des deutschen Vaterlandes herrschte große Enttäuschung. Frauen hoben ihre Kinder von der Erde auf, Flaggen liefen an Masten herab.

So folgte auf den 22. der 23. Mai.

III.

Der Reichstag nahm das Gesetz an. Nun hatten auch die Socialdemokraten ihre Maigesetze.

Muckenich ging zwei Stunden später in seinen Kegelclub. Leider fand er denselben geschlossen: die Polizei hatte gefunden, daß der Verein in seinen Zusammenkünften das Bestreben habe, den König umzuwerfen, also die Ziele der Sorialdemokratie verfolge, was nach § 1 des Attentatsgesetzes die Auflösung eines Vereins nach sich zieht.

Als Muckenich nach Hause kam, war er zum sechsten Mal Vater geworden.

Der Standesbeamte machte ihn am andern Morgen darauf aufmerksam, daß es unvorsichtig sei, so oft Vater zu werden. Eine solche Schaar von Kindern wäre als Verein anzusehen, welcher Unruhe und Zusammenrottungen bilde, also die Ziele der Socialdemokratie verfolge, und die Betheiligung an einem solchen Verein werde nach § 5 mit Gefängniß bestraft.

IV.

Auf dem Heimwege kam ihm eine gute Idee. Um der Regierung zu zeigen, daß er loyal sei, wollte er ein Blatt gründen, wie es harmloser nicht gedacht werden konnte: ein Blatt ohne Politik, ohne Feuilleton, ohne Berliner Wespen, ohne Vermischtes, ohne Kritik, ohne Eingesandt, ohne Sprechsaal, ohne Depeschen. Selbst der Polizeibericht sollte ausgeschlossen sein, um die Möglichkeit eines Mißverständnisses auszuschließen.

Das Blatt hieß „Der Nußknacker“ und enthielt nur Räthsel und Rebusse. Die erste Nummer erschien nach zwei Tagen. Der Erfolg war ein enormer. Aber schon Mittags wurde es confiscirt. Der Nußknacker war als eine Zeitschrift anzusehen, welche, da dieselbe zwanzig Mal die Worte: „Auslösung folgt“ enthielt, nach § 2 die Ziele der Demokratie verfolgte. Und nach § 6 wurde Muckenich mit Gefängniß nicht unter drei Monaten bestraft.

V.

Muckenich war, als er das Gefängnis; verließ, derart außer sich, daß er nicht mehr wußte, was er that, und das Woltersdorff-Theater pachtete.

Hier wollte er das ernste, volksbildende und von der Verpflichtung der Tantièmezahlung ausgeschlossene klassische Drama cultiviren. Der erste Abend sollte einen Prolog und Schillers Räuber bringen, welche seit fast vierzehn Tagen weder vom königlichen, noch vom herzoglichen Theater zur Aufführung gebracht worden waren.

Aber die 2. Scene des 1. Aktes war kaum zu Ende gespielt, als der Staatsanwalt in Schutzmannsuniform hinter den Coulissen erschien und im Namen des Gesetzes den Vorhang niederließ. Hier war eine Räuberbande in der Bildung begriffen, also fand nach § 3 eine Versammlung statt, welcher die Ziele der Socialdemokratie verfolgte.

Das Publikum murrte. Die Besitzer von Freibillets ließen sich an der Casse das für die Pferdebahnfahrt verausgabte Geld wiedergeben. Die Räuber zogen unter dem Gesang:

„Ein freies Leben führen wir,
Ein Leben voller Wonne“

nach der Caserne zurück. Muckenich war an der Gränze seines Witzes angelangt. Er bestieg den Gambetta-Ballon des Herrn Damm, der eben von der Schöneberger Schloßbrauerei aufstieg, und stürzte sich dann aus einer Höhe von tausend Fuß über der Tempelhoferfläche —

Da erwachte er. Wie konnte es ihm auch nur im Traume einfallen, daß der Reichstag die Vorlage annehmen würde! Aber kein Traum war es, daß dieses Gesetz ein zweischneidiges gewesen wäre.

Hintergrund

Fritz Muckenich ist der brave Berliner Bürger, der zwar nicht muckt, wenn etwas von oben kommt, dann aber doch seinen Verstand wiederfindet und sich als Anhänger der Deutschen Fortschrittspartei entpuppt. Hier läßt er sich von der Aufregung mitreißen, die nach dem Attentat von Max Hödel am 11. Mai 1878 auf den deutschen Kaiser ausgebrochen ist und die von Bismarck genutzt wird, um ein Sozialistengesetz durchzudrücken. Das scheitert allerdings nach der Debatte am 23. und 24. Mai 1878 im Reichstag kläglich. Insbesondere wird das Gesetz als ein Kautschukgesetz angegriffen, das sich vom Staat beliebig einsetzen läßt. Hierüber machen sich die „Berliner Wespen“ lustig.

Siehe dazu:

Zum Hintergrund ist bei Libera Media auch ein Buch mit den Reichstagsreden von Eugen Richter 1878 gegen das Sozialistengesetz erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung zum Hintergrund gibt es zahlreiche Erläuterungen zum Text und weiterführende Materialien. Da Buch ist erhältlich über Amazon (einfach auf das Bild klicken):

Richter SozGes klein 4

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