Die Freisinnige Zeitung zur Maifeier 1892

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Ueber die Maifeier zu Ehren des achtstündigen Arbeitstages bramarbasirt die sozialdemokratische Presse um so mehr, je weniger die außerhalb der beteiligten Kreise stehenden Bevölkerungsklassen sich durch diese Maifeier erregt zeigen. Warum sollten sie auch? Der Wunsch nach einem achtstündigen Arbeitstag ist an sich noch bescheidener, als der Wunsch, daß Jedermann Sonntags ein Huhn im Topf haben möge. Man braucht nicht Sozialdemokrat zu sein, um die Beschränkung der Arbeitszeit auf 8 Stunden zu wünschen. Auch unter den Arbeitgebern selbst muß dieser Wunsch vielfach um so lebhafter sein, als in manchen Produktionszweigen die Arbeitszeit der Arbeitgeber eine längere ist, als diejenige der Arbeitnehmer. Wenn die Arbeiter Feierabend machen, bleiben für den Arbeitgeber vielfach noch Geschäfte aller Art zu erledigen. Wünschen steht jedem frei, aber zwischen Wünschen und Vollbringen ist in dieser unvollkommenen Welt ein großer Unterschied. Eine Verkürzung der Arbeitszeit vollzieht sich nur allmählich und zwar von selbst nach Maßgabe der Erleichterung der Produktion durch Fortschritte der Technik. Der Achtstundentag besteht für einzelne Arbeitszweige schon jetzt, für manche wird er in absehbarer Zeit zur Einführung gelangen; bei anderen Arbeitszweigen, wo die Arbeit leichter ist, ohnehin Unterbrechungen im Laufe des Tages erfährt, wird aber bis zur Erreichung jenes Arbeitstages noch viel Wasser zum Meere hinabfließen.

Man kann einen achtstündigen Arbeitstag wünschen und es doch für einen Fehler erachten, im Wege der Gesetzgebung eine solche Maximalarbeitszeit zwangsweise einzuführen. Bekanntlich sind gerade in dieser Beziehung die Arbeiterklassen in England sehr geteilter Ansicht. Der Umfang der Maifeier beweist also nicht einmal etwas über den Wunsch eines gesetzlichen Maximalarbeitstages von 8 Stunden. Wie dem aber auch sein mag, uns gereicht die Maifeier auch dort nicht zum „Aergernis“, wo es der Sozialdemokratie gelingt, ihr den Charakter einer politischen Demonstration zu geben. Dagegen haben wir uns von Anfang an um so entschiedener erklärt gegen die Versuche, eine Maifeier unter Bruch des Arbeitsvertrages zu veranstalten. Diese Versuche sind bekanntlich vor zwei Jahren kläglich gescheitert. Bei der jetzigen Maifeier kann dieser Versuch schon deshalb nicht in Frage kommen, weil die Feier mit einem Sonntag zusammenfällt. Irgendwelche Besorgnisse für eine Ruhestörung hegen wir nicht, zumal wenn das Wetter den Feiernden gestattet, sich auf einen größeren Umkreis zu verstreuen.

Aus: Freisinnige Zeitung, 1. Mai 1892.

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