Parlaments-Feuilleton der Berliner Wespen

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Parlamentsfeuilleton

Berliner Wespen, 24. Mai 1878

Die Sitzung des Deutschen Reichstages am gestrigen Tage, in welcher die erste und zweite Berathung des Gesetzes zur Abwehr socialdemokratischer Ausschreitungen stattfanden, soll unserer Berichterstattung nicht entgehen. Bevor wir diese aber zum Abdruck bringen, haben wir unseren Lesern mit Bedauern mitzutheilen, daß die gestrige Sitzung nicht eine unserer Erwartungen erfüllt hat, welche wir an sie knüpfen zu dürfen glaubten. Diese Erwartungen erschienen uns so gerechtfertigt, daß wir bereits vor Beginn der gestrigen Sitzung zwei verschiedene Berichte, von denen wir einen ganz bestimmt als richtig zum Abdruck bringen zu können hofften, in unsere Druckerei schickten. Wir haben uns leider getäuscht. Unsere Leser, denen wir hiemit beide Berichte vorlegen, mögen selbst urteilen, ob es nicht höchst bedauerlich ist, daß die Sitzung in Wirklichkeit einen anderen stenographischen Bericht aufzuweisen hat. Wir werden in dem einstimmigen Ja! einen Trost finden für den Kummer, uns geirrt und zwei ganz überflüssige Protokolle verfaßt zu haben. Hier folgen beide.

I.

Die Entweder-Sitzung.

Die Sitzung wird um 11 Uhr eröffnet. Der Saal ist leerer, als er in den letzten Sitzungen gewesen. Viele Abgeordnete haben in der Meinung, daß der Reichstag bereits am Montag geschlossen würde, Berlin schon am Sonntag Abend verlassen. Der Präsident eröffnet die Debatte über das Gesetz, betreffend die socialdemokratischen Ausschreitungen.

Abg. Völk [rechter Flügel der Nationalliberalen]. Meine Herren, daß es sich um einen Scherz handelt, liegt ja auf der Hand, und daß der Scherz gar nicht übel ist, will ich gerne zugeben. Es wäre vielleicht angemessener gewesen, ihn bereits am 1. April zu machen, indeß wollte ich auch heute, 23 Tage später, kein Spaßverderber sein, und deshalb ging ich auf den Leim und blieb noch in Berlin. Unser verehrter.Präsident hat durch den Ernst, mit welchem er die Sitzung eröffnete und jetzt noch dasitzt, viel dazu beigetragen, daß der Scherz gelang, und ich mache ihm mein Compliment. Aber ich muß bitten, derlei künftig nur in der Mitte der Session zu wiederholen und nicht nach dem Schlusse derselben, wo Keiner ungern länger in Berlin bleibt, als nöthig ist. Dazu fehlen uns denn doch die Diäten zu sehr. (Bravo.)

Der Präsident. Meine Herren, wenn es sich wirklich um einen Spaß handelt, wie ich gleichfalls glaube, so muß ich die Complimente des Herrn Vorredners ablehnen. Die Vorlage ist mir vom Bundesrath in Begleitung eines durchaus ernsten Schreibens zugegangen. (Heiterkeit.)

Hofmann (vom Tische des Bundesraths.) Es handelt sich, meine Herren, allerdings um eine ernste Vorlage, obschon ich sie selbst für einen Witz gehalten habe. Wenigstens befindet sich der Reichskanzler nicht wohl genug, um zu Scherzen aufgelegt zu sein.

Abg. Reichensperger [Zentrum]. Wenn auch, der Bundesrath ist düpirt. Der Reichskanzler war ein lustiger Student, und wir Rheinländer wissen, daß man dann als alter Herr vor Rückfällen nicht sicher ist. Das mußte auch der Vicepräsident des Reichskanzleramts wissen. (Sehr richtig!) Ich meine, er hat es gewußt und will nur das Compliment hören, daß er vortrefflich spielt.

Abg. Bamberger [linker Flügel der Nationalliberalen]. Ich wohne in Berlin, meine Herren, und bin daher über den Witz nicht außer mir, denn in zehn Minuten bin ich in meiner Wohnung in der Margarethenstraße. Diejenigen Abgeordneten aber, welche in angrenzenden Deutschländern und nicht in nahegelegenen Straßen wohnen, haben wohl das Recht, aus der Haut nach Haus zu fahren. Nach meinem Geschmack ist der Spaß durchaus nicht. Wenn eine starke Regierung der Volksvertretung in einer Parodie zeigen will, was eine absolut ohnmächtige Regierung vielleicht gethan hätte, so stehen ihr dafür die officiösen Journale offen. Diese haben denn ja auch das Gesetz und nicht etwa unter dem Titel „Humoristisches“, oder „Provinzial-Correspondenz-Wespen“ veröffentlicht. Aber weiter durfte der Spaß nicht getrieben werden.

Abg. Richter (Hagen.) [Deutsche Fortschrittspartei] Diese Auffassung ist nicht die richtige. Die Session war ernst, die Zeit ist trübe, der Horizont zeigt schwarze Punkte. An Zeitvertreib mangelt es. Helmerding hat die Bühne verlassen. Die Fahrt nach Osdorf war nicht scherzhaft. Windthorst hat fast nie gesprüht. Das Roastfest ist nicht Jedermanns Sache. Die Gallmeyer ist, seit sie verheirathet, nicht mehr die Alte. Da finde ich es sehr begreiflich, wenn der Bundesrath einen derben Scherz losläßt. Das uns vorgelegte Gesetz ist das Komischste, was ich seit langer Zeit gelesen habe. (Zustimmung.)

Ein Deutschconservativer. Meine Herren, Namens meiner Partei erkläre ich, daß wir die Vorlage für ernst halten und für dieselbe eintreten. (Große Heiterkeit. Rufe: Kleiner Schäker!)

Abg. Laporte. [Nationalliberale] Ich stelle den Antrag, an den Reichskanzler eine Depesche folgenden Inhalts abzusenden: „Die Abgeordneten des Deutschen Volkes sagen dem Reichskanzler vor ihrer Abreise für die ihnen durch die humoristische Vorlage bereitete frohe Stunde herzlichen Dank.“ (Beifall.)

Der Antrag wird angenommen und die Sitzung unter großer Heiterkeit geschlossen.

II.

Die Oder-Sitzung.

Die Sitzung wird um 11 Uhr eröffnet. Die Versammlung ist stark besucht, besonders von den Ultramontanen, den Socialdemokraten und den Polen.

Der Präsident eröffnet die Debatte über das Gesetz, betreffend die socialdemokratischen Ausschreitungen.

Abg. Windthorst (Muffrika). [Zentrum] Meine Herren, ich halte es für überflüssig, noch ein Wort über die Vorlage zu verlieren. Ich will sie meinen Freunden, den Feinden der Regierung, mit dürren Worten zur Annahme empfehlen. Ich bin überzeugt, daß sie, zum Gesetz erhoben, nicht nur die Zahl der socialdemokratischen Abgeordneten vermehren wird, — das wäre ja schon ein glänzender Erfolg, — sondern daß sie auch sehr bald die liberale Presse und die Vereine der Liberalen tödtlich treffen wird. Niemals habe ich eine Regierungsvorlage freudiger unterstützt, ich würde selbst der Aufhebung der Maigesetze nicht freudiger zustimmen. Meine Herren, nehmen Sie die Vorlage an! (Bravo.)

Abg. Liebknecht. [Sozialdemokraten] Meine Herren, der verdammte Vorredner hat Ihnen schon gesagt, was ich Ihnen sagen wollte. Ich wende mich ausschließlich an die Feinde der Regierung. Wollen Sie, daß die Socialdemokratie wachsen, blühen und gedeihen soll, so machen Sie, daß Sie hinauskommen, und springen Sie durch die Hammelthür, auf der Ja! steht, wieder herein. Diese Vorlage ist der schönste Tag unseres Lebens, — hier (er zeigt Papiere vor) sind schon Gratulationen von den meisten Communarden, Bakuninisten und Nihilisten, von den Damen Hahn, Stägemann und Canzius eingetroffen. Der Rothe, der dagegen stimmt, verdient unter die Braunen und Blauen gehauen zu werden!

Abg. v. Stablewski. [Pole] Meine Herren, so wahr ich ein Pole bin, diese Vorlage wird der Regierung Schaden zufügen, und wer sie annimmt, macht sich wohlverdient um mein Vaterland. Sie wird die Feinde der Regierung vermehren und kräftigen, und eines Tages wird es einen Tumult geben, und Polen wird als neuerstandenes Königreich daraus hervorgehen! (Jubel der Polen.)

Abg. Holthof. [Deutsche Volkspartei, Vertreter für Frankfurt am Main] Meine aus mir bestehende Partei, meine Herren, wird einstimmig für die Vorlage stimmen, denn sie ist der Beginn der Reaction und somit der erste Schritt zum demokratischen Musterstaat!

Abg. Traeger [Deutsche Fortschrittspartei, bekannt für seine Gedichte] (die Harfe ergreifend).

Ich höre schon die Nachtigall
In deutschen Eichen schlagen:
Jetzt bist Du glücklich, Erdenball,
Denn es beginnt zu tagen!

Schluß des Blattes. In der Journalistenloge war das Gerücht verbreitet, der Bundesrath habe schon während des Gesanges des Abg. Traeger beschlossen, die Vorlage zurückzuziehen.

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