Nachlese zur Maifeier 1892 – nur wenige Bombenanschläge

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Die sozialdemokratische Maifeier, die schon im vorigen Jahre wenig imposant verlief, ist in diesem Jahre, wie aus den vorliegenden Berichten hervorgeht, ziemlich kläglich ins Wasser gefallen. Teilweise mag an diesem Umstande die Ungunst des Wetters — in Deutschland und vielfach auch im Auslande hat es am Sonntag geregnet und geschneit — die Schuld tragen.

Die Maifeier in Berlin ist für den Unbeteiligten fast unbemerkt vorübergegangen. Ein Berichterstatter weiß zu melden, daß am Sonntag von 6 Uhr morgens an die Polizei auf allen Wachen konsignirt gewesen sei. Die Bezirkswachen und die Bahnhofswachen hatten Verstärkung erfahren, ebenso die Gendarmerie in den Vororten. An die Polizeimannschaften sei die Weisung ergangen, mit der größtmöglichen Schonung vorzugehen und Zusammenstößen auszuweichen, soweit angängig, nötigenfalls aber kräftig und mit Nachdruck einzugreifen. Diese Vorsichtsmaßregeln haben sich im Laufe des Tages als überflüssig herausgestellt; ebenso die Vorkehrungen, welche die Eisenbahnverwaltung getroffen hatte, um etwaige durch die sozialdemokratischen Ausflügler hervorgerufene Verkehrssteigerungen zu bewältigen. Frühmorgens war die Zahl der Feiernden kaum nennenswert; erst im Laufe des Tages wuchs der Verkehr besonders im östlichen und nördlichen Stadtviertel etwas mehr.

Die Maurer und Zimmerer fuhren nach Bernau in Stärke von etwa 300 Köpfen. Einzelne Kremser brachten Angehörige von Fabriken nach Pankow, Tegel oder Reinickendorf. Etwa 300 Mitglieder des Vereins der Buchdruckerei-Hilfsarbeiterinnen feierten den 1. Mai in Wilmersdorf. Die Sozialdemokraten des 5. Berliner Wahlkreises feierten zusammen mit einzelnen Berliner Vereinen und von Sozialdemokraten des Niederbarnimer Kreisen das Maifest in Adlershof. Die Züge nach dem Grunewald, Potsdam u. s. w. wurden von den Ausflügern gar nicht benutzt. Auf dem Anhalter und Potsdamer Bahnhof zeigte sich kein außergewöhnlicher Verkehr.

Der Schwerpunkt der Maifeier lag schon infolge der Ungunst der Witterung naturgemäß in den Versammlungen. Die Schneider und Schneiderinnen tagten 300 Köpfe stark Sonntag früh in Orschels Salon und nahmen nach einem Vortrag des Genossen Timm eine Resolution zu Gunsten des 8stündigen Normalarbeitstages an. Im Verein der Einsetzer (Tischler) sprach Herr D. Lüttgenau über die Bedeutung des 1. Mai; auch hier wurde eine entsprechende Resolution angenommen. Die Maler und Anstreicher tagten bei Mundt in der Köpnickerstraße. Die Sozialdemokraten des 2. Berliner Wahlkreises feierten auf dem Tempelhofer Berg, die Sozialdemokraten des 1. Wahlkreises auf Tivoli; im 6. Wahlkreise hielten die Sozialdemokraten in 8 Lokalen Versammlungen ab. Die Sozialdemokraten des 5. Wahlkreises begingen die Feier im Verein mit den Genossen aus Weißensee im Sternecker: Hier hielt Herr Vogtherr die Ansprache. Auf Tivoli sprarch Herr Gerisch vom Parteivorstande. Weiter wurden sozialdemokratische Festlichkeiten veranstaltet in der Brauerei Friedrichshain, im Elysium in der Landsbergerstraße und im Konzertpark Viktoria in der Frankfurter Allee. Die Genossen des 3. Wahlkreises hatten sich in der „Neuen Welt“ in der Hasenheide versammelt. Ein Demonstrationszug war von Grünau nach Schmöckwitz geplant. Es hatten sich aber nur 30 Personen einschließlich Frauen und Kinder zu demselben eingefunden.

Die Unabhängigen und die Anarchisten feierten den ersten Mai in Friedrichshagen, welcher Ort in Folge dessen von den Anhängern der sozialdemokratischen Parteileitung gemieden wurde. In der Versammlung der Unabhängigen in Friedrichshagen eiferte Herr Auerbach gegen die Parteileitung. 

Die Genossen des Niederbarnimers Kreises hatten sich an der Woltersdorfer Schleuse versammelt. Der polnische Sozialistenverein feierte den 1. Mai in Friedrichsberg.

Daß die Demonstranten wieder vielfach mit der roten Farbe prahlten, ist selbstverständlich. Die Männer trugen rote Blumen und rote Schlipse, die Frauen rote Bänder. Die Versammlungs-Lokale waren mit roten Fahnen und entsprechenden Inschriften dekorirt. Die Anarchisten verbreiteten Flugblätter, in denen die Revolution gepredigt wurde. Auch alte Exemplare der „Autonomie“ und des „Anarchist“ wurden verteilt. 

Ebenso wie in Berlin, ist auch im Reich nach telegraphischen Meldungen die sozialdemokratische Maifeier überall still verlaufen. Aus Köln und Bremen wird ausdrücklich gemeldet, daß die Beteiligung an den sozialdemokratischen Umzügen erheblich geringer geworden, als im Vorjahre. In Hannover hielt der Reichstagsabgeordnete Frohme die Festrede. In München wurde die Maifeier wegen des ungünstigen Wetters auf den nächsten Sonntag verschoben. 

Im Auslande ist die Maifeier ebenfalls nach den bisher vorliegenden telegraphischen Meldungen im Allgemeinen sehr still verlaufen. 

In Wien vollzog sich der Aufmarsch der Arbeiter im Prater Nachmittags zwischen zwei und drei Uhr in größter Ruhe. Etwa 9000 Personen nahmen daran teil. Zwei sozialdemokratische Versammlungen wurden aufgelöst. In Prag konnten einige der angesagten Versammlungen wegen zu geringer Beteiligung überhaupt nicht stattfinden. In Pest hatte die Polizei 32 Arbeiterversammlungen verboten. Größere Versammlungen fanden im Rußdorfer Parke statt. In der benachbarten Maschinenfabrik von Rickelson brach gerade zu dieser Zeit Feuer aus. Zahlreiche Arbeiter der Fabrik beteiligten sich an dem Rettungswerke. Ein Teil der fremden Arbeiter mußte von der Polizei und später vom Militär zurückgedrängt werden, da eine Plünderung befürchtet wurde, und das Gerücht sich verbreitet hatte, daß das Feuer von Arbeitern gelegt sei. Doch wird andererseits versichert, daß zwischen den Fabrikbesitzern und Arbeitern niemals Konflikte bestanden hätten.

Nach späteren telegraphischen Meldungen kam es in Wien zwischen einer spät in der Nacht aus dem Prater zurückkehrenden Arbeiterschaar und der Polizei zu einem Zusammenstoß, weil die erstere den Versuch machte, rote Tücher als Fahnen aufzustecken. Ein Rädelsführer wurde nach geringem Widerstande verhaftet.

Aus Italien wird gemeldet, daß in allen größeren Städten mit einigen Ausnahmen vollkommene Ruhe geherrscht hat. In Bologna zertrümmerten etwa 60 Individuen einige Laternen und Fensterläden. Acht Personen wurden verhaftet. Weiter wurde in Bologna eine Ansammlung von Arbeitervereinen, die sich nach der von ihnen veranstalteten germeinsamen Feier auf den Viktor Emanuel’s-Platz begaben, nach den gesetzlich vorgeschriebenen Aufforderungen zum Auseinandergehen durch Kavallerie zerstreut. In Sinigaglia (Provinz Ancona) wurde gegen 11 Uhr abends eine Bombe in ein Vergnügungslokal geworfen, wobei die Fenster zerbrochen und einige Möbel beschädigt wurden. Getötet wurde Niemand. Einige Personen, welche der That verdächtig find, wurden verhaftet. Nach einer Meldung aus Forli ist am Sonnabend daselbst vor dem dortigen Gefängnis eine Petarde geplatzt. Der wachehabene Posten schoß auf den mutmaßlichen Attentäter, traf denselben aber nicht. Verletzt wurde bei der Explosion Niemand.

Auch in der Schweiz ist die Maifeier überall ruhig verlaufen. Die Sozialdemokraten in Zürich haben die Maifeier auf den ersten schönen Sonntag verschoben.

Auch in Frankreich, insbesondere in Paris ist die Maifeier, kleine Zwischenfälle ausgenommen, ohne jede Störung verlaufen. In  Tours explodirte in einer öffentlichen Bedürfnisanstalt eine Bombe, wobei der Urheber der Explosion schwer verwundet wurde. — In Chartres explodirte in der Kathedrale während der Messe eine Petarde, wodurch große Bestürzung hervorgerufen wurde, doch wurde Niemand verletzt. In einer in Paris abgehaltenen sozialdemokratischen Versammlung sprachen sich die Redner gegen die Anarchisten aus. Der Munizipialrat Vaillant erklärte, die Arbeiterpartei würde dieses Jahr zum letzten Male Schritte bei der Regierung versuchen, sollten dieselben erfolglos bleiben, würden energische Mittel angewendet werden. In Marseille kam es bei einem an der Grenze des Weichbildes der Stadt abgehaltenen Meeting zu Streitigkeiten; die Polizei mußte einschreiten und nahm zwei Verhaftungen vor. Kavallerieabteilungen säuberten den Platz. Am Vorabend des 1. Mai sind in Lyon noch 8, in Marseille 10, in St. Etienne 4 und in Algier 34 Anarchisten verhaftet worden. 

Aus Spanien und Portugal werden keinerlei Zwischenfälle von irgend welcher Bedeutung gemeldet. In Barcelona sind am Sonntag 17 Sozialisten verhaftet worden; am Montag wurden noch 18 Verhaftungen vorgenommen. 

Aus Belgien werden verschiedene Dynamitexplosionen, die in Lüttich sich ereignet haben, gemeldet. Am Sonntag abends um 8 ½ Uhr fanden zwei Explosionen von Dynamitpatronen statt, die eine bei dem Senator de Selys, die andere bei dessen Sohne. Der materielle Schaden ist in beiden Fällen beträchtlich; ernstliche Verletzungen sind jedoch nicht vorgekommen. An beiden Stellen sammelten sich große Menschenmengen. Kurz vor 10 Uhr ereignete sich eine dritte Explosion in dem Chor der Kirche St. Martin. Die großen Chorfenster im Werte von 100 000 Frs. sind völlig zersplittert. Hunderte von Fensterscheiben in Häusern der Nachbarschaft, bis auf 300 Meter Entfernung, wurden zerstört. Eine Patrone mit brennender Lunte wurde gefunden und rechtzeitig unschädlich gemacht. In der Stadt herrscht in Folge dessen große Beunruhigung, denn man befürchtet weitere Explosionen. Auch in Anblain bei Convin explodirte vor der Wohnung des Bürgermeisters eine Dynamitpatrone, wodurch geringer Schaden an Material verursacht wurde. Im Uebrigen herrschte in ganz Belgien Ruhe. 

In Holland sind alle sozialdemokratischen Kundgebungen ohne Zwischenfall verlaufen. Nur in Leeuwarden wird gemeldet, daß es nach einem Meeting zu einem Handgemenge zwischen Arbeitern und Polizei kam. Der Abend verlief dort stürmisch. Viele Fensterscheiben wurden eingeschlagen. Die Kavallerie unterstützte die Polizei bei der Wiederherstellung der Ruhe. 

Auch in England ist die Maifeier verhältnismäßig still vor sich gegangen. Die Zahl der Teilnehmer an der Londoner Arbeiterkundgebung belief sich auf 250 000 bis 300 000 Personen. Der Versammlung dauerte 4 Stunden. Die internationale Tribüne umfaßte deutsche, französische, österreichische, polnische und russische Redner und Rednerinnen. Am Sonntag früh wurde dicht an der Mauer des Arsenals in Woolwich eine schwarze Handtasche aufgefunden, welche acht, teils mit Dynamit, teils mit Schießpulver gefüllte Büchsen enthielt. In der Tasche sollen sich auch eine Anzahl Schriften in fremden Sprachen befunden haben. 

Aus Dänemark, Schweden u. Norwegen vorliegende Telegramme besagen, daß die Maifeier überall ohne Zwischenfall verlaufen ist.

In Bukarest ist die Maifeier ruhig und unter wenig zahlreicher Beteiligung der Arbeiter verlaufen.

In den Vereinigten Staaten von Nordamerika ist nach den bis jetzt vorliegenden Nachrichten der 1. Mai in völliger Ruhe verlaufen.

Aus: Freisinnige Zeitung, 3. Mai 1892

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