Das zweite Attentat

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[Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, 1896, Seite 64-66.]

Die ganze politische Situation erfuhr eine Veränderung mit dem zweiten Attentat, welches neun Tage nach Reichstagsschluß am 2. Juni 1878 Nobiling verübte. Auch Nobiling, welcher akademisch gebildet war, hegte sozialistische Ideen, stand aber in keinerlei Zusammenhang mit der sozialdemokratischen Partei. Eine unbeschreibliche Aufregung und Empörung bemächtigte sich der Bevölkerung auf die Kunde von der Verwundung des Monarchen. Des Fürsten Bismarck nächster Gedanke in Friedrichsruh auf die Kunde von dem Attentat war natürlich die politische Ausnutzung desselben gegen die Reichstagsmehrheit. Als ihm, wie Poschinger erzählt, Geheimrat von Tiedemann die Meldung machte, blieb er einen Augenblick wie festgemauert stehen, stieß dann den Spazierstock in die Erde und bemerkte sofort: Jetzt wird der Reichstag aufgelöst werden. In nationalliberalen Kreisen wurde damals dem Fürsten Bismarck die Äußerung nachgesagt, daß jetzt die nationalliberale Partei den Kopf in der Schlinge habe und er sich stark fühle, den Liberalen 160 Wahlkreise abzunehmen.

Ich hielt an dem Sonntag Nachmittag, wo das Attentat stattfand, in Elberfeld auf dem Johannisberg einen Vortrag vor einer großen Versammlung, als sich in der Zuhörerschaft die ersten Nachrichten aus Berlin verbreiteten. Die Versammlung beschloß sofort eine Beileids- und Ergebenheitsadresse, welche telegraphisch übermittelt wurde und als die erste Kundgebung aus dem Volke nach dem Attentat noch am Abend in das Palais gelangte. Die Entrüstung und die Trauer im Volke über das fluchwürdige Verbrechen, welches zu einer Verwundnng des greisen Monarchen geführt hatte, war allgemein. Die offiziösen Organe wie die „Nordd. Allgem. Ztg.“ und die „Post“ aber hatten in diesen Tagen keinen höheren Gedanken zu vertreten als speziell die nationalliberale Partei auf das heftigste anzuklagen wegen ihrer Opposition gegen den Reichskanzler. In einer parlamentarischen Soiree am 9. April 1878 hatte Fürst Bismarck sich verschiedenen Abgeordneten gegenüber in entschiedener und entrüsteter Weise über Erfindung und Erfinder der ihm fälschlich zugeschriebenen Absicht einer Auslösung des Reichstags ausgesprochen. Fürst Bismarck meinte dabei, daß dies der absolut verkehrteste Weg wäre, den er gehen könne. Ich meinerseits hatte in meinen Zeitungskorrespondenzen an demselben Tage unmittelbar vor der Soiree zu den Auflösungsgerüchten bemerkt: „Die Möglichkeit einer Reichstags-Auflösung wird ins Auge gefaßt, weil man heutzutage beim Reichskanzler alles für möglich halten muß.“ Nunmehr nach dem zweiten Attentat war sich Fürst Bismarck mit dem Entschluß zur Auflösung des Reichstags auch sogleich darüber klar, diese Maßnahme in erster Reihe gegen die nationalliberale Partei zu kehren. Während die Teilnahme des Volkes einmütig und ausschließlich noch an dem Krankenbett des greisen Kaisers weilte, wurde das öffentliche Interesse durch die beabsichtigte Maßnahme der Auflösung wieder in den politischen Parteikampf hinabgezogen, welcher in dem weihevollen Kummer jener Tage nahezu erloschen schien. Die beiden liberalen Parteien, gegen welche die Auflösung sich kehrte, hatten über ihren scharfen Gegensatz zur Sozialdemokratie niemals einen Zweifel gelassen. Daß nach Annahme des ersten Sozialistengesetzes das spätere Attentat ausgeschlossen gewesen wäre, kann vernünftiger Weise niemand behaupten. Man hatte es in dem zweiten Attentäter mit einer Person zu thun, die, soweit überhaupt politische Motive die Grundlage zu jenem schändlichen Entschlusse bildeten, nicht aus dem Preß- und Versammlungswesen, auf dessen Beschränkung es jenes Gesetz allein abgesehen hatte, sondern aus akademischen Studien ihre sozialistischen Ansichten gewonnen hatte.

Die offiziöse Presse hat niemals ein schändlicheres Spiel getrieben als in jenen Tagen unmittelbar nach dem zweiten Attentat. Aus allen Ecken und Enden wurde Falsches und Wahres zusammengetragen, um weite Volkskreise als mit verbrecherischen revolutionären Absichten erfüllt erscheinen zu lassen. Die Polizeireporter, die offiziöse Presse und das Wolffsche Telegraphenbureau verbreiteten Nachrichten über angebliche Geständnisse  Nobilings von weit verzweigten Verschwörungen und dergleichen, welche sich späterhin als eine absolute Erfindung herausstellten. Aber die große Menge verschlang in der Aufregung auch jene Nachrichten kritiklos und ließ sich dadurch noch mehr erhitzen. Denunziationen wegen Majestätsbeleidigiingen erfolgten in großer Zahl, falsche Angaben, Mißverständnisse und niedrigste Rachsucht spielten dabei eine große Rolle.

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