Wahlorganisation

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[Eugen Richter: Im Alten Reichstag, Band 2, 1896, Seite 67-68.]

Zur Vorbereitung der Neuwahl schlossen sich die Nationalliberalen und die Fortschrittspartei eng aneinander. In Berlin hielten die Vorstände beider Parteien gemeinsame Sitzungen ab. Die Fortschrittspartei war durch die Auflösung überrascht. Wir hatten nur wenige hundert Mark in der Centralkasse. Aber rasch trafen wir entsprechende Maßnahmen; binnen 24 Stunden nach Einbringung des Antrages auf Auflösung im Bundesrat waren wir im stande, den Rahmen einer Wahlorganisation für die Stadt Berlin zu publicieren, auch sofort Wahlbureaus in Berlin zu errichten. Ein Centralbureau in Berlin für die Stadt und für das Land wurde unter die gemeinschaftliche Leitung des Abg. Ludolf Parisius und meiner Person gestellt. Einen Aufruf zu Geldbeiträgen ließen wir sogleich folgen. In Ermangelung eines Centralorganes versandten wir dann in Zwischenräumen von einigen Tagen gedruckte Wahlkorrespondenzen an die Vertrauensmänner und die Empfänger der 1877 begründeten „Parlamentarischen Korrespondenz“. Als Broschüren gaben wir heraus meine Reichstagsrede gegen das erste Sozialistengesetz, die Rede von Virchow über Sozialismus und Reaktion in der Wählerversammlung vom 28. Juni. Schon kurz vorher hatte ich in einer Broschüre „Gegen die Steuerprojekte des Reichskanzlers“ dessen Finanz- und Steuerpläne charakterisiert. Einen besonderen Wahlausruf veröffentlichten wir für Berlin schon am 9. Juni. Damit war uns die Führung der Wahlbewegung in Berlin gegenüber der Sozialdemokratie gesichert.

Der allgemeine Wahlaufruf der Fortschrittspartei erschien am 17. Juni.

Wir beriefen uns darin auf den Kampf, den wir gegen die Sozialdemokratie seit dem ersten Auftreten Lasalles gegen Schulze-Delitzsch aufgenommen und durchgeführt zu einer Zeit, wo es noch zweifelhaft erschien, ob nicht die Regierung sich des Beistandes der Sozialdemokratie gegen die Liberalen versichern wollte. Wir würden auch nicht milde werden, den Kampf gegen die Sozialdemokratie mit Nachdruck und Entschiedenheit fortzusetzen. Dann aber fuhr unser Wahlaufruf fort wie folgt: „Die deutsche Fortschrittspartei erwartet einen bleibenden Sieg der staatserhaltenden Kräfte nur auf dem Boden des gemeinen Rechts. Sie verlangt von der Regierung rasche und starke Niederwerfung jedes Versuches einer gewaltsamen Bedrohung der Rechtsordnung, strenge und unparteiische Handhabung der Gesetze gegenüber jeder Ausschreitung. Sie ist bereit, jede Vorlage der Regierungen vorurteilsfrei zu prüfen, welche Verbesserungen der bestehenden Gesetzgebung in dieser Richtung erstrebt. Aber die Fortschrittspartei muß es ablehnen, den Gegensatz der Klassen, wie ihn die Sozialdemokratie thatsächlich aufreißt, gesetzlich anzuerkennen. Nach ihrer Überzeugung würde die Geschichte auch diesmal keine Ausnahme machen von der Lehre, die sie predigt, daß eine Bewegung der Geister mit geistigen Mitteln zum Stillstand gebracht werden muß, und eine Rückkehr der Gesetzgebung zur Rechtsungleichheit und damit zur Ungerechtigkeit und Willkür eine solche Bewegung eher schüren und aus der Öffentlichkeit in das Geheimnis gefährlicher Verschwörungen zwingen würde.“

Zum Hintergrund ist bei Libera Media auch ein Buch mit den Reichstagsreden von Eugen Richter 1878 gegen das Sozialistengesetz erschienen. Neben einer ausführlichen Einleitung zum Hintergrund gibt es zahlreiche Erläuterungen zum Text und weiterführende Materialien. Da Buch ist erhältlich über Amazon (einfach auf das Bild klicken):

Richter SozGes klein 4

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