Die etruskische Vase

Dieser Artikel wurde 2130 mal gelesen.

Alexander Moszkowski, 1922

Ein Töpfermeister lebte einst
Im allergrau’sten Altertume,
Der formte Vasen mancherlei
Der Kunst, sowie sich selbst zum Ruhme.

Die schönste Vase schenkte er
Dem Häuptling der Etruskerscharen,
Der stellte sie im Tempel auf,
Das war vor dritthalbtausend Jahren.

Da plötzlich kam ein römisch Heer,
Der Tempel wurde überfallen,
Die Waffen klirrten dumpf und schwer,
Der Kriegslärm toste durch die Hallen,

Kein Stein blieb auf dem andern stehn,
Das gab ein Schlagen und ein Spalten,
Der Vase nur ist nichts geschehn,
Sie blieb — höchst wunderbar! — erhalten!

Der Römer nahm die Vase mit
Aus ihrer Heimatstadt, aus Veji,
Sie kam im Laufe langer Zeit
Nach Capua, dann nach Pompeji.

Erdbeben dröhnt’ mit Aschenfall; .
Wie groß war später die Ekstase,
Als man Pompeji aufgedeckt,
Da trat sie neu ans Licht, die Vase.

Sie ward gekauft, kam nach Paris,
Hier blieb sie lang auf ihrem Stande
In einem Tuilerien-Saale
Und zwar bis zu dem großen Brande. —

In Trümmer sank das stolze Haus,
And nach der Communarden-Phase
Fand man im aufgeräumten Schutt
Die gänzlich unversehrte Vase.

Doch da man ihren Wert nicht kannt’,
(Den kann der Fachmann nur verstehen,)
Kam sie zu einem Trödler hin;
Bei diesem hab’ ich sie gesehen.

Ich dachte mir, als ich sie sah:
Hier zugegriffen ohne Pause!
Wir wurden schleunig handelseins, —
Die Vase nahm ich mit nach Hause.

Am nächsten Tage lag bereits .
Die Vase da, kaputt, zerschlagen,
Die Minna hatte „Staub gewischt“,
Das konnt’ die Vase nicht vertragen.

Dritthalb Jahrtausend hielt sie aus,
Nicht Kampf, nicht Brand bracht’ sie ins Knacksen,
Doch wischt ein Mädchen Staub im Haus,
Dem ist solch Kunstwerk nicht gewachsen!

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1922, Alexander Moszkowski, Kunst, Lyrik, Satire veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar