Zum ersten Erscheinen des Reichsfreunds

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Albert Traeger, 26. August 1882

Hochherrlich steht es aufgerichtet.
Und was in langer Schmerzenszeit
Gehofft, geträumt ward und gedichtet,
Ist lebensvolle Wirklichkeit:
Geeint zum unlösbaren Bunde,
Dem Nichts an Macht und Ehre gleich,
Auf unerschütterlichem Grunde
Erhebt sich stolz das deutsche Reich.

Wofür die Besten einst gelitten
In Todesnoth und Kerkerhaft,
Das hat das Deutsche Volk erstritten
In blut’gem Kampf durch eig’ne Kraft.
Hat zähen Muthes auch bezwungen
Was ihm daheim entgegen stand,
Und allen Feinden abgerungen
Das heiß ersehnte Vaterland!

Doch führe nicht das Werk der Waffen
des Anfangs blut’ges Zeichen fort,
Für alle Zeiten sei geschaffen
Des Friedens segensreicher Hort,
Nach außen stark und fest von innen,
Soll es zum Heil der Welt besteh’n,
Der Freiheit Banner auf den Zinnen
Wie eine frohe Botschaft weh’n!

Eh‘ zum entscheidenden Gefechte
Die Kriegestrommel ward gerührt,
Hat für der Freiheit ew’ge Rechte
Das Deutsche Volk den Kampf geführt;
Daß rein und hehr ihr Banner glänze,
Ist es mit Deutschem Blut gekauft —

Und schlägt auch heute noch beklommen
Ein ängstlich Herz in mancher Brust,
Es muß das Volk zum Ziele kommen,
Das seinen Zielen sich bewußt;
Das Letzte werden wir vollbringen,
An Müh’n und Kampf sind wir gewöhnt,
Die Freiheit gilt es zu erringen,
Dann ist der stolze Bau gekrönt!

Für’s Deutsche Reich! Wer ohne Zagen
Selbstlos das Recht allein verficht,
Mit Mannesmuth weiß Nein zu sagen,
Wo der feile Schmeichler spricht,
Wer, ganz dem Vaterland ergeben,
Das allgemeine Wohl ermißt
Und für die Freiheit läßt sein Leben —
Der allertreu’ste Reichsfreund ist!

Das Gedicht von Albert Traeger (1830-1912) erschien auf der ersten Seite der ersten Ausgabe der Wochenzeitschrift „Der Reichsfreund“, die von Hugo Hermes, Ludolf Parisius und Eugen Richter, alle drei Mitglieder des Zentralausschusses der Deutschen Fortschrittspartei, begründet und herausgegeben wurde. Der Name bezog sich einerseits auf die Wochenzeitschrift „Der Volksfreund“, die von 1868 bis 1872 von Ludolf Parisius geleitet wurde, andererseits auf den Dauervorwurf von offiziöser Seite, allen voran von Otto Bismarck, die Fortschrittler seien „Reichsfeinde“. 1885 stellte Eugen Richter dem „Reichsfreund“ die täglich erscheinende „Freisinnige Zeitung“ zur Seite. Bei den Artikeln gab es viele Überlappungen, die Redaktionen wurden später sogar zusammengelegt. In den letzten Jahren schlief „Der Reichsfreund“ zugunsten der „Freisinnigen Zeitung“ langsam ein.

Aufgrund der fortlaufenden Anschuldigung als „Reichsfeinde“ betont Traeger hier seine positive Haltung zur deutschen Einheit, an der die Fortschrittler nicht die Einheit, sondern die mangelnde Freiheit auszusetzen haben. Für ihre Forderung nach deutscher Einheit waren sie vorher verfolgt worden. Der Eintrag zu Traeger in der deutschen Wikipedia versteht eine solche Haltung natürlich sofort falsch und diagnostiziert ohne Quellenangabe oder Begründung, seine Lyrik sei „deutsch-national“ gewesen, wobei dieser Begriff ja eigentlich Gruppierungen der Rechten in der Weimarer Zeit mit einer völlig anderen Ausrichtung bezeichnet.

Wir finden Traeger als Lyriker, ehrlich gesagt, etwas schwerfällig und gestelzt, als Redner war er hingegen mitreißend. Ein Beispiel wäre hier etwa seine Rede gegen das Trunksuchtsgesetz 1881:

„Der Reichsfreund“ ist übrigens vollständig von der Universitäts- und Landesbibliothek in Darmstadt digitalisiert worden.

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