Offene Grenzen und Terrorismus (I)

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Ein häufiger Einwand gegen offene oder doch offenere Grenzen ist die Frage: Holt man sich damit nicht auch Terroristen ins Land und setzt damit die hiesige Bevölkerung Gefahren aus?

Das ist ein Punkt, den man ernst nehmen sollte. Schließlich können auch schon wenige Terroristen viele Menschen umbringen oder schädigen. Darüber sollte man nicht leichtfertig hinweggehen.

Doch wie weit trägt der Einwand bei näherer Betrachtung?

Da unsere Argumente etwa umfassender sind, beginnen wir in diesem Post damit, einige Fälle von terroristischen Anschlägen zusammenzutragen, die als Test dienen können, sowie eine überschlägige Abschätzung der Bedrohung zu geben, wie sie bisher bestanden hat. In weiteren Posts möchten wir uns dann der Frage zuwenden, wie sich offene oder offenere Grenzen auswirken würden.

Gehen wir zunächst einmal die Fälle von terroristischen Anschlägen in Deutschland in den letzten zehn Jahren durch, die verübt wurden von Menschen, die eingewandert sind oder aus dem Ausland kamen. Sie fallen, soweit wir sehen können, sämtlich unter die Rubrik islamistisch motivierten Terrors.

Es mag sein, daß wir hier nicht erschöpfend alle Fälle im Blick haben, und wir freuen uns über Hinweise, was wir übersehen haben. Allerdings geht es uns erst einmal nur darum Beispiele zusammenzutragen und grobe Abschätzungen vorzulegen. Wir werden dann eine breite Marge einbauen, um uns eher auf der sicheren Seite zu irren. Nur wenn wir viele Anschläge mit vielen Opfern übersehen haben, müßten wir die Betrachtung wesentlich überdenken.

Was sind die Fälle, die wir gefunden haben:

  • Wir haben einen Fall eines Anschlags mit Toten finden können, nämlich den Anschlag von Arid Uka am Frankfurter Flughafen. Dort erschoß dieser am 2. März 2011 zwei amerikanische Soldaten und verletzte zwei weitere schwer. Uka kam im Alter von einem Jahr aus dem Kosovo nach Deutschland und wuchs hier auf. Verurteilt wurde er für die Tat zu lebenslänglicher Haft.
  • Der zweite Anschlag scheiterte an der Unfähigkeit der Attentäter, funktionsfähige Bomben zu bauen, hätte aber bei Gelingen viele Menschen töten und verletzen können. Am 31. Juli 2006 wurden in zwei Nahverkehrszügen in Nordrhein-Westfalen Kofferbomben platziert, die jedoch nicht detonierten. Als Täter stellten sich drei Libanesen heraus. Wir wissen nicht, welchen Aufenthaltsstatus sie hatten bis auf einen, der wohl an einer deutschen Hochschule eingeschrieben war und ein entsprechend befristetes Visum hatte. Wir vermuten, daß die beiden anderen denselben Status hatten oder als Touristen einreisten. Geplant war ein größerer Anschlag, genannt wird die Hohenzollernbrücke in Köln, was aber an der Beschaffung von hinreichenden Mengen an Sprengstoff scheiterte. Die Täter flüchteten über Syrien in den Libanon. Zwei wurden dort festgesetzt und abgeurteilt, der dritte kam bei Kämpfen mit der libanesischen Armee um.
  • Noch weniger erfolgreich in ihrem Sinne war die sogenannte „Sauerlandgruppe“, die im Wesentlichen aus zwei zum Islam konvertierten Deutschen und einem Türken bestand und 2007 aufflog. Wir haben keine Informationen zum Aufenthaltsstatus finden können, vermuten aber, daß auch der als Türke Genannte hierzulande aufwuchs. Er wurde 2005 eingebürgert, die Einbürgerung allerdings dann widerrufen. Die Gruppe plante Anschläge mit Sprengstoff und versuchte sich dazu im Bombenbau. Allerdings hatten sie eine ganze Reihe von Geheimdiensten an den Fersen: der NSA aufgefallen, waren zudem CIA, BND, MAD und der türkische Geheimdienst MIT aufmerksam auf sie geworden. Unbemerkt wurde den Verschwörern eine harmlose Flüssigkeit als Sprengstoff untergejubelt. Sie wurden verhaftet, bevor es zu einem Anschlag kommen konnte. Die Mitglieder der „Sauerlandgruppe“ erhielten langjährige Haftstrafen.

Ohne die Gefahren herunterspielen zu wollen, würden wir doch gerne bemerken, daß zwei Tote in zehn Jahren relativ wenig ist. Im selben Zeitraum gab es mehrere Tausend vollendeter Tötungsdelikte in Deutschland. Aber auch für diese Tötungsdelikte liegen die hiesigen Raten auf weltweit niedrigen Niveaus mit aktuell etwa 0,8 Opfern pro 100.000 Bewohnern pro Jahr.

Selbst wenn wir annehmen, daß Uka einen eher umfassenderen Amoklauf mit 20 Toten, die beiden anderen Gruppen Taten vollendet hätten auf dem Niveau der Anschläge in London 2005, die etwa 50 Leben forderten, so kommen wir nur auf gut 120 Tote in zehn Jahren, wenn es schlimm gelaufen wäre.

Das wären etwa 0,15 Opfer pro 100.000 in 10 Jahren oder 0,015 Opfer pro Jahr gewesen. Oder ungefähr gut das Doppelte des Risikos, vom Blitz getötet zu werden. Mit anderen Worten: eine ziemlich geringe Erhöhung einer sowieso schon recht geringen Bedrohung, Opfer eines Tötungsdeliktes zu werden. Wir überschätzen das sicherheitshalber, sodaß wir auch Fälle abdecken, die uns entgegangen sein mögen, oder um dem Einwand zu begegnen, wir sollten nicht von zehn Jahren, sondern nur von der Zeit seit dem ersten versuchten Anschlag 2006 ausgehen.

Mit dieser Rechnung können wir natürlich nicht das Leid der möglichen Opfer oder der tatsächlichen wegwischen. Es geht uns nur darum, die Dimension der Bedrohung, wenigstens, wie sie bislang bestanden hat, aufzuzeigen.

Wir wollen noch vermerken, daß sich jeder derartigen zusätzlichen Risiken andauernd freiwillig aussetzt, ohne darüber nachzudenken. Das gilt nicht etwa nur bei Teilnahme am Straßenverkehr mit etwa 8 Toten pro 100.000 und Jahr, sondern auch, wenn man sich in unterschiedlichen Städten aufhält, für die die Raten für Tötungsdelikte deutlich schwanken und ohne weiteres das Doppelte und mehr des Durchschnitts betragen können.

Doch wie würden sich offene oder offenere Grenzen auswirken?

Dazu müßte man erst einmal wissen, ob wir heute nicht schon recht offene Grenzen haben. Viele, die mit dem Argument von Terrorgefahren aufwarten, wenden sich damit ja gar nicht gegen eine stärkere Öffnung der Grenzen, sondern führen den Einwand ins Feld, um geschlossenere Grenzen zu rechtfertigen. Doch wenn wir bereits sehr offene Grenzen hätten und das obige Resultat gilt, dann wäre hier nicht viel mehr von völlig offenen Grenzen zu befürchten.

Wir denken hingegen, daß die Grenzen heutzutage keineswegs besonders offen sind, sondern vielmehr ziemlich geschlossen. Insofern finden wir die Behauptung wenig überzeugend, daß sich durch eine noch weitergehende Schließung der Grenzen viel ändern würde. Wesentlich offenere Grenzen würden allerdings die Lage durchaus stärker ändern, sodaß die Frage ganz berechtigt und angemessen ist, was das für terroristische Anschläge bedeuten würde. Dem wenden wir uns dann in weiteren Posts zu.

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5 Antworten auf Offene Grenzen und Terrorismus (I)

  1. Thomas Holm sagt:

    Zur Aufrechnung mit Badewannen-Unfällen und Erdnussbutter-Vergiftungen (wird andernorts gern geübt) würde ich bemerken, dass es sich bei Terrorismus um Versuche handelt, auf politische Willensbildung Einfluss zu nehmen. Im Falle etwa des Madrider Anschlags kann das als ausgesprochen gelungen angesehen werden.

    Ansonsten „verpuffte“ sicherlich das meiste.

    Herfried Münkler empfiehlt zu dem Thema den westlichen Zivilgesellschaften „heroische Gelassenheit“, was ich für einen interessanten Gedanken halte. Gäbe es eine entsprechende Initiative, um zu signalisieren, dass uns die terroristische Performance unserer eingeschleusten, oder Instant-Jihadisten eigentlich am Allerwertesten vorbei geht, würde ich wohlwollend prüfen, mich dieser anzuschließen.

    Jihadistisch geht die Reise im übrigen massenhaft in die andere Richtung. Ich möchte Ihnen ausdrücklich diesen Beitrag von Channel4 über den Strom von Martyriums-Suchenden aus dem bürgerlich passabel integrierten Britischen Mittelstand empfehlen. Beide Beiträge dort; unten ist noch eine Diskussion, wo der Jihadist darum wirbt, dass der Westen jetzt einmal erkennen möge, dass der ganze Jihadismus eigentlich nicht böse gemeint sei. Und in der Tat wollte der junge Osama gegen zunächst gegen allerlei Erscheinungen von Arabischem Links-Republikanismus zu Felde ziehen – sodass man heute sagen könnte, dass die Idee vom Angriff auf „Den Fernen Feind“ ihm* wirklich sehr unglücklich dazwischen kam.

    http://www.channel4.com/news/syria-war-rebels-jihadi-ibrahim-al-mazwagi

    *uns allen ? und von wem war sie eigentlich wirklich ? Da mag noch etwas kommen.

    Vielen dank für die Einladung nach hierher.

    • eugen sagt:

      Vielen Dank, daß es jetzt etwas in Richtung einer Diskussion geht. Eine Frage nebenbei an Sie: Kann es sein, daß wir mit den drei Fällen wirklich alles zusammengetragen haben, was in Deutschland passiert oder fast passiert ist? Wir konnten das selbst nicht ganz glauben, haben jedoch nicht mehr gefunden.

      Unser Argument in dem Post ist keine Aufrechnung, sondern wir möchten nur eingrenzen, wie groß die Bedrohung bis jetzt war. Viele neigen dazu, dann sofort von der Vergangenheit auf die Zukunft zu schließen. Das machen wir hier nicht. Wir diskutieren das näher im nächsten Post.

      Ihr Punkt ist bestimmt interessant. Die Frage im Zusammenhang mit offenen oder offeneren Grenzen (Recht, hier zu wohnen und zu arbeiten, es sei denn es stehen gewichtige Gründe dagegen) ist aber, welchen Unterschied diese machen würden. Vermutlich werden sich die Motivationen der Terroristen dadurch kurzfristig nicht ändern. Aber auch mit einem Touristenvisum konnten die Attentäter des 11. September alles machen, was sie wollten. Hätten sie auch in den USA wohnen und arbeiten dürfen, hätte das wohl nichts geändert. Man kann natürlich pauschal Grenzen auch für Touristen dichtmachen, aber dann könnte jemand immer noch ohne staatliche Genehmigung ins Land kommen. Sogenannte Coyotes bringen einen für einen überschaubaren Betrag über die Grenze zu Mexiko. Und selbst die Stasi konnte bloß etwa die Hälfte der Fluchtversuche aus der DDR verhindern (von denen, die sie nicht schon im Vorfeld bemerkt hatte).

      Sie haben vielleicht recht, daß in Spanien in begrenztem Umfang politische Ziele erreicht wurden. In der Regel funktioniert Terror allerdings nicht, wenn man „Erfolg“ als das Durchsetzen von politischen Zielen versteht. Sehr interessant ist die Arbeit von Max Abrahms „Why Terrorism Does Not Work“: http://www.tdistler.com/media/docs/whyterrorismdoesnotwork.pdf

      Zwei Beispiele:

      – In Rußland gab es eine Stimmung (abgegriffen in Umfragen), daß man Tschetschenien ziehen lassen wollte. Als tschetschenische Terroristen dann in Rußland losschlugen (Sprengen von Wohlhäusern, usw.) kippte die Stimmung völlig und die Bevölkerung unterstützte das harte Durchgreifen.
      – Ähnlich beim 11. September, der für Al Qaeda letztlich drastische Folgen hatte: Auslöschen eines großen Teils der Führungsriege, inklusive Bin Laden, Entmachtung der Taliban und damit Verlust eines wichtigen Rückzugsgebiets, usw.

  2. Thomas Holm sagt:

    „mit den drei Fällen wirklich alles zusammengetragen haben, was in Deutschland passiert oder fast passiert ist“ ich finde gerade eine Übersicht nicht wieder, aus der ich meine, dass da noch mehr war. Für die Opferzahlen sind Anschläge im Ausland erheblicher, Djerba, Bali, Casablanca … Hier und da mal eine ermordete Geisel, zuletzt in Nigeria …

    Mit dem Erfolg von Terrorismus verhält es sich oft so, dass die bloße Eskalation oft als Erfolg gewertet wird; RAF: „Maske runter reißen“, oder eben wie Al Kaida das gemacht hat und den Irak-Krieg so bewertet hat, wie Hitler die Invasion in der Normandie nach dem Motto: Jetzt kriegen wir sie endlich direkt vor die Flinte.

    Tatsächlich hat sich Al Kaida von Herrn Abu Musab az-Zarqawi für den Irak die Eröffnung eines Konfessionskrieges mit den Schiiten verkaufen lassen, den jetzt keiner mehr stoppen kann und bei dem gerade Mursi mit Damaskus gebrochen hat, obwohl in Teheran der Messias gewählt wurde. Immerhin kann Al Kaida darauf verweisen, dass die USA reichlich pleite sind und jemanden gewählt haben, der dafür sorgt, dass die USA nichts mehr für Muslime tun: (allerdings erst nachdem er Osama dort umgelegt hat, wo er nach Busharrafs bekunden niemals war.

    Shoshana Bryen: Israel’s Perspective on Syria min.3.45

    http://www.youtube.com/watch?v=X3CLkeQxf20

    Hören Sie da mal rein, da kann einem schwindelig werden.

    Sie sagen Russland ? Dann sage ich auch Russland:

    http://en.wikipedia.org/wiki/Ayman_al-Zawahiri#Russia

    Noch was zum schwindelig werden. Stellen Sie sich mal vor, da wäre was gelaufen mit Mister P.; und das erste, was sie dem Obama gesagt hätten wäre, dass es da etwas gibt, aber dass das (sein !) Militär keinen Bock auf Weltkrieg hätte …

    Nicht direkt zu Terrorismus, sondern zu „Völkerwanderung“ – also etwas noch schlimmerem – habe ich mich noch hier ausgelassen:

    http://arprin.wordpress.com/2013/06/14/freie-einwanderung-braucht-die-welt/#comments

    Putin hat vor einer Woche 25 Minuten Interview bei RT gegeben und seine Leute zurechtgewiesen was sie von dem, was sie alles verkünden sollen, nicht unbedingt zu glauben brauchen. Grenzt an Mobbing finde ich. Aber ist halt Russland. Normal.

    • eugen sagt:

      Okay, da haben wir die Diskussionsmöglichkeiten etwas überschätzt.

      Suchen Sie bitte noch mal nach der Übersicht. Daß Ihnen aus dem Stegreif nichts einfällt, heißt aber wohl, daß es wirklich nicht so viel gab?

      Der Rest geht am Thema doch immer weiter vorbei.

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