Philister’s Wahl-Lied

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Berliner Wespen, 14. Juni 1878

Vor der Reichstagswahl.

Im Herbste geh’ ich nicht zur Wahl,
Da ist das Wetter naß,
Und bin ich auch gesund, egal,
Man holt zu leicht sich was.
Zwar ist es nöthig, daß man wählt,
Damit — je nun — so dann —
Doch kommt’s, wenn man die Zettel zählt,
Auf einen ja nicht an.

Im Winter geh’ ich nicht zur Wahl,
Ich wüßt’ nicht, was mich reizt,
Vor Allem ist das Wahllokal
Zu mangelhaft geheizt.
Zwar ist es nöthig, daß ich geh’,
Damit — ’s wär’ fürchterlich —
Doch geht mein Nachbar, wie ich seh‘,
Und dies beruhigt mich.

Im Frühling geh’ ich nicht zur Wahl,
Mahnt mich auch meine Frau,
Jetzt ist es schön, mit einem Mal
Weht es empfindlich rauh.
Zwar ist es nöthig, wie es heißt,
Auf daß — o weh — ja, ja —
Doch — Positus — ich wär’ verreist,
Dann wär’ ich auch nicht da.

Im Sommer geh’ ich nicht zur Wahl,
Da mach’ ich Morgens früh
Zum Kegeln oder grünen Aal
Gern eine Landpartie.
Zwar schreit mein Leib- und Magenblatt:
„Zur Wahl!“ Sonst — welche Zeit —
Doch meine einz’ge Stimme hat
Wohl nicht die Wichtigkeit.

Nun kommt so eine Sommerwahl —
Der Staat ist in Gefahr! —
Drum wählen wird zum ersten Mal
Der Wähler ganze Schaar.
Schon seh’ ich, wie sich drängt herzu
Zur Urne Jedermann,
Daß unsereins mit Seelenruh’
Der Wahl fernbleiben kann!

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