Kanonenfutter!

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Alexander Moszkowski, 1912

Die hier erzählte Haupt- und Staatsaktion besitzt den großen Vorzug, daß sie nicht dementiert werden kann, und zwar deswegen, weil die Zeit der Begebenheit noch gar nicht angebrochen ist. Das berührt natürlich ihre innere Glaubwürdigkeit nicht im mindesten, und deshalb soll sie auch so erzählt werden, als wenn sie bereits stattgefunden hätte.

Sie spielt zwischen den benachbarten Großmächten „Diplomatien“ und „Bureaukratien“, deren Völker, obschon verschieden nach geschichtlicher Entwickelung und Temperament, doch als geistige und sittliche Potenzen im Austausch der Kräfte eng aufeinander angewiesen sind. In beiden Nationen hat sich längst der Gedanke durchgerungen, daß sie als Träger der feinsten Kultur nur die auf dauernden Frieden gerichteten Strebungen solidarisch zu vertreten haben.

Aber hüben und drüben befindet sich je ein grüner Tisch, und an diesen Tischen sitzen Leute, die von diesem Solidaritätsgefühl keine Ahnung haben. Und das Schicksal will es, daß gerade sie in allen Dingen das entscheidende Wort reden dürfen. Wenn so ein Aktenmensch in Diplomatien recht viel Kanzleitinte konsumiert hat, so schießt ihm plötzlich ein „Programm“ ins Gehirn. Stimmt dieses Programm zufällig mit dem überein, das zur selben Zeit am grünen Tisch in Bureaukratien ausgeheckt wird, so bleibt Friede. Andernfalls gibt’s einen Krieg, der dann in den Unterrichtsbüchern gewöhnlich als ein „frischer, fröhlicher“ oder auch als ein „heiliger“ Krieg gefeiert wird.

Im Grunde genommen haben nur die beiden grünen Tische etwas miteinander auszumachen. Die arbeitsamen Völker sind daran in der Regel nur insoweit beteiligt, als sie dabei Gut und Blut lassen, sich zerfleischen und auf Jahrzehnte hinaus verwüsten, was aber als quantité négligeable dem diplomatischen Prinzip gegenüber natürlich nicht in Betracht kommt.

So geschah es, daß eines schönen Tages zwischen den beiden Großmächten Diplomatien und Bureaukratien eine „Frage“ auftauchte. Diese Frage bezog sich auf die im Nordosten von Timbuktu gelegene Oase Zebro-Kamelia, ein gottvergessenes Land, in dem keine der beiden Mächte auch nur das Geringste zu suchen hatte. Aber die grünen Tische waren anderer Meinung. Dort hatten die Herren, da sie gerade nichts Besseres zu tun vorfanden, auf der Landkarte mit Zirkel und Bleistift zwei krumme Figuren gezeichnet, die sie „Interessensphären“ nannten. Und da nun zufällig diese beiden krummen Figuren auf der Karte in der Oase Zebro-Kamelia zusammenstießen, so erklärten die beiden grünen Tische, daß hier die beiden „nationalen Ehren“ auf dem Spiel stünden.

Da flogen die Noten hin und her, immer über die Köpfe der Völker hinweg, die unter dem Notengewimmel ihre Acker bauten und nicht wußten, daß man da oben entschlossen war, ihrer in der Oase engagierten Ehre die Knochen unzähliger Grenadiere zum Opfer zu bringen. Aber es ging fürs erste noch glimpflich ab, und man einigte sich zu einer Konferenz, auf der die letzten diplomatischen Schwierigkeiten beseitigt werden sollten.

Als man aber kurz vor der Unterzeichnung des Schlußprotokolls stand, erhob sich der Bevollmächtigte von Diplomatien und sagte: „Ich bin von meiner Regierung beauftragt zu erklären, daß dies Protokoll von mir nicht signiert werden soll, wenn nicht

ein Komma

im Texte fortgelassen wird. Es heißt in der vorliegenden Urkunde:

„Anerkennung der Souveränität des Sultans von Zebro-Kamelia und Einführung von polizeilichen Reformen, auf kurze Zeit.“

Das Komma kann dahin gedeutet werden, daß auch die Souveränität des Sultans nur auf kurze Zeit garantiert wird. Ich verlange daher die Streichung dieser Interpunktion.“

Da stellte sich aber der Bevollmächtigte von Bureaukratien auf die Hinterfüße und betonte, auf drei Millionen Bajonette gestützt, daß alle Mächte der Welt nicht imstande sein sollten, seinem Vaterlande dies höchst wichtige und geradezu unentbehrliche Komma abzutrotzen.

Alsbald wurden die Verhandlungen abgebrochen, und eine neue Frage: Komma? oder Nicht-Komma? rollte sich auf, um die beiden grünen Tische bis in den tiefsten Kernpunkt der nationalen Ehre aufzupeitschen.

Und da die Chefs beider Generalstäbe auf Befragen erklärten, daß kein Gamaschenknopf fehle, so gab es das übliche Ultimatum, Ablehnung, Mobilisation, und gleich darauf einen frischen, fröhlichen, sozusagen heiligen Feldzug, den sogenannten Komma-Krieg.

Die Barden in Diplomatien sangen:

„Sie sollen es nicht haben,
Dies Komma, nein, nein, nein,
Ob sie auch wie die Raben
Sich heiser danach schrein!“

Und auf der andern Seite wurde geschmettert:

„Frischauf, die Flinten in die Hand,
Für Komma, Ehre und Vaterland!“

Die Hekatomben verröchelten am Boden, Städte und Dörfer lohten zum Himmel empor, allein die positive Entscheidung ist noch nicht gefallen. Auf das Resultat darf man gespannt sein.

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