Zum 60. Jahrestag des 17. Juni 1953

Dieser Artikel wurde 3898 mal gelesen.

Hier der Bericht von Eugen Richter in den „Sozialdemokratischen Zukunftsbildern“ aus dem Jahre 1891 (lies: achtzehnhunderteinundneunzig):

30. Strike in Sicht.

Das neue Programm des Reichskanzlers zur Deckung des Milliardendefizits ist in Berlin fast überall nur mit Hohn und Spott aufgenommen worden. Was daraus weiter folgt, vermag Niemand abzusehen. Schon lange bestand eine besondere Gährung unter den Metallarbeitern, insbesondere auch unter den Maschinenbauern. Sie rühmen sich, bei der großen Umwälzung das Beste gethan zu haben, und behaupten jetzt, um die Erfüllung der Versprechungen, welche die Sozialdemokratie ihnen früher gemacht, schmählich geprellt zu sein. Man hat ihnen allerdings vor der großen Umwälzung stets „den vollen Ertrag ihrer Arbeit“ versprochen. Ausdrücklich und wiederholt, so sagen sie, hat dies Schwarz auf Weiß im „Vorwärts“ gestanden. Nun aber erhalten sie nur dieselben Arbeitslöhne wie alle andern.

Wenn man den vollen Wert der aus ihren Werkstätten hervorgegangenen Fabrikate und Maschinen auf sie verteilte, nach Abzug der Kosten der Rohstoffe und Hilfsstoffe, so sagen sie, gebühre ihnen ein Vielfaches von dem, was sie jetzt erhalten.

Vergebens hat der „Vorwärts“ ihnen ihre Auffassung als Mißverständnis auszureden versucht. Die Sozialdemokratie hätte, so meint jetzt der „Vorwärts“, nicht den Arbeitern jedes einzelnen Berufs den vollen Ertrag ihrer besonderen Berufsarbeit versprochen, sondern nur der Gesamtheit aller Arbeiter den vollen Ertrag der Arbeit des ganzen Volkes. Was aus den Werkstätten der Metallarbeiter hervorgeht, entstehe doch nicht bloß durch Menschenarbeit, sondern auch durch Mitwirkung vieler kostspieligen Maschinen und Werkzeuge. Große Gebäude und Betriebsmittel sind dazu erforderlich. Alles dies ist doch nicht durch die zur Zeit in diesen Werkstätten thätigen Arbeiter geschaffen worden. Dafür, daß die Gesellschaft dieses gesamte Anlage- und Betriebskapital stellt, gebührt ihr auch aus dem Arbeitsertrage dasjenige, was nach Auszahlung der für alle Arbeiter in der Gesamtheit gleichen Löhne an die einzelnen übrig bleibt.

Das will nun den Eisenarbeitern nicht in den Sinn. Sie meinen, daß, wenn jetzt der Staat oder die Gesellschaft diejenigen Dividenden schluckt, welche früher die Aktionäre ihrer Anlagen bezogen für Hergabe des Kapitals, so sei dies für sie „Hose wie Jacke“. Dafür hätte es nicht gelohnt, die große Revolution zu machen.

Seitdem nun die Ausdehnung der Arbeitspflicht auf täglich 12 Stunden in Sicht gekommen, sind die Eisenarbeiter noch erbitterter. Täglich 12 Stunden am Feuer und an Metall arbeiten ist doch etwas ganz anderes, als 12 Stunden im Laden auf Kunden lauern oder Kinder warten.

Kurz und gut, sie verlangen den „vollen Arbeitsertrag“ in ihrem Sinne, und zwar bei höchstens 10stündiger Arbeitszeit. Zur Nachtzeit haben schon große Versammlungen der Metallarbeiter in der Jungfernheide und in der Wuhlheide stattgefunden. um die gewaltsame Durchführung ihrer Forderungen zu beraten. Man spricht von einer bevorstehenden Arbeitseinstellung der 40000 Metallarbeiter und Maschinenbauer, die in Berlin thätig sind.

[…]

33. Die Gegenrevolution beginnt.

Die strikenden Eisenarbeiter wollen sich nicht aushungern lassen. Ich hatte meinen Schwiegervater im Schloß Bellevue besucht, wo derselbe sich in der dort eingerichteten Altersversorgungsanstalt befindet. Da höre ich, daß Eisenarbeiter, welche sich in den ehemals Borsigschen Werken versammelt hatten, den Versuch machen, das Brotmagazin zu stürmen, welches sich Schloß Bellevue gegenüber am andern Ufer der Spree zwischen dieser und dem Eisenbahndamm befindet. Indeß alle Zugänge zu dem großen Platz, auf welchem sich die Proviantmagazine befinden, sind geschlossen. Die Arbeiter wollen über die hohen Mauern klettern, da geben die im Innern aufgestellten Schutzmannsposten Feuer und die Kletterer büßen das Wagnis mit dem Leben.

Die Eisenarbeiter erklettern nun den Eisenbahndamm, welcher Aussicht auf das Inneree des Platzes gewährt, auf dem sich die zwischen dem Damm und der Spree liegenden Proviantgebäude befinden. Sie reißen die Schienen auf, durchschneiden die Telegraphendrähte; aber wiederum bedecken Tote und Verwundete den Platz infolge des Feuers der Schutzmannschaft aus den Fenstern und Luken der Proviantgebäude.

Nun setzen sich die Eisenarbeiter in den oberen Stockwerken der hinter dem Eisenbahndamm liegenden Häuser der Lüneburger Straße fest. Aus den Fenstern dieser Häuser einerseits und der Proviantgebäude andererseits entspinnt sich ein heftiges Feuergefecht. Die Minderzahl der Besatzung der Proviantgebäude verfügt über bessere Waffen und reichlichere Munition.

Neue Trupps der Eisenbahnarbeiter versuchen inzwischen von dem Helgoländer Ufer aus in die Umfassungsmauern des Platzes, auf welchem sich die Proviantgebände befinden, Bresche zu legen. Aber durch den Schloßgarten von Bellevue ist inzwischen unbemerkt Verstärkung der Schutzmannschaft im Laufschritt hinzugekommen, hat die Fußgängerbrücke besetzt, welche sich gedeckt unter der Eisenbahnbrücke befindet, und von dort ein mörderisches Feuer auf den größtenteils unbewaffneten Menschenhaufen auf dem Helgoländer Ufer eröffnet. Unter furchtbarem Rachegeschrei stiebt derselbe auseinander, Knäuel von Toten und Verwundeten zurücklassend. Jetzt heißt es, die Artillerie der Schutzmannschaft sei herbeigerufen worden, um vom andern Spreeufer aus die Lüneburger Straße zu beschießen.

Ich verlasse den blutigen Schauplatz, um auf einem Umwege durch den Tiergarten mich nach Berlin S.W. zu begeben. Ueberall stehen die Menschen aufgeregt truppweise beisammen. In Berlin S.W. haben noch keine Gewaltthätigkeiten stattgefunden, aber man hört, daß die Eisenarbeiter in der Erstürmung der Brotmagazine in Tempelhof und in der Köpenickerstraße erfolgreicher gewesen sind. Auch zahlreiche Gewehre und Munitionsvorräte sollen an verschiedenen Stellen in ilire Hände gefallen sein. Sicheres ist nicht zu erfahren, aber man raunt sich zu, daß der Aufstand auf dem rechten Spreeufer immer allgemeiner werde.

Die Schutzmaunschaft war in der letzten Zeit auf 30000 Mann gebracht worden. Sie besteht aus fanatischen Sozialdemokraten, welche man aus dem ganzen Reich ausgewählt hat. Auch ist ihr zahlreiche Kavallerie und Artillerie beigegeben worden. Aber was werden die über ganz Berlin zerstreuten Abteilungen vermögen, wenn die Bevölkerung von 2 Millionen wirklich allgemein an allen Ecken und Enden sich erhebt.

Das rauchlose Pulver erleichtert gegen früher das Niederschießen aus dem Hinterhalt. Die jetzigen Schußwaffen kommen besonders der gedeckten Stellung in den Häusern zu statten.

Fortgesetzt eilen durch S.W. Trupps von Schutzleuten zu Fuß im Laufschritt und zu Pferde im Trab nach den Linden zu. Die bewaffnete Macht scheint in Berlin C. am Schloß und Unter den Linden zusammengezogen zu werden. Wie wird das enden?

[…]

Siehe auch:

Dieser Beitrag wurde unter 1891, Eugen Richter, Geschichte, Kommunismus, Sozialdemokratie veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar