Mikrophon-Lyrik

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Berliner Wespen, 14. Juni 1878

I.

Ich sitz’ am Mikrophone
Und lausche der Natur,
Ich hör‘, wovon ich früher
Auch nicht gehört die Spur;

Die leisesten Geräusche,
Die die Natur sonst barg,
Die höre ich auf einmal
Ganz deutlich und ganz stark.

Ich habe neu gewaffnet
Den Schallempfindungssinn,
Und der Begriff des Zarten,
Er ist für mich dahin.

II.

Donnernd zieht durch mein Gemüth
Mächtiges Gedröhne;
Brülle, kleines Frühlingslied,
Deine stärksten Töne.

Brüll’ hinaus, bis in das Haus,
Wo die Knospen knacksen:
Wo du einen Grashalm schaust,
Sag; ich hör’ ihn wachsen.

III.

Lehn’ Deine Wang’ an meine Wang,
Dann fließet der Thräne Welle
Zusammen; es klingt am Mikrophon
Wie Niagarafälle;

Und wenn in die große Flamme fließt
Der Strom von meinen Thränen, —
Das auszuhalten am Mikrophon,
Dran muß man sich erst gewöhnen.

Anmerkung

Vom Stil und vom Thema, die Möglichkeiten neuer Technologien zu durchdenken, würden wir vermuten, daß das Gedicht von Alexander Moszkowski stammt, der neben Julius Stettenheim, teilweise sogar an dessen Stelle, wenn jener sich auf ausgedehnten Urlaubsreisen befand, die Artikel der „Berliner Wespen“ schrieb.

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