Das Mikrotroph

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Berliner Wespen, 14. Juni 1878

Soeben geht uns aus Amerika die Nachricht von einer Erfindung zu, welche voraussichtlich alles in jüngster Zeit auf diesem Felde Geleistete in den Schatten zu stellen berufen sein wird. Es beruht auf dem nämlichen Prinzip wie das Mikroskop und das Mikrophon, nur daß es nicht wie diese den Gesichts- resp. Gehörsinn, sondern den Geschmacksinn, an welchen bisher unverantwortlicher Weise Seitens der Erfinder noch gar nicht gedacht worden ist, zu dessen Vortheil täuschen will. Die geringste Probe irgend welchen Nahrungsmittels, welches an das Objectivende dieses Instrumentes gelegt wird, bringt auf die Zunge und den Magen des Beobachters die enormsten Wirkungen hervor. Vor der Sachverständigen-Commission wurden u. A. folgende Experimente angestellt: Auf den Objectentisch kamen: ein halbes Stör-Ei, ein Stückchen von einem Papier, worin Lachs eingewickelt gewesen war, und der Kork einer Sectflasche. Nun ließ man einen hungrigen Gourmand durch das Instrument hindurchschmecken, und binnen Kurzem versicherte der Feinschmecker, er entsinne sich nicht, jemals so vortrefflich dejeunirt zu haben. Ein Salzkorn verursachte bei einem zweiten Beobachter einen nur durch stundenlanges Wassertrinken zu stillenden Durst; ja noch mehr: ein Gran Speck erzeugte fast momentan Fettsucht bei einer dritten Person, die indeß durch Anwendung eines Tropfens Karlsbader Sprudels ebensoschnell wieder kurirt wurde. Schlimmer erging es dem Erfinder selbst, der sich nicht scheute, sich den Einflüssen einer winzigen Quantität Gilka durch das Mikrotroph auszusetzen, worauf er mit allen Symptomen des delirium tremens vom Platze geschafft werden mußte.

Anmerkung

Auch dieser Artikel, wie immer ungezeichnet, könnte von Alexander Moszkowski stammen, der sich gerne neue Erfindungen ausdachte. Julius Stettenheim ließ ihn oft im Sommer alleine. Hierüber und über die Anonymität ärgerte sich Moszkowski später so sehr, daß es zum Zerwürfnis zwischen ihm und Stettenheim kam. Er gründete daraufhin die „Lustigen Blätter“, die bis in die Weimarer Zeit eines der erfolgreichsten Satireblätter in Deutschland waren.

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