Das Argument der Libanisierung

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Vipul Naik stellt auf OpenBorders die Frage, ob der Libanon ein Beispiel für Gefahren von offenen Grenzen sein könnte: Lebanon and political externalities bleg (ein „bleg“ ist ein Blogpost, der eine Frage stellt und um Mithilfe der Leser bei der Beantwortung bittet). Ein derartiges Argument wird etwa von Steve Sailer auf der Website der restriktionistischen Organisation VDare aufgemacht, vgl. Diversity Is Strength! It’s Also … Lebanonization (siehe dazu auch das Update 1 im Artikel von Vipul Naik).

Es ist etwas ironisch, daß Sailer seinen Artikel mit der Bemerkung beginnt, daß der Libanon vor dem Bürgerkrieg als die Schweiz des Mittleren Ostens galt. Nach seiner Ansicht seien drei Faktoren für den Bürgerkrieg verantwortlich gewesen: ethnische Vielfalt, unterschiedliche Geburtenraten und Einwanderung. Aber das gilt ja auch für die Schweiz selbst, ohne daß es dort in der letzten Zeit zu einem Bürgerkrieg gekommen wäre oder einer nur anstünde.

Auch ohne größere Einwanderung — die Schweiz war im 19. Jahrhundert ein noch recht armes Land, aus dem eher ausgewandert wurde — kam es dort zuletzt und das einzige Mal 1847 zu einem kurzen Bürgerkrieg, dem Sonderbundskrieg mit weniger als 100 Toten. Der Konflikt verlief dabei nicht entlang ethnischer, sondern politischer und religiöser Linien (Liberale vs. Ultramontane und Protestanten vs. Katholiken). Der Bürgerkrieg im Libanon war weit ausgedehnter und blutiger. Er währte von 1975 bis 1990 und forderte nach unterschiedlichen Schätzungen 120.000 bis 150.000 Opfer, was etwa 3-4% der Bevölkerung entspricht.

Steve Sailer schreibt flott die Geschichte zusammen, ohne ein präzises Argument aufzubauen. Die Verbindung zwischen Einwanderung und dem Ausbruch des Bürgerkriegs bleibt von daher eher anekdotisch und assoziativ. Wir werden deshalb im folgenden sein Argument rekonstruieren müssen, um es dann diskutieren zu können. Vorweg würden wir aber gerne ein paar Punkte aufzeigen, die in dem Artikel nicht recht klar werden:

  • Die Einwanderung von Palästinensern erfolgte in mehreren Wellen. Soweit wir es verstehen, kam der größte Teil um das Jahr 1948. Damit wäre zu erklären, warum die Verschiebung in der Größe der religiösen Gruppen erst 1975 zu einem Bürgerkrieg führte und nicht schon viel früher. Beim schwarzen September 1970 wurde die PLO aus Jordanien rausgeworfen, nicht alle Palästinenser (ein großer Teil der Bevölkerung dort). Die PLO hatte nur eine Stärke von 30.000 bis 40.000 Mann, sodaß dies zu keiner dramatischen zahlenmäßigen Veränderung geführt haben sollte. Daß die PLO eine treibende Rolle spielte, den Bürgerkrieg anzufachen, würden wir nicht bestreiten. Aber dazu brauchte es keine demographische Verschiebung, sondern bloß eine derart skrupellos agierende, relativ kleine Organisation.
  • Offene Grenzen bedeutet, wie wir den Begriff verwenden, daß es einen starken Vorbehalt für freie Einwanderung gibt, der nur durch sehr starke Gründe außer Kraft gesetzt werden darf. Der Fall einer militärischen Organisation, die bereits in Jordanien den Staat zu übernehmen versucht hatte und das Land als Ausgangsbasis für Angriffe auf ein anderes Land nutzen würde, wäre unseres Erachtens ein ebenso starker Grund, wie es die Zurückweisung einer Okkupationsarmee wäre, die „einwandern“ will.
  • Es gab im Libanon keine offenen Grenzen in dem Sinne, daß die Zuwandernden sich frei überall niederlassen und Arbeit aufnehmen durften. Ganz im Gegenteil: die Palästinenser wurden in Lagern weggesperrt, ihnen wurde die Arbeit in sehr vielen Bereichen untersagt, was teilweise bis heute anhält. Sie wurden schon gar nicht Staatsbürger und erhielten auch nicht das Wahlrecht. Für Wahlen spielte eine Verschiebung durch ihren Zuzug also keine Rolle.
  • Man kann sich auch fragen, ob nicht gerade diese Beschränkungen verschärfend wirkten. Ohne sie hätten sich die Palästinenser im Land verteilt und hätten ein größeres Interesse daran gehabt, daß es nicht zu einem Bürgerkrieg kommt. Etwa 50.000 sind Christen, die sich unter anderen Umständen in einem religiös ausgerichteten Streit vielleicht eher mit den libanesischen Christen zusammengefunden hätten. So fixierten die Palästinenser sich auf den Kampf gegen Israel, konnten bei einem Bürgerkrieg nur wenig verlieren und waren damit ein Block, den die PLO ohne Rücksichten in den Bürgerkrieg einbringen konnte.
  • Das Argument über Geburtenraten ist zwar bei Leuten wie Sailer populär, wird aber im Artikel nicht näher ausgeführt. Wie auch bei anderen Gelegenheiten würden wir hier empfehlen: Do the math! In Wikipedia konnten wir folgende Angaben finden: „The fertility rate fell from 5.00 in 1971 to 1.75 in 2004. Fertility rates vary considerably among the different religious groups: in 2004 it was 2.10 for Shiites, 1.76 Sunnis and 1.61 for Maronites.“ Die Formulierung „considerably“ ist hier irreführend. Ein Unterschied von etwa 0,5 besteht auch zwischen Deutschland mit 1,39 und Frankreich mit 2,00 (Quelle: Wikipedia) und führt zu keiner schnellen Divergenz der Bevölkerungszahlen. Und eine Fertilität von 2,10 bei den Schiiten bedeutet nur, daß ihre Bevölkerung auf Dauer in etwa konstant bleibt. Eine überschlägige Rechnung (siehe unten) würde bei einer solchen Differenz von 1932 (letzte Volkszählung) bis 1975 (Beginn des Bürgerkriegs) nur zu einem Absinken des christlichen Anteils an der Bevölkerung von 53% auf 49% führen. Aber noch 1956 wurde der Anteil der Christen an der Bevölkerung auf 54% geschätzt (Quelle: Wikipedia). Über den kürzeren Zeitraum von 1956 bis 1975 ergibt sich mit derselben Rechnung bloß ein Absinken auf 52%. Heute gibt es nur noch 35% bis 40% Christen im Libanon. Auch das läßt sich nicht über die Geburtenraten erklären. Vielmehr würden wir vermuten, daß eine größere Abwanderung von Christen als Folge des Bürgerkriegs hierfür verantwortlich ist, die aber nicht gleichzeitig dessen Ursache sein kann.
  • Die zahlenmäßigen Verhältnisse sind nicht unbedingt so relevant. Ein Bürgerkrieg bricht nicht an dem Punkt aus, wo der Anteil der Christen von 50,1% auf 49,9% absinkt. Auch eine knappe (ja, sogar eine deutliche) Minderheit kann sich durchaus zutrauen, gegen eine Mehrheit die Oberhand zu behalten, z. B. weil sie in einem Bürgerkrieg über die größere Feuerkraft oder die Unterstützung äußerer Mächte verfügt. Eine Verschiebung um ein paar Prozent mag psychologisch einen Anlaß bieten („wir sind jetzt die Mehrheit und uns gehört deshalb die gesamte Macht“), aber ist nicht notwendig, damit die eine Gruppe auf die andere losgeht. Ein knappes Verhältnis reicht völlig aus, und das bestand im Libanon schon seit Jahrzehnten.

Gehen wir nun daran, das Argument von Sailer zu rekonstruieren. Wir streichen nach dem Vorstehenden den Punkt mit den unterschiedlichen Geburtsraten.

Wenn sein Argument ist, daß eine Einwanderung von 10% im Verhältnis zur ansässigen Bevölkerung unweigerlich oder doch wahrscheinlich zu einem Bürgerkrieg führt, dann ist das einfach falsch. Sehr viele Länder haben Einwanderung in dieser Dimension gehabt, ohne daß dies passiert wäre. Der Libanon ist eines der wenigen Beispiele, die uns einfallen, wo Bürgerkrieg und eine größere Einwanderung auch nur etwa in derselben Phase stattfanden, wenn man gestattet, daß die beiden Ereignisse etwa eine Generation auseinanderliegen dürfen. Der Schluß von der Korrelation zur Verursachung kommt hier nicht einmal bis zur Korrelation.

Wenn Sailers Argument ist, daß ethnische oder religiöse Diversität zu Bürgerkriegen führt, gäbe es mehr Anhaltspunkte für eine Korrelation. Uns fallen hier auf Anhieb z. B. der Bürgerkrieg in Sri Lanka zwischen Tamilen (Hindus) und Singhalesen (Buddhisten) ein oder der Bürgerkrieg in Jugoslawien zwischen Serben (Orthodoxe Christen), Bosniern (Moslems) und Kroaten (Katholiken).

Allerdings gibt es auch viele Beispiele von Bürgerkriegen ohne einen solchen Hintergrund, z. B. den amerikanischen Bürgerkrieg, oder bei denen andere Gründe im Vordergrund standen, wie etwa den spanischen Bürgerkrieg oder den Bürgerkrieg nach der Oktoberrevolution. Tatsächlich wurde der libanesische Bürgerkrieg auch aus politischen Gründen geführt (Falange vs. kommunistische Gruppierungen, Ausrichtung im Ost-Westkonflikt, Parteinahme zugunsten verschiedener äußerer Mächte wie Iran, Syrien, Iraq, usw.). Zu zeigen wäre von daher, daß die religiöse Fragmentierung des Libanon der Hauptgrund war. Wie Sailer selbst anführt, ergaben sich im Verlauf des Bürgerkriegs alle möglichen Allianzen, die sich nicht aus religiösen Motiven erklären lassen.

Und führt ethnische oder religiöse Diversität denn überhaupt regelmäßig zu Bürgerkriegen? So einfach ist es bestimmt nicht: Jedes beliebige westliche Land ist heute religiös und ethnisch diverser als es der Libanon 1975 war. Der Beweis ist ganz einfach: Es wurden in diesen Ländern Angehörige aller beteiligten libanesischen Gruppen aufgenommen, wozu noch zahlreiche andere ethnische und religiöse Gruppen aus anderen Richtungen kommen. Das allein kann also auch nicht der Grund sein. Die religiöse Diversivität des Libanons wurde durch den Zuzug der Palästinenser nicht erhöht, denn es gab auch vorher dort schon sunnitische und schiitische Moslems sowie Christen.

Um ein plausibles Argument zu bekommen, muß Sailer viel mehr an Annahmen machen. Ein wichtiger Punkt ist dabei nicht, wie viele unterschiedliche Gruppen es in einem Land gibt, sondern daß es mehrere Gruppen gibt, die alleine oder in Koalition stark genug sind oder wenigstens plausiblerweise annehmen können, stark genug zu sein, die anderen Gruppen zu unterwerfen.

Beispielsweise war es eine oft von den Kolonialmächten geübte Politik, staatliche Einheiten so abzugrenzen, daß sich verschiedene ethnische oder religiöse Gruppen gegeneinander ausspielen ließen, wobei man dazu neigte, eine eher etwas schwache Gruppe zu begünstigen, die wegen ihrer prekären Lage auf die Kolonialmacht angewiesen war. Wir wissen es nicht, könnten uns aber vorstellen, daß das auch im Vorlauf bei der Schaffung des libanesischen Staates eine Rolle gespielt hat. Man hätte das Land ja auch aufgrund der meist zusammenhängenden Siedlungsgebiete von vornherein in drei Länder mit jeweils überwiegend christlicher, sunnitischer und schiitischer Bevölkerung aufteilen können, vereint als Bundesstaat mit einer eher schmalen Zentralgewalt.

Eine Konstellation mit verschiedenen ähnlich starken Gruppen reicht für sich aber noch nicht aus, einen Bürgerkrieg wahrscheinlich zu machen. Wir verweisen wieder auf die Schweiz. Und auch bei allen Reibereien zwischen Wallonen und Flamen würden wir zwar eine Spaltung Belgiens für möglich halten, aber durchaus Wetten gegen einen regelrechten Bürgerkrieg annehmen.

Selbst wenn es so wäre, verliert damit das Argument stark an Bedeutung, wenn es gegen freie Einwanderung ins Feld geführt wird. Die meisten europäischen Ländern sind ethnisch und religiös sehr homogen mit einem Block an autochthoner Bevölkerung und überwiegenden Religionen von 80% bis 90% und mehr.

Man müßte durch Einwanderung nicht nur fast noch einmal so viele Menschen hinzufügen, um eine Konstellation mit etwa gleich großen Gruppen zu bekommen, die Hinzukommenden müßten untereinander dazu auch noch sehr homogen sein. Für Deutschland würde das bedeuten, daß eine homogene Gruppe von mindestens 60 Millionen zuwandert. Außer für Chinesen scheitert das schon an den Zahlen Auswanderungswilliger (weltweit nach Schätzungen etwa 700 Millionen oder gut 10% der Einwohner in weniger entwickelten Ländern), zumal wenn auch Einwanderung aus anderen Regionen dazukäme. Für Europa oder die USA geht das zahlenmäßig überhaupt nicht.

Zurück zum Libanon. Eine Konstellation mit verschiedenen ähnlich starken Gruppen kann nicht der einzige Grund gewesen sein, daß 1975 der Bürgerkrieg ausbrach. Schließlich hatte es die schon seit Jahrhunderten gegeben. Wenn dies allein schon eine labile Lage gewesen wäre, dann hätte ein Bürgerkrieg schon lange vorher ausbrechen sollen.

Es mußten noch weitere Punkte hinzukommen:

Zum einen mußte es attraktiv sein für gewisse Gruppen oder Koalitionen, einen Bürgerkrieg zu beginnen, d. h. es mußte eine Verbesserung ihrer Lage plausibel erscheinen. Das wurde durch die innere Struktur des libanesischen Staates mit einer institutionalisierten Vorherrschaft der Christen begünstigt, die andere Gruppen im Libanon durch die staatliche Ordnung zurücksetzten, nämlich libanesische Moslems sunnitischer und schiitischer Richtung und noch mehr Drusen und Palästinenser.

Das allein reichte aber immer noch nicht aus, sonst wäre es im Libanon ja schon früher zu einem Bürgerkrieg gekommen. Als weiteres Ingredienz fehlte überdies, daß sich die verschiedenen gegen den Status Quo gerichteten Gruppen halbwegs einig werden konnten und ein Sieg über die Christen nicht nur möglich erschien, sondern die Kosten durch einen Bürgerkrieg als relativ gering gegenüber den vermuteten Gewinnen erschienen. Die zunehmende Einmischung diverser Mächte von außen konnte es auch für alleine zu schwache Gruppen plausibel machen, daß sie sich durchsetzen würden.

Um es zusammenzufassen, für Sailers Argument muß in einem Land folgende Lage vorliegen:

  • Verschiedene Gruppen, die aus ethnischen, religiösen oder politischen Gründen, zusammenhalten und eine gewisse Sollbruchstelle zu anderen Gruppen haben.
  • Eine Konstellation, in der eine Gruppe oder eine Koalition (eventuell mit Unterstützung von außen) so stark ist, daß sie plausibel annehmen kann, die andere Gruppe oder Gruppen zu besiegen. Soweit es um eine Koalition geht, muß diese sich auch mit einer einheitlichen Agenda stabil formieren lassen, was von den zufälligen Gegebenheiten abhängt (die slawische Mehrheit in Österreich-Ungarn fand z. B. nie zusammen).
  • Eine Situation, in der eine solche Gruppe oder Koalition sich plausibel ausrechnen kann, ihre Lage deutlich zu verbessern. Vorbedingung dafür sollte zumeist sein, daß ein gemeinsamer Staat gewisse Gruppen systematisch stark zu Ungunsten anderer Gruppen begünstigt. Je weniger ein Staat so aufgebaut ist, daß er als Mittel der Unterdrückung einer Gruppe durch die andere dienen kann, d. h. je weniger er sich in die Gesellschaft und Wirtschaft einmischt, desto weniger ist zu gewinnen (Beispiel: Schweiz). Je mehr ein Staat als Mittel dienen kann und dient, desto mehr ist zu gewinnen (Beispiele: Österreich-Ungarn, Jugoslawien, Libanon).
  • Die Lage wird labil, sobald sich entweder die in Aussicht stehenden Gewinne oder die in Aussicht stehenden Kosten durch eine Auseinandersetzung deutlich verschieben, bzw. ein möglicher Sieg der bislang unterlegenen Seite überhaupt greifbar wird. Im Falle des Libanon spielte hier sicherlich die Unterstützung durch verschiedene auswärtige Mächte eine wichtige Rolle sowie die sich wandelnden Konstellationen des Ost-Westkonflikts mit seinen Stellvertreterkonflikten.

Wenn alle diese Voraussetzungen zutreffen, dann ist ein Land in eine labile Lage geraten, in der wohl fast jeder Anlaß einen Bürgerkrieg auslösen kann. Ein solcher Fall ist möglich, wie das Beispiel Libanon zeigt, aber nicht sehr häufig. Für kein europäisches Land können wir eine solche Situation diagnostizieren. Der Anlaß ist dann auch nicht die Ursache, sondern die labile Lage. Wären sich die verschiedenen Gruppen im Libanon einig gewesen, dann hätten Provokationen der PLO wohl eher dazu geführt, daß man diese in die Schranken gewiesen hätte.

Doch welche Rolle spielte die Einwanderung in dem Zusammenhang? Beispielsweise kann man den Bürgerkrieg in Jugoslawien gut unter dieses Schema packen (mit einer etwas anderen Zielrichtung, den Staat aufzuspalten): ein serbisch dominerter Zentralstaat, der andere Gruppen benachteiligt und abschöpft, die eine vergleichbare Stärke haben und deren Chancen sich nach dem Ende des Ost-Westkonflikts erfolgversprechender ausnahmen. Nur spielte dort Einwanderung keine Rolle. In allen anderen Fällen, die uns einfallen, war das genauso. Auch hier kommt die Argumentation von der Korrelation zur Verursachung nicht mal bis zur Korrelation.

Selbst für den Libanon sehen wir nicht, wieso ein Bürgerkrieg in dieser Lage nicht auch ohne Palästinenser im Land hätte ausbrechen können. Wir halten das sogar für recht wahrscheinlich. Die Gruppen, die den Status Quo ändern wollten, waren vorher schon im Land, sunnitische und schiitische Libanesen sowie Drusen, und stellten die Masse der Kämpfer. Ob das Hinzutreten der Palästinenser mit einer oft querliegenden Agenda (z. B. Auseinandersetzungen mit den Schiiten) als möglicher Juniorpartner die Kalkulationen der verschiedenen Gruppen wesentlich änderte, finden wir nicht offensichtlich.

Wie oben schon erwähnt, ist es auch nicht klar, ob nicht gerade die mangelnde freie Einwanderung für die Palästinenser die Lage verschärfte. Nach unserem Ermessen hätte der libanesische Staat zudem nicht die Einwanderung einer militärischen Organisation wie der PLO mit ausgewiesener Agenda dulden müssen. Hätte er dies unterbunden, dann wäre wohl sogar der Anlaß für den Bürgerkrieg entfallen. Es hätte sich aber dann möglicherweise einfach ein anderer finden lassen.

Insgesamt kommen wir zu folgendem Schluß: Unter gewissen speziellen Bedingungen, die vielleicht nicht mal für den Libanon zutrafen, kann eine starke Einwanderung den Anlaß für einen Bürgerkrieg liefern. Nur bei einer extrem starken Einwanderung, was für den Libanon nicht zutraf, könnte sie auch eventuell die Ursache sein, wenn andere Bedingungen hinzutreten. In diesem letzteren Fall könnte es vielleicht einen hinreichend starken Grund geben, Einwanderung zu begrenzen. Ein Pauschalargument gegen jede, auch deutlich höhere Einwanderung als jetzt läßt sich daraus aber nicht gewinnen.

Allerdings würden wir denken, daß andere Maßnahmen, die grundsätzlich labile Lage im Libanon zu beseitigen, wirkungsvoller gewesen wären. So wäre es wohl eine schlauere Politik der Christen gewesen, die möglichen Gewinne durch einen Bürgerkrieg für die anderen Gruppen zu senken. Im Rahmen des libanesischen Staates hätte man etwa Macht teilweise abtreten können. Mit einer stärkeren Beteiligung und den Interessen auf einer Linie hätten die Provokationen der PLO dann eher zu einer Auseinandersetzung aller Libanesen gegen die PLO geführt und nicht zu einem Bürgerkrieg untereinander.

Da der libanesische Staat aber auf Einmischung ausgelegt war, die die Christen bevorteilte, hätte ein teilweiser Machtverzicht die Gefahr für die Christen heraufbeschwören können, daß die Moslems dann den Spieß umgedreht hätten. Von daher hätten wir es für noch schlauer gehalten, wenn man sich die Schweiz wirklich zum Vorbild genommen hätte und das Land stark dezentralisiert, den Einfluß des Zentralstaates zurückgeführt sowie diesen drastisch verkleinert hätte.

Fazit

Unter gewissen Bedingungen könnte Einwanderung den Anlaß für einen Bürgerkrieg liefern, was aber, wenn wir nicht viel übersehen haben, eher selten der Fall ist. Unter noch stärkeren Annahmen, für die wir auf Anhieb kein Beispiel finden, könnte eine sehr starke Einwanderung zusammen mit weiteren Gründen auch die Ursache für einen Bürgerkrieg sein. Das Argument hat, selbst wenn man wohlwollend entgegenkommt, eine nur geringe Reichweite und kann nicht als allgemeines Argument gegen freie Einwanderung dienen.

Wenn man einiges zugesteht, könnte in einem solchen extremen Fall eine eng umrissene Beschränkung freier Einwanderung eventuell vertretbar sein. Wie in anderen Fällen wäre das aber gegen andere Lösungen abzuwägen, die ohne eine solche Beschränkung auskommen. In Frage kommt hier, daß man Begünstigungen gewisser Gruppen durch einen Zentralstaat zurückführt, diesen dezentralisiert und aus Gesellschaft und Wirtschaft zurückzieht sowie gezielt gegen militärische Verbände vorgeht, die einen Bürgerkrieg anschieben.

Überschlägige Rechnung

Wir nehmen die Geburtenraten für Deutschland und Frankreich von 8,33 und 12,77 pro 1000 Bewohner und runden diese auf 8 und 12. Wir gehen davon aus, daß es nur Geburten, aber keine Tode gibt, d. h. daß es bei den Toden keine nennenswerten Unterschiede gibt, die zu Verschiebungen führen. Aus 530 Christen (nach der Volkszählung von 1932) werden mit einer deutschen Geburtenrate über 43 Jahre (d. h. bis 1975) 747 Christen, aus 470 Moslems (nicht richtig, weil wir diesen auch die Drusen zuschlagen, die keine Moslems sind, und für alle die hohe Zahl für die Schiiten unterstellen) werden mit der französischen Geburtenrate 785 Moslems. Auch wenn das Niveau früher höher war, sollte diese Berechnung in etwa richtig bleiben, solange der Unterschied auch in der Vergangenheit in dieser Größenordnung lag.

Wir wissen nicht, wie die differenziellen Geburtenraten von Christen und Moslems in der Vergangenheit waren. Selbst mit einem doppelt so großen Abstand für Moslems wie für Christen von 16 zu 8 würde der Anteil der Christen nur auf etwa 45% über 43 Jahre sinken. Die neueren Zahlen deuten allerdings an, daß Sunniten und Christen sich kaum bei der Geburtsrate unterscheiden. Da nur die Hälfte der Moslems Schiiten sind, könnten die Unterschiede somit schon lange eher geringer als größer gewesen sein.

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