Eine der nächsten Weltausstellungen

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Berliner Wespen, 21. Juni 1878

Vorläufiger Bericht.

Der socialdemokratische Musterstaat überraschte Europa mit einer ganz neuen Idee, deren Ausführung alsbald in Angriff genommen wurde.

Hatte die Pariser Ausstellung die Absicht ausgeführt, der Welt zu zeigen, was die Republik zu leisten im Stande sei, und ihr zugleich einen Ueberblick über die Resultate der Arbeit zu gestatten, so beabsichtigte die Socialdemokratie etwas Aehnliches, nur mit dem wesentlichen Unterschiede, daß sie Europa zeigen wollte, was mit den Strikes herzustellen sei.

Die von der socialdemokratischen Regierung niedergesetzte Ausstellungscommission, an deren Spitze Herr Most stand, stellte sofort ihre Arbeiten ein und sandte ihre Mitglieder unter Gewährung reichlicher Diäten auf Agitationsreisen in’s Ausland.

Der Bau des Ausstellungspalastes schritt nur langsam vorwärts. Auf dem betreffenden Grundstücke wurde tüchtig gestrikt, höherer Lohn und kürzerer Normalarbeitstag gefordert. Sobald aber Beides gewährt worden war, mußte natürlich wieder etwas gearbeitet werden, damit abermals höherer Lohn und kürzerer Normalarbeitstag gefordert werden konnte. So wurde denn endlich das Gebäude nach jahrelangen Strikes fertig. Am Tage der Eröffnung betrug der Taglohn 300 Mark und hatte der Normalarbeitstag eine Länge von fast anderthalb Stunden.

So versicherte der „Deutsche Strikes-Anzeiger.“

Von der Regierung war der Antrag der Ausstellungscommission, während der Dauer der Ausstellung alle Fabriken und Werkstätten zu schließen, die Arbeitgeber aber zu verpflichten, die Löhne weiterzuzahlen, angenommen und zum Gesetz erhoben worden.

Durch einen unter den Cassirern, Controleuren, Aufsehern etc. im letzten Moment ausbrechenden Strike wurde zwar die Eröffnung der Ausstellung um etwa sechs Wochen verzögert, — sie hatten einen Antheil an dem zu erwartenden Gewinn verlangt und ihren Willen auch durchgesetzt, — dann aber fand dieselbe feierlich statt.

Die von Herrn Hasenclever verfaßte Rede in gebundener Sprache wurde nicht gehalten, nachdem Herr Most das Ueberflüssige alles Gebundenen klar nachgewiesen hatte.

Die Ausstellung selbst war, wie gesagt, die erste in ihrer Art, und so war daher nicht das Vollkommene zu erwarten. Immerhin aber erfüllte sie ihr Programm mit einer Tüchtigkeit der Leistungen, welche für die zweite und dritte Strike-Ausstellung das Vorzüglichste in Aussicht stellte.

Der aufmerksame und mit Verständniß betrachtende Besucher fand fast Alles, was die Strikes seit der Herrschaft der Socialdemokratie hervorgebracht hatten. Er genoß eines erschöpfenden Ueberblickes über alle Erzeugnisse der Industrie, welche durch das Einstellen der Arbeit eine bisher nicht geahnte Höhe des Halbfertigen erreicht hatte. Er konnte sich ein Bild von dem entwerfen, was Handwerk und Industrie einst liefern konnten, wenn dieselben, wie zu erwarten war, auf dem mit so großem Erfolg betretenen Wege der Strikes und Arbeitseinstellungen weiterschritten.

Es fehlt uns leider der Raum, über alle Gegenstände, welche die Ausstellung aufwies, eingehend zu berichten. Indem wir aber einzelne annähernd ausführlich schildern, wird man über den Charakter des Ganzen nicht mehr im Unklaren sein.

Halten wir uns zu diesem Zweck einen Augenblick in dem (leider nur mit einem Nothdach versehenen) Pavillon der Schneider und Schuster auf.

Die Herrengarderobe bestand aus halbfertigen Einzelnheiten, wie sie eben aus den Strikes hervorgegangen: aus Gehröcken, an denen ein Aermel fehlte, aus einbeinigen Hosen und aus Westen, an denen weder die Knopflöcher vorhanden, noch die Täschchen mit Futter versehen waren. Allgemeine Aufmerksamkeit erregte auch das Schuhwerk, besonders die Herrenstiefel, welche fast ausnahmslos entweder keine Sohlen, oder kein Oberleder aufzuweisen hatten.

Die ihre Erzeugnisse ausstellenden Tischler glänzten mit Tischen ohne Platten, und große Bewunderung erregten die Uhrmacher mit Uhren, an denen entweder kein Zifferblatt, oder kein Räderwerk zu bemerken war.

Siebe ohne Löcher, feuerfeste Schränke ohne Schlösser, Wagen ohne Räder, Stearinkerzen ohne Docht, Fässer ohne Boden, Glocken ohne Zunge, kurz, alle die tausend und abertausend Gegenstände, deren Gesammtheit die Industrie eines Reiches vorstellt, waren in großer Auswahl auf die Ausstellung geschickt, alle freilich in der angegebenen Weise durch die Strikes ein wenig unvollendet.

Wir überlassen es nun den fachmännischen Federn, sich über den Nutzen dieser Ausstellung und Erzeugnisse eingehend zu verbreiten.

Anmerkungen

  • „das Ueberflüssige alles Gebundenen“ – hier wird darauf angespielt, daß Johann Most dem Beruf nach Buchbinder ist
  • „300 Mark“ – eine Umrechnung in heutige Geldwerte ist nur bedingt möglich, überschlägig kann man einen Kurs von 1 Mark = 10 Euro annehmen. 300 Mark ist ein Jahresgehalt eines schlecht bezahlten Arbeiters auf dem Land. In den Städten wird eher besser verdient, durchaus auch über 1000 Mark, wohlgemerkt im Jahr und nicht am Tag.
  • Wir würden auf Alexander Moszkowski als Autor tippen. Er ist der ungenannte Mitarbeiter von Julius Stettenheim, der gerne im Sommer verreist und Moszkowski die „Berliner Wespen“ alleine machen läßt. Moszkowski neigt zu schärferen Artikeln als Stettenheim, der launiger an die Sache geht. In einem 1880 erschienen Artikel, später auch unter dem Namen Moszkowskis erschienen, geht es sehr ähnlich ebenfalls um eine Ausstellung, siehe: Die Steuer-Ausstellung (ein Bericht aus dem Jahre 1890)
  • Aus Sicht der Fortschrittler, denen die „Berliner Wespen“ unverkennbar nahestehen, erscheinen die Sozialdemokraten nicht als gefährlich, sondern bloß als lächerlich.

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