Aus der Waschzettel-Mappe

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Berliner Wespen, 28. Juni 1878

ReptiliusMan schickt uns den Folgenden:

Liberale Zeitungen aller Farben haben, allerdings in der Bedrängniß der ihren Schatten vorauswerfenden Saurengurkenzeit, den Heimgang des Königs von Hannover, den wir aufrichtig beklagen, in gewohnter Weise zu einer Polemik gegen die bestehenden Staatseinrichtungen benutzt. Das Grabgewölbe hatte die irdischen Reste des Verewigten noch nicht aufgenommen, als die bezeichneten Journale auch schon auf die Nothweudigkeit hinwiesen, mit dem Herzog von Cumberland Frieden zu schließen.

Wir würden in diesem Verlangen mit Vergnügen und Genugthuung die Neigung der bezeichneten Presse erblicken, einmal wieder mit so lange an ihr vermißtem versöhnlichen Sinn die Dinge und Ereignisse zu betrachten, wenn uns diese Anschauung gestattet wäre. Leider wäre diese Auffassung eine irrige.

Denn dieses betäubende Geschrei, Frieden mit der Welfenpartei zu schließen, geht einfach aus dem Bestreben hervor, der Regierung das von ihr verwaltete Vermögen des verstorbenen Königs zu entziehen und somit die nützliche Verwendung des aus demselben hervorgehenden Zinsenfonds zum Nutzen des Staats.

Mit Einem Wort: Man will der Regierung eine derjenigen Vertheidigungswaffen nehmen, auf welche sie jetzt mehr als jemals angewiesen ist. Man begehrt die Auflösung des von der liberalen Presse „Reptilienfonds“ genannten Schatzes.

Man versucht, die Regierung zu entwaffnen, um sie solchergestalt ihren Feinden in die Hände zu liefern!

In welchen Abgrund blicken wir!

Aber die gutgesinnten Bürger dürfen mit Ruhe in die Zukunft blicken. Die Regierung wird sich ganz gewiß dem Entgegenkommen des Erben des Königs Georg gegenüber nicht abwehrend verhalten, im Gegentheil ist sie im Interesse des Gemeinwohls geneigter, einen Frieden mit den Widersachern einzugehen, als diese es zu sein scheinen. Aber sie wird sich doch niemals bestimmen lassen, sich selbst zu entwaffnen, indem sie, falls sie das beschlagnahmte Vermögen ausliefert, auch die Bestrebungen fallen läßt, in den zu ihr haltenden Organen das Publikum aufzuklären und zu ermuntern.

Ist sie genöthigt, sich der ihr bisher zu Gebote stehenden Mittel zu entäußern, so wird sie dieselben zu ersetzen haben, und der Ersatz wird sich schon mit Hülfe derjenigen finden, die vor Allem wünschen, daß Preußen „bis an das Ende aller Dinge“ nicht ein Spielball in den Händen seiner inneren Feinde werde!

Schön gesagt.

Dr. Reptilius.

Hintergrund

1866 stellt sich der König von Hannover Georg V. auf die Seite von Österreich im Krieg gegen den von Preußen geführten Norddeutschen Bund. Preußen annektiert daraufhin sein Königreich. Aber der König will seinen Anspruch nicht aufgeben, weshalb sein Vermögen beschlagnahmt wird. Angeblich soll es dazu verwendet werden, die Umtriebe des welfischen Königs zu untergraben, auch wenn diese reichlich fiktiv bleiben. Wie es der preußische Ministerpräsident Otto Bismarck ausdrückt, wolle man das „Reptil“ bis in seine Höhle verfolgen.

Allerdings erweist sich der außerhalb des Budgets stehende Welfenfonds dann in Wirklichkeit als eine praktische Quelle, aus der Bismarck seine Pressepolitik finanziert. Zeitungen werden aus seinen Mitteln gekauft und Auftragsjournalisten unterstützt, die stramm im Sinne der Regierung nach „Waschzetteln“ die Talking Points Bismarcks in die Öffentlichkeit lancieren. Eugen Richter nimmt das Wort des Kanzlers auf und tauft den Welfenfonds in „Reptilienfonds“ um. Während Bismarck die im Dunkeln kriechenden Welfen als Reptilien angriff, verschiebt sich nun die Bedeutung dahin, daß die servilen reaktionären Journalisten als Reptilien bezeichnet werden. Sie werden in Karikaturen demgemäß meist als Krokodile dargestellt.

1878 löst Bismarck nach zwei Attenaten auf den Kaiser den Reichstag auf. Für Juli 1878 stehen Neuwahlen an, und die Reptilienpresse zieht gegen die Liberalen vom Leder, sowohl die Fortschrittspartei als auch die Nationalliberalen, die sich dem Wunsch Bismarcks verweigert haben, ein Gesetz gegen die Sozialdemokraten zu erlassen. Die „Berliner Wespen“ haben als Sprachrohr der Regierung den als Krokodil dargestellten Dr. Reptilius erfunden, um diese Umtriebe zu kennzeichnen.

Siehe auch:

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