Würde der Droschken

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Berliner Wespen, 28. Juni 1878

Ehret die Droschke der zweiten Classe
Mit ihrem Gaul von bescheidener Race
Und ihrem Kutscher, der, schläfrig und müd’,
Sitzend auf seinem gebrechlichen Bocke,
Schlage auch, was sie wolle, die Glocke,
Schließet der Aeugelein zwiefaches Lid.

Doch die Droschke erster Classe
Schweift hinaus nach Weißensee,
Wo des Volks bewegte Masse
Unabsehbar bildet Queue;
Zu dem Traberclub gehört sie,
Um die Wette geht es heut,
Und im Carriere fährt sie,
Wenn es sein muß, meilenweit.

Aber die Droschke zweiter Classe
Auf dem holprigen Pflaster der Gasse
Uebereilet sich nimmermehr;
Langsam, bedächtig, ruhig und weise
Fährt sie den Bürger für mäßige Preise,
Und sie verzichtet auf Siege und Ehr‘.

Ringsum Kies und Funken stieben,
Kommen Droschken „erster“ an,
Um ein steeple chase zu üben
Und ein Handicap alsdann;
Wie ein Held und Triumphator
Wird der Kutscher rings begrüßt,
Während am Totalisator
Man die höchsten Wetten schließt.

Aber die Droschken zweiter Güte
Schließen sich mit bescheidnem Gemüthe
Diesem verwerflichen Treiben nicht an,
Lassen die andern um Preise sich sputen,
Bleiben bei ihrem Wahlspruch, dem guten,
Welcher da heißt: Immer langsam voran!

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