Europäischer Polizeibericht der Berliner Wespen

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Berliner Wespen, 28. Juni 1878

Wie wir hören, haben nun auch die subalternen Beamten des Reichskanzleramts in Art der Arbeitgeber beschlossen, durch Anschlag in den verschiedenen Bureaux der höheren Collegen diese aufzufordern, sich von alIen socialdemokratischen Agitationen fernzuhalten, keine socialdemokratischen Zeitungen zu lesen und solche und ähnliche Wühlereien nicht mit baaren Mitteln zu unterstützen. — Die Folgen der Zugeknöpftheit der Kongreßmitglieder zeigen sich bereits in ganz Deutschland an dem seit einigen Tagen umwölkten Horizont. Dies erklärt sich dadurch, daß in Berlin das Blaue vom Himmel heruntergelogen worden ist. — Dem Persischen Löwen- und Sonnenorden ist vor etwa acht Tagen nach einem Diner bei der Exkönigin Isabella in Paris der Paul de Cassagnac zugestoßen. — Wie wir versichern können, ist der Angriff des Bismarckschen Hundes auf den russischen Bevollmächtigten ohne nachtheilige Folgen für den Ueberfallenen geblieben. Nur ist und bleibt es unerklärlich, daß der genannte Hund zu dem Congreß ohne Maulkorb zugelassen werden konnte. — In der Kottbuserstraße in Berlin soll wieder ein neues Theater im Anzuge sein. — Unter den Reptilien herrscht große Furcht vor einem zwischen Preußen und dem Herzog von Cumberland drohenden Frieden.

Erläuterungen

  • Während Bismarck versucht, ein Sozialistengesetz durchzudrücken, nehmen er uns seine Mitarbeiter immer wieder gerne die sozialistischen Schlagworte auf, wenn es darum geht, das neue staatssozialistische Programm des Kanzlers zu rechtfertigen.
  • Seit Mitte Juni 1878 findet der Berliner Kongreß statt, auf dem die Großmächte die Lage auf dem Balkan nach dem russisch-türkischen Krieg von 1877-1878 regeln möchten. Allerdings dringt nichts von den Verhandlungen an die Öffentlichkeit, sodaß es zu vielen falschen Berichten kommt.
  • Paul de Cassagnac ist der Führer der Bonapartisten in Frankreich. Isabella II. ist die vormalige spanische Königin, nun im Exil. Der Sonnen- und Löwenorden ist eine Auszeichnung für Ausländer, die sich um Persien verdient gemacht haben.
  • Am 12. Juni 1878 ist König Georg V. von Hannover und Herzog von Cumberland im französischen Exil gestorben. Er hatte sich 1866 auf die Seite von Österreich gestellt, woraufhin Preußen sein Land annektierte. Da Georg V. nicht auf den Thron verzichten wollte, wurde sein Vermögen beschlagnahmt und als sogenannter „Welfenfonds“ verwaltet, aus dem Abwehrmaßnahmen finanziert werden sollten, in den Worten Bismarcks: um das „Reptil“ bis in seine Höhle zu verfolgen. Allerdings erweist sich der geheime Fonds als willkommene Quelle, um insbesondere die Presse im Sinne der Regierung zu beeinflussen. Eugen Richter dreht dann das Wort Bismarcks um und tauft den Welfenfonds in „Reptilienfonds“ um. Gemeint sind nun die servilen Journalisten, die ab da als Reptilien bezeichnet und auch in Karikaturen als solche dargestellt werden. Ihre größte Sorge ist es, daß der Kronprinz und Herzog von Cumberland Ernst August von Hannover auf den Thron verzichten könnte, womit der Welfenfonds und damit ihre finanzielle Grundlage entfallen würde.

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