Die Minutenminister

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Berliner Wespen, 28. Juni 1878

(Aus einem demnächst einzuführenden Geschichtsunterrichtsbuche für die Ober- und Mittelklassen der türkischen Gymnasien.)

….. An diesem Tage um 10 Uhr Vormittags seufzte das ganze Land unter der Mißwirthschaft des damaligen Großveziers Barbarides Efendi auf, eines Mannes, der wie Keiner zuvor das Recht des Bürgers mit Füßen trat, Verordnungen auf Verordnungen erließ, welche dem Handel, der Industrie, dem Wohlstand und der Bildung fast unheilbare Wunden schlugen und dies schändliche Geschäft bereits seit 9 Uhr Vormittags, der Zeit seines Amtsantritts, trieb. Aber die Rache ereilte ihn 5 Minuten später, da ein Ferman des Sultans seinem Treiben ein Ende machte: es folgte das Großvezirat des

Streber Pascha (10 Uhr 5 Min. — 11 Uhr 7 Min.) Noch war Zeit, das unglückliche Land zu retten, und wenn Einer der Mann dazu war, so war es Streber Pascha. Dieser wandte sein Hauptaugenmerk der Reorganisation des türkischen Finanzwesens zu, welche er gegen 1/2 11 fix und fertig im Kopfe hatte. Das Land athmete auf, und eine neue Morgensonne osmanischer Herrlichkeit schien 5 Minuten vor 11 Uhr auizugehn. Aber die Camarilla ruhte nicht. Schlag 11 Uhr umgarnte sie das Herz des Sultans, dessen nächst folgender Ferman die Ernennung seines Günstlings

Mehemet Ignoranti (11 Uhr 7 Min. — 1/4 auf 3) enthielt. Dieser Mann, ein Grieche von Geburt, hatte, von seinem reichen Vater für die diplomatische Carriere bestimmt, die höheren Bildungsanstalten von Athen und weiterhin die Universitäten von Berlin und Bonn, sowie die Faculté de droit zu Paris geschwänzt. Die erste Stunde schien es, als ob er das Vezirat im Geiste seines großen Vorgängers fortführen würde; allein kaum hatte er das Jubiläum seiner 50 minütlichen Amtsthätigkeit gefeiert, als er anfing, absolutistischen Neigungen zu fröhnen und das Land an den Rand des Verderbens zu führen. Inzwischen ruhten die Intriganten nicht, die dem Sultan vorredeten, Mehemed strebe nach dem Throne. Aber diesmal hatten sie schwere Arbeit, denn Mehemed stand fest in der Gunst seines Herren, und es bedurfte der Anstrengung voller zweier Stunden Seitens des Serails, um ihn zu stürzen. Ihm folgte

Alkohol Pascha (1/4 auf 3 — 5 Min. vor 6). Dieser hatte bei Uebernahme der Geschäfte gerade stark gefrühstückt und regierte die ersten anderthalb Stunden gar nicht, in Folge dessen sich das Land äußerst wohl befand und eine Epoche der Glückseligkeit durchmachte, wie sie seit Soliman II. nicht erlebt worden war. Aber wiederum begann die Camarilla, der langen Unthätigkeit müde, ihre Maulwurfsarbeit. Sie machte dem Sultan um 5 Uhr klar, daß der derzeitige Minister bereits als solcher abgewirthschaftet sei, und daß es im Interesse des Staates läge. eine neue, noch nicht abgenutzte Kraft an’s Ruder zu bringen. Die Folge davon war, daß Alkohol sein Diner bereits in der Verbannung einnahm. Schlimmer erging es seinem Nachfolger

Mustapha Nebbich Efendi, dessen Amtsdauer sich auf minus 10 Minuten belief. Dieser eigenthümliche und selbst in der Geschichte des ottomanischen Reiches vereinzelte Fall erklärt sich dadurch, daß sein Ernennungspatent einem gewöhnlichen Boten, sein Entlassungsdekret hingegen einem reitenden Feldjäger zur Beförderung übergeben wurde, welches letztere mithin, obgleich später ausgefertigt, noch früher und zwar um 10 Minuten früher den beklagenswerthen Adressaten davon in Kenntniß setzte, daß er soeben von einer Höhe gestürzt worden sei, auf der er sich nicht entsann, jemals gestanden zu haben.

Erläuterungen

Sultan Abdul Hamid II. regiert seit dem 31. August 1876 das osmanische Reich, das im Krieg von 1877-1878 gegen Rußland eine Niederlage erleidet. Nachdem er von 1876 bis 1877 kurzzeitig eine neue Verfassung und ein Parlament zugelassen hat, regiert er mittlerweile autoritär. In schneller Abfolge bekleiden seine Günstlinge die höchsten Staatsposten.

Allerdings sollte dem zeitgenössischen Leser auch die Ähnlichkeit zu Bismarcks zunehmend autoritärer Herrschaft ins Auge springen. Der Kanzler serviert ebenfalls in kurzer Folge seine Minister ab und besetzt hohe Posten vorzugsweise mit servilen Beamten.

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