Wie gefährlich ist etwas?

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Nehmen wir an, Sie hören, daß eine schwere Krankheit jedes Jahr 8 Menschenleben in Deutschland fordert oder 80 oder 800. Sollten Sie sich persönlich davon bedroht fühlen?

Intuitiv könnte man an die Frage herangehen und sich die Opfer vorstellen. Jedes von ihnen ist ein Schicksal. Und acht Opfer wäre etwa die Zahl, wie sie bei einem Amoklauf vorkommen könnte, 80 wäre schon ein regelrechtes Massaker. Und erst recht wären 800 eine beeindruckte Zahl, die eine größere Halle füllen würden. Sollten Sie sich also von so etwas Schrecklichem persönlich bedroht fühlen?

Natürlich macht es keinen Sinn auf die absolute Zahl zu schauen. Warum nicht, kann man daran sehen, wenn man an die Stelle von „in Deutschland“ beispielsweise „in der Welt“ setzt. Von derselben Zahl sollten Sie sich weltweit natürlich weniger bedroht fühlen. Und würde es heißen „in einem Dorf von 800 Seelen“, dann sollten Sie sich wohl große Sorgen machen.

Worauf es ankommt für die Bedrohung ist nicht die absolute Zahl, auch wenn diese sich besser vorstellen läßt, sondern die Rate, mit der sie betroffen sein könnten. Sie müssen die Anzahl ins Verhältnis setzen zu den Leuten, denen etwas passieren könnte. Übersetzt heißt dies: 8 Opfer in Deutschland wäre eine Rate von 1 zu 10 Millionen, 80 Opfer eine von 1 zu 1 Million und 800 Opfer eine von 1 zu 100.000.

Nun ist es aber schwierig, sich ein Bild von solchen Verhältnissen zu machen. 1 zu 1 Million wäre sprichwörtlich etwas, was Ihnen nur alle Jubeltage einmal passiert. Doch stimmt das? Und wie besorgt sollten sie bei einer Rate von 1 zu 100.000 sein? Die menschliche Intuition ist nicht eben gut entwickelt, mit derartigen Größen umzugehen.

Der Unterschied von „etwas passiert sicher“ und „etwas passiert mit einer Rate von 1 zu 100“ ist offensichtlich groß. Hingegen verschwimmen die Verhältnisse, wenn Sie versuchen, sich den Unterschied zwischen „1 zu 100.000“ und „1 zu 10.000.000“ zu vergegenwärtigen. Dabei ist der Abstand genauso ein Faktor von 100.

Deshalb schlagen wir folgende überschlägige Herangehensweise vor, mit der man Raten greifbar machen kann. Es sei betont, daß es nur darum geht, sich einen ungefähren Begriff zu bilden. Größere Präzision wäre schön. Man muß nur bedenken, daß bereits eine grobe Verbesserung schon ein Fortschritt ist, wenn man ansonsten nur im Nebel stochert.

Wir arbeiten mit runden Zahlen, damit es einfacher wird. Zunächst einmal möchten wir die Vorstellung konkreter machen, wen es treffen könnte. Wir stellen dazu folgende Liste auf:

  • 1 = Sie sind ein Mensch: „Ich“.
  • 10 = Sie haben zehn Menschen, die ihnen sehr nahe stehen, z. B. ihre engere Familie und ihre allerbesten Freunde: „Mein engster Kreis“.
  • 100 = Sie haben hundert Menschen, mit denen Sie eine engere Verbindung haben, etwa ihre Freunde, nicht nur die allerbesten, und gute Bekannte: „Mein Freundeskreis“.
  • 1000 = Sie kennen tausend Leute, meist aber auch nur recht flüchtig: „Mein weiterer Bekanntenkreis“.

Natürlich trifft das nicht genau so auf Sie zu: Sie haben vielleicht eher einen engsten Kreis von 15 Leuten oder kennen lose 1200 Menschen. Uns geht es nur um die grobe Größenordnung. Und es ist eher unwahrscheinlich, daß Sie 100 Menschen haben, die sie zu ihrem engsten Kreis zählen. Warum?

Sie haben nur etwa 50 Wochen im Jahr. Wenn Sie diese Zeit auf 100 Leute verwenden, dann ist das nur etwa eine halbe Woche pro Person im Jahr, selbst wenn Sie alle gleich bedenken. Aber das paßt nicht gut damit zusammen, daß sie mit jedem der 100 sehr intensiv, andauernd und ungeteilt zu tun haben. Ähnlich verhält es sich mit Ihren 1000 Freunden auf Facebook. Diese müssen sich auf 365 Tage verteilen, sodaß sie im Mittel nur ein paar Stunden pro Jahr ihrer Aufmerksamkeit ungeteilt bekommen werden.

Man kann bestimmt über Verbesserungen diskutieren, aber von der groben Richtung her — und mehr wollen wir hier gar nicht — sollten die obigen Bezeichnungen halbwegs treffend sein und dem entsprechen, was Sie intuitiv darunter sofort verstehen.

Gehen wir nun den anderen Teil an, nämlich wie oft etwas passiert:

  • Etwas passiert einmal in 1.000 Jahren = „Das wird mir wohl nie passieren.“
  • Etwas passiert einmal in 100 Jahren = Sie leben hoffentlich lange und das heißt dann: „Das kann mir in meinem Leben mal passieren oder auch nicht.“
  • Etwas passiert alle 10 Jahre = „Das passiert mir ab und zu mal in meinem Leben.“
  • Etwas passiert jedes Jahr = „Das passiert mir jedes Jahr einmal.“
  • Etwas passiert 10 Mal im Jahr = „Das passiert mir etwa einmal im Monat.“
  • Etwas passiert 100 Mal im Jahr = „Das passiert mir zweimal die Woche.“
  • Etwas passiert 1000 Mal im Jahr = „Das passiert mir mehrmals am Tag.“

Fassen wir die beiden Sachen nun zusammen und gehen verschiedene Raten durch:

1 zu 1 Million

Wir können eine solche Rate wie folgt übersetzen: „Jemandem aus meinem weiteren Bekanntenkreis“ (einer von 1000) „passiert das etwa alle 1.000 Jahre“. Wie wir oben schon bemerkt haben, ist eine solche Rate sprichwörtlich dafür, daß Ihnen das eigentlich nicht passiert. Und das paßt: Nicht einmal jemandem aus ihrem weiteren Bekanntenkreis wird das wohl in Ihrem Leben je passieren (was nicht heißt, daß es nicht passieren kann, nur daß Sie nicht eben damit rechnen sollten).

1 zu 100.000

Eine solche Rate läßt sich übersetzen als „Jemandem aus meinem weiteren Bekanntenkreis“ (einer von 1000) „passiert das etwa alle 100 Jahre“. Da Sie lange leben, können Sie also damit rechnen, daß Ihnen das in ihrem weiteren Bekanntenkreis mal in ihrem gesamten Leben vorkommt, auch wenn es durchaus sein kann, daß es auch nicht passiert. Oder wir können es auch übersetzen als: „Jemandem in meinem Freundeskreis“ (einer von 100) „passiert das etwa alle 1000 Jahre“. Hier sollten Sie Ihre Sorgen eher in Grenzen halten, noch mehr für Ihren engsten Kreis oder für sich selbst.

Wir würden sagen, daß Sie ein solches Risiko nicht komplett ignorieren können, aber sich auch eigentlich nicht davon bedroht fühlen sollten. Es liegt noch gerade möglicherweise am Rande Ihres Gesichtsfeldes.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel: die Rate von Tötungsdelikten in europäischen Ländern liegt etwa bei 1 zu 100.000, in Deutschland sogar etwas darunter. Ja, Sie können soetwas einmal in Ihrem Leben vielleicht in ihrem weiteren Bekanntenkreis mitbekommen. Aber auch gut möglich, daß das nicht passiert. Das ist durchaus ein anderes Bedrohtheitsgefühl, als wenn Sie von 800 Tötungsdelikten in Deutschland hören und sich diese große Zahl vergegenwärtigen. Oder wenn sie über mehrere Morde in Berichten aus ganz Deutschland in der Presse lesen oder einen durchschnittlichen Krimi schauen.

Aber in den USA ist es viel schlimmer, da liegt die Rate etwa bei 4,8 zu 100.000! Jeder, der dramatisieren möchte, der würde hier natürlich betonen, daß die Rate in großen Lettern FÜNFMAL so hoch ist wie bei uns. Aber mit obiger Überlegung sehen Sie, daß sich das übersetzen läßt in: „Jemandem aus meinem weiteren Bekanntenkreis“ (einer von 1000) „passiert das etwa alle 20 Jahre“.

Immer noch nicht wirklich dramatisch, als wenn Ihnen die Kugeln um die Ohren fliegen. Falls Sie und Ihr gesamtes Umfeld in den USA lebten, dann wird Ihnen das vielleicht schon das eine oder andere Mal in Ihrem Leben passieren. In jedem engeren Kreis werden Sie das vermutlich nie zu Gesicht bekommen. Vielleicht können Sie sich nun besser vorstellen, wieso Amerikaner nicht in Panik geraten und man in Deutschland zwar eine höhere Sicherheit hat, aber in den USA auch eine sehr hohe.

1 zu 10.000

Wir können diese Rate auf zwei Weisen übersetzen: „Jemandem aus meinem weiteren Bekanntenkreis“ (einer von 1000) „passiert das etwa alle 10 Jahre“ oder etwas ungenauer „passiert das ab und zu mal in meinem Leben“. Sie sollten also schon damit rechnen, daß Ihnen ein solches Ereignis in Ihrem weiteren Gesichtsfeld unterkommt. Mehr aber auch nicht.

Oder Sie können die Rate übersetzen als „Jemandem in meinem Freundeskreis“ (einer von 100) „passiert das vielleicht einmal irgendwann in meinem Leben.“ Das ist zwar etwas näher, aber dafür auch eher ein ungewöhnliches Ereignis. Und es wirkt ganz anders, als wenn Sie sich 8.000 Leute vorstellen, die betroffen sind.

Wieder ein konkretes Beispiel: Hannover hatte vor etwa zehn Jahren einmal eine Mordrate von ungefähr 10 auf 100.000 Einwohner oder von 1 zu 10.000. Das wird wie bei anderen Städten überzeichnet, weil es viele Zugereiste gibt, die zwar Opfer oder Täter werden, doch nicht in der Stadt wohnen, deren Bevölkerung zum Vergleich herangezogen wird.

Selbst wenn diese Rate immer in Hannover gelten sollte und Sie und Ihr gesamtes Umfeld dort leben, dann sollten Sie das zwar nicht ganz auf die leichte Schulter nehmen, aber doch auch nicht übermäßig verängstigt sein. Wenn Sie sehr sensibel sind, dann würden wir empfehlen, bei Ihrem nächsten Urlaub Hannover auszulassen und lieber in die friedlicheren USA zu verreisen. Auch sollten Sie auf Ihrer Zeitmaschine eher nicht das Fahrtziel „Mittelalter“ einstellen, denn zu jenen Zeiten lagen die Mordraten etwa im Bereich von 1 zu 10.000 und darüber.

1 zu 1.000

So langsam wird es interessant, und Sie sollten sich vielleicht doch ein paar Gedanken machen. Eine Rate von 1 zu 1.ooo läßt sich so übersetzen: „Jemandem in meinem weiteren Bekanntenkreis“ (einer von 1.000) „passiert das etwa einmal im Jahr“. Mit anderen Worten: ein solches Ereignis gehört nun zu Ihrem Leben dazu.

Oder übersetzen wir es anders: „Jemandem aus meinem Freundeskreis“ (einer von 100) „passiert das ab und zu mal in meinem Leben“. Oder man könnte es auch so umschreiben: „Jemandem aus meinem engsten Kreis“ (einem von 10) „passiert das vielleicht einmal in meinem Leben oder auch nicht“. Das Risiko ist also schon recht nah an Sie herangerückt und Sie werden damit rechnen müssen, daß Sie einiges an Leid auch aus  unmittelbarer Nähe mitbekommen werden.

Wieder ein konkretes Beispiel: eine Rate von 100 Toten auf 100.000 Einwohner oder 1 zu 1.000 gibt es in den gewalttätigsten Städten der Welt, etwa in gewissen mexikanischen Städten, in denen der Drogenkrieg tobt, oder in Caracas in Venezuela. Auch in den gewalttätigsten Phasen des Mittelalters konnte die Mordrate auf eine solche Höhe ansteigen.

Mit der Übersetzung oben kann man sich etwas vorstellen, was das bedeutet. Es bedeutet aber immer noch nicht, daß Sie selbst andauernd um Ihr Leben fürchten müßten. Das erklärt vielleicht, warum die meisten Leute nicht einfach aus diesen sehr gewalttätigen Städten wegziehen.

1 zu 100

Jetzt wird es langsam ernst. Wir können eine solche Rate übersetzen als: „In meinem weiteren Bekanntenkreis“ (einer von 1.000) „passiert das etwa einmal im Monat“. Oder man kann es auch so ansehen: „Jemandem in meinem Freundeskreis“ (einer von 100) „passiert das etwa einmal im Jahr“. Oder: „Jemandem in meinem engsten Kreis“ (einem von 10) „passiert das immer mal wieder in meinem Leben“. Oder aber: „Mir“ (einer von 1) „passiert das vielleicht mal in meinem Leben“.

Das ist nun das erste Mal eine Dimension, wo wir Ihnen recht geben würden, wenn Sie sich Sorgen machen. Selbst wenn Sie sich selbst vielleicht nur mäßig bedroht fühlen würden, müssen Sie damit rechnen, daß es häufig in Ihrem Umfeld einschlägt, bis hin zum engsten Kreis, mit dem Sie sich umgeben.

Wieder ein konkretes Beispiel: Eine Rate von etwa 1 zu 100 pro Jahr war etwa das Risiko, in der Sowjetunion unter Stalin getötet zu werden.

1 zu 10

Jetzt verstehen wir Ihre Panik. Eine Rate von 1 zu 10 läßt sich so übersetzen:

  • „Jemandem aus meinem weiteren Bekanntenkreis“ (einer von 1.000) „passiert das etwa zweimal pro Woche“.
  • „Jemandem aus meinem Freundeskreis“ (einer von 100) „passiert das etwa einmal im Monat“.
  • „Jemandem aus meinem engsten Kreis“ (einer von 10) „passiert das etwa einmal im Jahr“.
  • „Mir passiert das in zehn Jahren.“ (Oder natürlich auch früher oder später, schließlich ist ja immer noch der Zufall dabei.)

Wenn Sie ein konkretes Beispiel haben möchten, würden wir Ihnen nur zurufen: Herzlich willkommen auf den Killing Fields der Roten Khmer!

1 zu 1

Wenn Sie bei der Rate noch keine Angst bekommen haben, dann aber jetzt. Oder Sie sind ein völlig abgestumpfter Psychopath. Wir übersetzen:

  • „Jemandem aus meinem weiteren Bekanntenkreis“ (einer von 1.000) „passiert das mehrmals am Tag“.
  • „Jemandem aus meinem Freundeskreis“ (einer von 100) „passiert das etwa zweimal die Woche“.
  • „Jemandem aus meinem engsten Kreis“ (einer von 10) „passiert das etwa jeden Monat“.
  • „Mir passiert das in einem Jahr.“

Mit anderen Worten: Sie sehen sich selbst einer Todesstrafe gegenüber, die bald vollstreckt wird. Und vorher werden Sie auch noch den Tod vieler Menschen bis in ihren engsten Kreis hinein mitbekommen. Konkrete Beispiele wären: die Einlieferung in ein Lager, das das Ziel hat, Sie zu vernichten, oder die Abordnung zu einem Strafbattailon, das früher oder später ins Feuer geschickt wird, um verheizt zu werden.

Referenzen für die Zahlen im Text:

  • Die Rate der Tötungsdelikte (homicides) liegt für Deutschland bei 0.8 auf 100.000 Einwohner, vgl. Wikipedia. Ähnliche Raten haben auch die meisten anderen europäischen Länder mit mäßigen Ausreißern in Finnland (2,2 pro 100.000) und Luxemburg (2,5 pro 100.000) und deutlich höheren Raten im Baltikum, z. B. in Estland und Litauen mit 5,2 und 6,6 pro 100.000. Die Rate für die USA liegt bei 4,8 pro 100.000.
  • 2002 lag die Mordrate in Hannover bei 9,9 pro 100.000, vgl. Abendblatt. Die Raten für Deutschland sind gesunken, eine Rate von 3,2 pro 100.000 erscheint etwas hoch, möglicherweise sind versuchte Taten einbezogen. Da es nicht um die exakten Zahlen geht, haben wir das nicht weiter ausrecherchiert.
  • San Pedro Sulas in Honduras hatte 152 Morde pro 100.000. Ciudad Juarez in Mexiko 149, Caracas 99, vgl. TourExpi.
  • Zu den Zahlen für mittelalterliche Mordraten siehe: New York Times.
  • Die Raten für die Sowjetunion beruhen auf den Schätzungen von R. J. Rummel, vgl. Lethal Politics und die Tabelle darin. Tatsächlich schafften die Roten Khmer nur eine Rate von 8,16% pro Jahr, vgl. R. J. Rummel: Power Kills und die Tabelle darin.

Siehe auch: Wie gefährlich ist etwas? (2) – einige Anmerkungen zu den Grenzen der vorgeschlagenen Vorgehensweise

 

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