Denunciations-Chronik

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Berliner Wespen, 28. Juni 1878

Denunciations-Chronik 1

Denunciant. Seit sieben Seideln sitze ich nun hier im Jägerkeller, ohne daß mir der Bucklige oder der Pole in’s Auge gefallen wäre!

„Das muß der langgesuchte kleine Bucklige sein! Schutzmann! Leute, faßt ihn, den Socialdemokraten!

Endlich gelingt es dem Denuncianten, wenigstens den Polen zu ergreifen. Ob dies der richtige ist, wird die Untersuchungshaft ergeben.

Denunciations-Chronik 2

Der Respirator erweist sich als bestes Mittel, an öffentlichen Orten den Mund zu halten und so jeder Denunciation zu entgehen.

Da es sich wiederholt nur um ein Glas Bier beim Denuncianten handelt, so sollen Freibierbuden für derartige Biedermänner errichtet werden.

Wichtiger Fang. Dem Schutzmann wurde eine Dame übergeben, welche zu einer anderen äußerte: „Heute Abend treffe ich ihn sicher!“

Denunciations-Chronik 3

Einführung des Phonographen in Leierkastenform, welche jedes verdächtige Wort an Eidesstatt auf die Walze bringen.

„Herr Denunciant, wenn Sie mal einen Ohrenzeugen brauchen, — mein Kleiner schwört schon ganz perfekt.“

Endlich wird der Denunciant, da er einen Taubstummen wegen lauter Majestätsbeleidigung angiebt, gelyncht und dem nächsten Schutzmann übergeben. Ende der Epidemie.

Erläuterung

Nach zwei Attentaten auf den Kaiser nutzt Bismarck die Gelegenheit, um ein Sozialistengesetz zu fordern. Die Sozialdemokraten stecken aber gar nicht hinter den Attentaten. Ziel von Bismarck sind weniger die recht unbedeutenden Sozialdemokraten, sondern die Liberalen, Fortschrittspartei und Nationalliberale, die er mit seiner Kampagne in die Enge treiben will. Von der Bevölkerung werden wilde Gerüchte gerne aufgenommen, um vermeintliche Attentäter zu lynchen und zu denunzieren.

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