Reptilien-Fütterung

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Berliner Wespen, 5. Juni 1878

Reptilien-FütterungDank den Bemühungen Seitens der Windthörste werden die
Welfen dem Preußischen Staat den Frieden noch nicht erklären, wordurch
der betreffende Fonds noch eine Weile in die unrechten Kehlen kommt.

Erläuterung

Am 12. Juni 1878 ist König Georg V. von Hannover im Exil in Paris gestorben. Er hatte sich beim Krieg von 1866 auf die Seite von Österreich gestellt. Dafür annekierte Preußen sein Reich und konfiszierte sein Vermögen. Nur wenn er auf seine Ansprüche verzichtet hätte, wäre sein Vermögen wieder an ihn gefallen. Doch dazu war der hannoversche König nicht bereit.

Das Vermögen wird als der sogenannte „Welfenfonds“ verwaltet. Er soll vorgeblich dazu dienen, Umtriebe des Welfenhauses zu verhindern, die aber nur Gerücht bleiben. Wie Bismarck sich in einer Rede ausdrückt, solle das „Reptil“ bis in seine Höhle verfolgt werden.

Tatsächlich dient der „Welfenfonds“ als geheime Kriegskasse für Bismarcks Politik. So wird etwa bei der Reichseinigung 1871 der bayrische König aus diesen Mitteln ausgekauft. Und insbesondere züchtet sich eine ihm hörige Presse, indem er Zeitungen hinter den Kulissen übernimmt oder genehme Journalisten subventioniert.

Eugen Richter verpaßt dem „Welfenfonds“ in Umdeutung des Kanzlerworts in „Reptilienfonds“ um. Die offiziöse Presse heißt ab nur noch „Reptilienpresse“, ihre Mitarbeiter werden entsprechend als „Reptilien“ bezeichnet und auch karikiert, meist als Drachen oder Krokodile.

Der hannoverische Thronfolger Ernst August II. von Hannover verzichtet nicht auf seine Ansprüche, womit der „Welfenfonds“ weiter zur Verfügung Bismarcks steht. Vertreter der welfischen Interessen in Deutschland ist die Deutsch-Hannoversche Partei, die eng mit dem katholischen Zentrum verbunden ist. Führer dieses Lagers ist Ludwig Windthorst, der 1878 auch am Begräbnis von Georg V. teilnimmt.

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