Einheit, Kraft, Ausdauer

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Berliner Gerichtszeitung, 2. Juli 1878

„Einheit, Kraft, Ausdauer.“ — Unter den Inschriften, mit welchen das Innere des Berliner Rathhauses geschmückt ist, befinden sich diese drei Worte, und zwar sind sie angebracht an der Wölbung, über der sich der Thurm erbebt. Sie sollen ein Wahr- und Wahlspruch sein des Bürgerthums, eine Warnung vor Parteiungen und Zersplitterungen. eine Mahnung zu festem Zusammenhalten und zur Beharrlichkeit. Die Bürger nicht bloß der Hauptstadt, sondern des ganzen Landes sollen dieser Worte gedenk sein, zumal in Zeiten, da es gilt. die Grundvesten des Gemeinde- und Staatswesens vor Erschütterungen und Bedrohungen zu sichern. Sie seien deshalb die Parole auch bei den bevorstehenden Wahlen!

Als bei den letzten Reichstagswahlen die Socialdemokratie in zwei Wahlbezirken als Siegerin hervorgegangen, in anderen mit bedrohlich imposanter Minorität aufgetreten war, da wurden selbst die Denk- und Wahlträgen aus ihrer Ruhe aufgerüttelt und bereuten, daß das Geschehene nicht mehr ungeschiehen zu machen sei. Sie erkannten, daß „Berlin sich nicht mit untilgbarer Schmach bedeckt hätte,“ wenn die liberalen Parteien der Residenz einig, und die ordnungsliebenden Bürger sich ihrer Kraft bewußt gewesen wären und sich an der Ausdauer der Gegner ein Beispiel genommen hätten. Pflicht der Presse ist es heut, darüber zu wachen, daß die nunmehr Erweckten wach bleiben und sich am Kampfe an der Wahlurne betheiligen.

Wir haben in den Tagen, da es, — wir möchten sagen — Mode war, gegen die Nationalliberalen loszuziehn, und als conservative und fortschrittliche Blätter ihre Pfeile auf Lasker, Bennigsen u. s. w. abdrückten, unserm Verdruß über die ehemaligen Freunde Zügel angelegt und uns jedes bitteren Wortes enthalten. Je tiefer wir die innerhalb der freisinnigen Parteien eingetretene Spaltung beklagten, desto eifriger suchten wir die Mittel zur Füllung des Risses, eine Brücke zur Versöhnung, desto lebhafter befürworteten wir, besonders wenn Wahlen zum Land- oder Reichstage bevorstanden, und namentlich als Herr v. Bennigsen Aussicht hatte, in das Ministerium einzutreten, die Einstellung des Parteigezänks und der persönlichen Anfeindungen. Befehdeten sich doch die einstmals Befreundeten mit einer Wuth, als lebten sie in erklärtem Kriegszustande! fielen doch die [nationalliberale] National-Zeitung, Schlesische Presse, Magdeburgerin etc. über [die fortschrittliche] Vossische, Volkszeitung etc. und diese über jene mit dem spitzesten Stahl ihrer spitzen Federn her! bezichtigten sie doch einander der schlimmsten politischen Fehler, Sünden, ja Vergehen! Die Fortschrittler warfen den Nationalliberalen vor, daß sie mattherzig, vertrauensseelig, Rechnungsträger, Streber, kurzsichtig, Abtrünnige, Sophisten und, — auch dieses Scheltwort ward gehört, — Verräther seien an der heiligen Sache des Volks. Die Nationalliberalen aber zauderten nicht, die Liebenswürdigkeiten zu erwidern und den Herren Richter, Virchow und Genossen die Titel Principienreiter, Krakehler, Verblendete, Blinde, Starrköpfe, Um- und Ueberstürzler, Verderber u. dgl. m. beizulegen. Heil dem Lande, daß es keines Congresses bedurfte, um die scheinbaren Unversöhnlichen zum Friedensschlusse zu bewegen! In der Stunde der Gefahr haben sie sich wieder- und zusammengefunden. Von gleicher Verehrung für den Kaiser, von gleicher Liebe zum Vaterlande und von gleichem Wunsche für die Erhaltung der freiheitlichen Errungenschaften des Volkes erfüllt, haben sie sich verbunden, um den von rechts, links und — aus dem Centrum drohenden Gegnern die Stirn zu bieten. Die von diesen Gegnern ausgegebenen Wahlprogramme haben nur zu deutlich gezeigt, wessen sich die liberale Sache von den Feinden zu versehen hat. Nicht einzelne Rechte, nicht einige mehr oder minder revisionsfähige oder -bedürftige Gesetze stehen auf dem Spiel; es handelt sich vielmehr darum, daß wir für einen immerhin noch sehr fraglichen Gewinn an politischer und finanzieller Wohlfahrt die ganze Entwickelungsgeschichte der letzten dreißig Jahre, Alles, was wir an verfassungsmäßigen Freiheiten mühsam errungen haben, als Einsatz wagen sollen.

Mit lebhafter Freude begrüßen wir deshalb die zwischen den liberalen Parteien wiederhergestellte Eintracht, wie sie sich sowohl in Berlin und namentlich bei der Versammlung des sechsten Wahlbezirks in wahrhaft erhebender Weise als auch in den Provinzen Preußens und in verschiedenen Ländern des deutschen Reiches kundgegeben hat. — Jetzt gilt es, wie oben schon angedeutet, nach drei Richtungen hin die Augen aufzuhalten; es gilt zu erkennen, wo die liberale Partei vorzugehen, wo sie, auf die Defensive verwiesen, ihren Besitz zu vertheidigen, den Ansturm der Gegner abzuschlagen und sich fest und fester um das alte Banner zu schaaren hat. Die Socialdemokraten, gegen welche die Conservativen und Klerikalen mit den Liberalen vorgehen wollen, werden sich nicht so leicht „aus dem Felde schlagen lassen“, als Der und Jener vermeint; sie werden trotz Polizei, gestrenger Landräthe und Arbeitgeber unter dem Schutze der geheimen Abstimmung und der geheimen Verabredung gemäß für ihre Candidaten einstehen. Zeugniß dafür giebt die Sprache ihrer Blätter. Sie halten zusammen auch da und erst recht da, wo, wie hier und im sächsischen Landtage geschehen, die liberalen Fractionen sich verbündet haben. Zeugniß dafür ist die Thatsache, daß sie nicht bloß die sieben Sitze, welche sie bisher in Sachsen inne hatten (Dresden links der Elbe, Leipzig Land, Chemnitz, Glauchau, Zwickau, Stolberg und Reichbach im Voigtlande) behaupten wollen, sondern daß sie, — wie das socialdemokratische Wahlcomité in Hamburg anzeigt, — mit aller Kraft vorgehen wollen, um außer jenen sieben auch noch die sächsischen Kreise Freiberg, Borna, Mittweida und Zschoppau, welche bisher nationalliberal und conservativ vertreten waren, zu erobern. —  Wie sie sich aber auch anstrengen mögen, — sie werden es besten (d. h. für uns schlimmsten) Falles doch wieder nur zu einem für die Entscheidungen des Reichstages unbedeutenden Häuflein von Deputirten bringen. Größer ist die Gefahr, daß die Conservativen und vielleicht auch die Klerikalen bedeutenden Zuwachs und dadurch Einfluß auf die Abstimmungen über die wichtigsten Lebensfragen der Zukunft gewinnen.

Ueber das Programm der Ersteren haben wir uns bereits ausgesprochenSie rücken ln die Wahlschlacht, verstärkt durch den Anhang der „Christlich-Socialen“. Ueber diese wunderlichen Heiligen der letzten Tage schreibt die „Magdeb. Ztg.«: „Die Huldigungen, welche die Berliner Pastoralconferenz in der bekanntlich die extremste confessionelle und orthodoxe Richtung die Oberand behauptet, dem Herrn Stöcker und seinem christlichen Socialismus neuerdings dargebracht hat, müssen Jedem die Augen darüber öffnen, was es mit dem Christenthum und dem Socialismus dieser Leute auf sich hat. Hier ein Christenthum, das den Geist der evangelischen Freiheit verleugnet und nur eine Richtung in der Kirche geduldet wissen will, dort die Vernichtung aller bürgerlichen Freiheit und der Kampf gegen den als Liberalismus gebrandmarkten nationalen Geist unseres Volles, das sind die wesentlichen Merkmale der christlich-socialen Arbeiterpartei, für deren Führer der Arbeiter Nichts weiter ist als Stimmvieh, mit dessen Hilfe sie die Wege zu bahnen hoffen, auf denen die politische wie kirchliche Reaction mit fliegenden Fahnen im deutschen Reiche und in Preußen ihren Einzug halten soll.“

Die Klerikalen haben, ihrer früheren Devise getreu, die Worte „Wahrheit, Freiheit und Recht“ in ihr Programm und den „Kampf gegen die Socialdemokratie und — gegen den Liberalismus“ auf ihre Fahnen geschrieben. Das hindert jedoch die „Germania“ nicht, einen Artikel zu veröffentlichen, der sich an Hetzerei gegen die Besitzenden mit den wildesten socialdemokratischen Blättern messen kann. Sie schreibt nämlich aus Essen vom 26. Juni: „Vorgestern tagte hier eine von 600 Personen besuchte Fabricantenversammlung, an der auch Herr Krupp theilnahm. Es handelte sich um den Feldzugsplan gegen die Socialdemokraten. Charakteristisch ist, daß bei der Debatte betont wurde, die Christlich-Socialen katholischer und protestantischer Färbung seien mindestens eben so gefährlich wie die Socialdemokraten. Für eine wirthschaftliche Reform, die auch dem Handwerker, Arbeiter und überhaupt dem kleinen Manne zu Gute kommt, scheint also ein Theil dieser Herren keinen Sinn zu haben. Wenn sie nur ungestört ihre Geldsäcke füllen können; am Uebrigen liebt ihnen wenig. Das Stärktste im Hasse gegen die Christlich-Socialen leistete ein Dr. Natorp. Ein Blatt meint: Wenn es nach dem Wunsche dieses Herrn ginge, so würde sämmtlichen Arbeitern des Erdkreises ein Ring durch die Nase gezogen, woran sie Morgens zur Arbeit gezogen und Abends nach Hause geführt würden. Diese Arbeiter- und Katholikenfresser werden später selbst die Früchte ihrer Arbeit sehr sauer finden.“

Der Artikel, welchen die [offiziöse] „Prov.-Corresp.“ über die Wahlen veröffentlicht, und den man als eine Art Wahlprogramm der preußischen Regierung bezeichnet hat, ist viel zu allgemein gehalten, bringt über die politische Haltung, die Finanz- und Steuerpläne der Regierung gar zu wenig Aufschluß, als daß er geeignet wäüre, die Gemüther der vor einer Reaction Besorgten zu beruhigen. Hatte er etwa den Zweck, die jetzt vereinten Liberalen wieder zu spalten, so ist, — wie sich schon heut erkennen läßt, — dieser Zweck gänzlich verfehlt: sie werden, das steht mit Sicherheit zu hoffen, — einig bleiben, und ihr Bund wird zum Segen des Landes seine Kraft und Ausdauer bewähren.

Anmerkungen

Nach der Auflösung des Reichstags stehen die Wahlen für den 30. Juli 1878 an. Die Berliner Gerichtszeitung steht dem linken Flügel der Nationalliberalen nahe, der sich 1880 als Liberale Vereinigung nahe. Sie vertritt dabei die Zusammenarbeit mit der Deutschen Fortschrittspartei, die sich 1884 dann mit der Liberalen Vereinigung zur Freisinnigen Partei vereinigt.

Siehe auch:

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